Bauen

Die evangelische Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau. (Foto: Vollmar)

19.07.2013

Symbolwert von Gebäuden

Nachwachsende Denkmäler – Nachkriegsarchitektur der 1960er und 1970er Jahre

Fritz, 80 000 Deutsche haben Hitler den Rücken gekehrt und sich mir zugewandt.“ Der Satz stammt von Robert Allan Zimmermann, besser bekannt als Bob Dylan. Angesprochen ist der Konzertveranstalter Fritz Rau, der für den amerikanischen Liedermacher am 1.Juli 1978 auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg einen Auftritt organisierte hatte. Des näselnden Sängers provisorisches Podium war gegenüber Hitlers steinerner Rednertribüne aufgebaut und zum Schluss des Konzerts intonierte Dylan einen programmatischen Titel „The Times They Are a-Changin’“ und die Zeiten hatten sich tatsächlich geändert. Das ursprüngliche Zeppelinfeld, ab 1934 von Albert Speer als Aufmarschplatz mit der vom Pergamon-Altar inspirierten Tribüne umgestaltet, war spätestens mit Dylan demokratisiert. Anders als andere Nachnutzungen, wie als Rennstrecke „Norisring“, verstärkte dieses Konzert den Mahnmalcharakter.
Architekturgeschichte muss also nicht zwangsläufig von Architekten geschrieben sein. Als man Anfang der 1960er Jahre das Wohn- und Empfangsgebäude für den Bundeskanzler in Bonn plante, ging der Auftrag nicht von ungefähr an den Münchner Architekten Sep Ruf. Ruf galt als Garant für eine Architektursprache, die eine demokratische und weltoffene Bundesrepublik widerspiegeln sollte. Auftraggeber – und hier kommt die architekturhistorische Bedeutung des Bauherrn ins Spiel – war der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, für den Ruf bereits 1955 einen Flachdachbungalow über dem Tegernsee errichtet hatte.
Während Erhard, 1963 zum Kanzler gewählt, in diesem Bau sich selbst und zwar besser als in einer politischen Rede repräsentiert sah, nörgelte Altkanzler Konrad Adenauer: „Ich fürchte, der brennt nicht mal, da kann kein Mensch drin wohnen. […] ich weiß nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre.“ Der „Kanzlerbungalow“ steht seit 2001 unter Denkmalschutz und ist letztlich auch ein demokratisches Manifest gegen die braune Vergangenheit und zeigt den Wandel der 1960er Jahre auf. Die Architektursprache knüpft bewusst an die, von den Nazis verpönte so genannte Klassische Moderne an.
Architektur als demokratische Befreiung, das zeugt einmal mehr vom Symbolwert von Gebäuden. Und dessen waren sich selbstredend auch die Hauptakteure, die Architekten bewusst. Selten wird ein solcher Befreiungsakt so deutlich wie am Beispiel der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Die Planung entstand zur gleichen Zeit wie die des „Kanzlerbungalows“. Natürlich wäre eine vergleichbar sachlich-moderne, von Stahl und Glas geprägte Architektursprache eine angemessene Antwort auf diesen Menschen verachtenden Ort mit einer stabsmäßig aufgereihten Fundamentstruktur der ehemaligen Baracken gewesen.

Die Kanzler mochten den Kanzlerbungalow nicht


Den 1. Preis eines Architektenwettbewerbs von 1964 erhielt allerdings eine Arbeit zugesprochen, die sich weit vom Vorbild damaliger Architektengötter wie Ludwig Mies van der Rohe oder Arne Jacobson entfernt. Der prämierte Mannheimer Architekt Helmut Striffler, ein ehemaliger Mitarbeiter von Egon Eiermann zu seiner Intension: „Die Bewegtheit der Baugruppe bringt in gleichnishafter Weise eine Darstellung des frei sich entfaltenden Lebens, dass die primitive Gesetzmäßigkeit der Lagerwelt überwindet.“
Der Sichtbetonbau, und nichts anderes bedeutet „Betonbrutalismus“, ist gleichzeitig ein Symbol für die Befreiung des Vernichtungslagers. Nicht nur die (Um-)Nutzung ideologisch kontaminierter Bauten, sondern auch die Architektur der Nachkriegszeit selbst, ist (auch) eine demokratisch legitimierte Auseinandersetzung mit Geschichte.
Adenauers Kritik an der Architektur des „Kanzlerbungalow“ ist bezeichnend und eigentlich bis heute gültig. Übrigens mochten auch seine Nachfolger, egal welcher parteipolitischen Couleur, den Ruf-Bau nicht, mochten entweder gar nicht dort wohnen oder ließen wie Helmut Kohl umfangreiche wie biedere Umgestaltungen vornehmen. Letztlich war Ludwig Erhard, der dicke Fürther mit der Zigarre, was moderne Architektur angeht, fortschrittlich wie wenig andere Politiker dieser Zeit.
Wenn die Vorurteile gegen die Architektur der 1960er und 1970er Jahre noch heute weit verbreitet sind, so ist dies auch darin begründet, dass die Kritik an zeitgenössischer Architektur in diesen Jahren ein öffentliches, in den Medien diskutiertes Thema darstellte. Einen, in dieser Nachwirkung so wohl nicht zu erwartenden Beitrag leistete auch die staatliche Denkmalpflege mit einer seinerzeit vielbeachteten Ausstellung zum Europäischen Denkmalschutzjahr von 1975. Unter dem Titel „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ hagelte es zunächst geharnischte Kritik am Umgang mit den klassischen Kulturdenkmalen, die den Zweiten Weltkrieg überdauert hatten.
In plakativen Vorher-Nachher-Schautafeln wurde die städtebauliche und architektonische Qualität des Wiederaufbaus ebenso angeprangert, wie die respektlosen Flächensanierungen, sprich Abriss der Stadterweiterungen des späten 19. Jahrhunderts. Die bis dahin als Kitsch geschmähte Architektur der so genannten Gründerzeit trat 1975 endgültig als „nachwachsender“ Denkmalbestand ins Bewusstsein. So konnte unter anderem das Kurhaustheater in Augsburg-Göggingen seinerzeit unter Denkmalschutz gestellt als eines der herausragenden baulichen Zeugnisse dieser Epoche in Bayern erhalten werden.
In absoluten Misskredit hingegen stellte man die zeitgleich entstandenen Bauten. Auch dann, wenn sich diese damals der Einflussnahme staatlicher Denkmalpflege entzogen. Offensichtlich ahnte man zumindest, dass Baudenkmale und Baukultur doch enge Verwandte sind und es sich unterschwellig, wenn nicht um nachwachsende, dann doch um keimenden Denkmalbestand handeln könnte. Anschaulich dazu war bei der Münchner Präsentation von „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ eine Ausstellungstafel mit dem Titel „Denkmäler sind Zeugnisse unserer Geschichte“. Zu sehen ist eine Wegkapelle, eine Windmühle und ein niederdeutsches Bauernhaus. Den traditionellen Denkmälern ist das wenige Jahre zuvor fertiggestellte BMW-Hochhaus zugeordnet. Die mit polemischem Unterton beigefügte Frage „[…] ein zukünftiges Denkmal?“ wurde ein viertel Jahrhundert später tatsächlich und unwidersprochen mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet.

Bewusst eingesetztes Gestaltungselement


Wie 1975 die Gründerzeitarchitektur als nachwachsender Denkmalbestand vermittelt werden konnte, gilt es heute die Baukultur der 1960er und 1970er Jahre anzuerkennen. Für die staatliche Denkmalpflege mag mancher ein Dilemma vermuten, wenn man Bauten, die vor einer Generation verteufelt wurden, heute einen Denkmalstatus zuspricht. Dies aber nur bei oberflächlicher Betrachtung. Die Zeiten ändern sich und wir, auch die Denkmalpfleger ändern sich mit/in den Zeiten. Und die notwendige Distanz, die das Bayerische Denkmalschutzgesetz mit „vergangene Zeit“ reichlich unbestimmt definiert, ist längst gegeben.
Die Denkmalpflege wird auch in ihrem Engagement für die Nachkriegsarchitektur nicht mehr (nur) als Gegner betrachtet. Tatsächlich vollzog sich die Unterschutzstellung des 1971 fertiggestellten Münchner Kultrestaurants „Tantris“, mitsamt seiner Inneneinrichtung, unter dem Applaus des Publikums und als empfundene Ehre für den Eigentümer und den Architekten. Justus Dahinden, der Schweizer Stararchitekt hatte an der Münchner Freiheit 1973 ein weiteres Projekt realisiert. Das „Schabylon“, ein Ladenzentrum, war, weil Investitionsruine, bereits 1979 wieder verschwunden.
Aber auch der Umgang mit der erhaltenen Baukultur der Nachkriegszeit war in den letzten Jahren nicht immer sensibel und widerspricht teilweise grob dem Wesen der Architekturepoche. Das einzige bayerische Objekt, das von Justus Dahindens eigentlichem Metier, dem Sakralbau zeugt, ist die katholische Kirche „Zur Göttlichen Vorsehung“ in Königsbrunn bei Augsburg. Die architektonische Großskulptur ist von charakteristischen Sichtbetonfassaden, hergestellt mit einer sägerauen Brettschalung, geprägt. In Folge einer missverstandenen „Sanierung“ ist dieses um 1970 bewusst eingesetzte Gestaltunginstrument seit einigen Jahren in einem egalisierenden Kunststoffanstrich ertränkt.
„Betonsanierung“ ist ein Thema beim denkmalgerechten Umgang mit den nachwachsenden Denkmälern. Energetische Ertüchtigung und Umnutzung ein anderes. Für die der Evangelische Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau werden solche Maßnahmen irgendwann anstehen. Die Verantwortlichen, so die Hoffnung, werden sich der epocheprägenden Architektur und ihres Bedeutungsinhalts bewusst sein. (Bernd Vollmar - der Autor ist Landeskonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege)

(Die katholische Kirche "Zur Göttlichen Vorsehung" in Königsbrunn - Foto: Vollmar)

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