Bauen

Das neue Fliegl Werk in Mühldorf. (Foto: Fliegl Agrartechnik)

19.07.2013

Über 3000 Betonfertigteile verbaut

Werksneubau der Fliegl Agrartechnik in Mühldorf

Die Verlagerung des Hauptsitzes der Firma Fliegl von Töging nach Mühldorf ist die größte Investition in ihrer Geschichte. Das innerhalb von 3 Jahren geplante und errichtete Werk dokumentiert in beeindruckender Weise die Entwicklung der in der Agrartechnik tätigen Firma zu einem weltweit agierenden Unternehmen. Dies spiegelt sich schon in den Ausmaßen des neuen Werks wider, das auf rund 30 Hektar Grund im Norden von Mühldorf/Oberbayern entstanden ist. Allein die Produktionshalle ist rund 400 Meter lang und bis zu 200 Meter breit. Rund eine Million Kubikmeter umbauter Raum und 7,5 Hektar überdachte Fläche nimmt die Baumaßnahme ein, die im März 2013 abgeschlossen werden konnte.
In dem nach logistischen Gesichtspunkten erstellten Gebäude-Ensemble werden sämtliche Betriebsabläufe erfasst, zusammengeführt und abgewickelt. Die verschiedenen Funktionsbereiche – Planung, Verwaltung, Produktion, Lagerung, Präsentation und Verkauf – stellen ihre spezifischen Anforderungen an das Bauwerk.
Der vom Architekturbüro Reithmeier, Neuötting, geplante Bauabschnitt 1 umfasste die Fahrzeugfertigungshalle, das Reifenlager, das Hochregallager, den angeschlossenen Verwaltungsbau sowie die Technikzentrale zur Energieversorgung. Ihm folgten im Bauabschnitt 2, der vom Laumer Ingenieurbüro geplant und konzipiert wurde, ein Ausstellungsgebäude mit Büro, der Pfortenbereich, ein Sozialtrakt sowie eine Verladehalle. Dabei stellte der Bauherr höchste Anforderungen an die architektonische Gestaltung, insbesondere im Bereich des Ausstellungs- und Verkaufsgebäudes, wo die aktuellen Firmenprodukte in einem geeigneten und ansprechenden Ambiente präsentiert werden sollen.
Ausgeführt wurde das Projekt in der zeitgemäßen und zeitsparenden Bauweise aus massiven Stahlbetonfertigteilen. Die breit gefächerte Aufgabenstellung führte zu einer ganzen Reihe von konstruktiven Lösungen und Besonderheiten, wie sie für den Baufachmann und speziell den Fertigteilkonstrukteur und -statiker interessanter nicht sein könnten.
Die Fahrzeugfertigungshalle wurde als klassischer Betonfertigteil-Skelettbau mit Spannbetonbindern, Fertigteilstützen und Fertigteilköcherfundamenten ausgeführt. Bei einer Gesamtlänge von 375 Metern, einer Breite von 155 Metern sowie einer Höhe von 12,80 Metern stellt diese Halle den weit aus größten Gebäudeteil des gesamten Bauvorhabens dar. Um in der Fertigungshalle eine möglichst hohe Funktionalität und größtmögliche Freiheit für die Produktion zu erreichen, wurde vom Bauherrn im Halleninneren ein großzügiges Stützenraster mit 12 Metern Stützenabstand in Längs richtung und 22 Metern Stützenabstand in Hallenquerrichtung vorgegeben. Dieses Raster machte bei der Dachkonstruktion ein Primärtragsystem aus 12 Meter weit gespannten Betonfertigteilpfetten und ein Sekundärsystem aus 22 Meter langen Spannbetondachbindern erforderlich.
Eine weitere konstruktive Besonderheit in der Fahrzeugfertigungshalle kam in dem Bereich der Halle zur Ausführung, wo Fahrzeugteile lackiert und anschließend getrocknet beziehungsweise gelagert werden. Dieser Hallenbereich wurde mit einer größeren Höhe (18 Meter) ausgestattet, damit die lackierten Fahrzeugteile im Bereich der Dachebene mittels einer speziellen Hängekrananlage an der Unterseite der Pfetten und Binder transportiert werden können. Voraussetzung dafür war ein unterer bündiger Abschluss der Binder und Pfetten. Aus Gewichtsgründen war es erforderlich, die Fertigteildachpfetten bei höchstmöglicher Tragfähigkeit möglichst filigran auszubilden. Zu diesem Zweck wurden die Pfetten als Fachwerkträger konstruiert. Neben der statisch ausgefeilten Konstruktion enstand damit auch ein optisch attraktives Ergebnis bei der Dachkonstruktion.

Hohe bauliche Ansprüche


Neben der Fahrzeugfertigungshalle, die aufgrund der flächigen Grundrissabmessungen den Gebäudekomplex dominiert, sticht von weitem das in die Fahrzeughalle integrierte Hochregallager mit seiner Gebäudehöhe ins Auge. Hier werden die für die Produktion der Fahrzeugteile benötigten Komponenten in einem vollautomatischen Regalsystem eingelagert. Bei einer Gebäudehöhe von über 25 Metern und einer Gebäudebreite von 36 Metern bestand die statische Herausforderung darin, eine geeignete Tragkonstruktion für die hohen einwirkenden Belastungen insbesondere aus Wind zu finden. Zur Überbrückung der Gebäudebreite wurden 36 Meter lange Spannbetonbinder eingesetzt. Zur Sicherstellung eines ausreichend steifen Tragwerks wurden die Spannbetonbinder mit den FT-Stützen zu einer biegesteifen Rahmenkonstruktion verbunden.
Während bei den Gebäudebereichen des ersten Bauabschnitts vor allem die Zweckmäßigkeit und die Logistik für die Ausführung der Tragkonstruktion im Vordergrund stand, galt es bei der Verwirklichung des zweiten Bauabschnitts neben den vielschichtigen funktionalen Vorgaben des Bauherrn besonders auch den hohen architektonischen Ansprüchen gerecht zu werden. Wiederum kamen vorwiegend Betonfertigteile zur Anwendung. Lediglich die Geschossdecken beziehungsweise Bodenplatten wurden vor Ort betoniert.
Das bei Laumer entwickelte städtebauliche Konzept sieht vor, dem ersten Bauabschnitt der neuen Firmenzentrale einen nach außen sichtbaren Abschluss zu geben und einen eindeutigen Eingangsbereich auszubilden. Zu diesem Zweck wurden die Ausstellungshalle, der Pfortenbereich, das Verwaltungsgebäude und die neue Verladehalle in eine bandartige Struktur gefasst. Den Kopf dieser etwa 200 Meter langen Struktur bildet die abgerundete Ausstellungshalle, die sich so städtebaulich dem Verlauf der angrenzenden Umgehungsstraße anpasst. Durch die langgestreckte Gebäudekonzeption lassen sich die unterschiedlichen Anforderungen hinsichtlich Belichtung und Größe der Öffnungen architektonisch und gestalterisch ansprechend umsetzen.
Zusammengefasst werden diese unterschiedlichen Bereiche durch ein etwa drei Meter hohes rotes Band aus geschlossenen Beton-sandwichwänden im Bereich der Attika, das auch die Rundung der Ausstellungshalle nachzeichnet. Der zweite Bauabschnitt bildet zusammen mit dem Gebäudekomplex des Produktionsbereichs und der Unterstellhalle im Süden einen Betriebshof aus, der auch als Erschließungs- und Lagerfläche Firmenzentrale wird durch eine markante Vordachkonstruktion für Besucher und Anlieferer deutlich gekennzeichnet und schafft so eine eindeutige Eingangssituation.
Die Vorgabe einer stützenfreien Konzeption der Ausstellungshalle wurde durch ein „spinnennetzartiges“ Tragsystem aus Abfangträgern und Binderkonstruktionen gelöst. Die anfallenden Lasten aus dem Dachbereich werden durch den zentral eingestellten Treppenhausturm abgetragen. Die einzelnen Betonfertigteilschalen dieses zentralen Erschließungselements fügen sich durch offene beleuchtete Fugen zu einer Rotunde zusammen und sind durch Stege und den eingestellten Büroteil angeschlossen. Ein umlaufendes Podest im Obergeschoss ermöglicht die Draufsicht auf die ausgestellten landwirtschaftlichen Geräte.
Der Ausstellungsbereich grenzt sich von den Verkaufsräumen in diesem Bereich durch eine transparente Trennwand ab, wodurch der großzügige Charakter der Ausstellungshalle erhalten bleibt. Ein offener Steg über die Anlieferung und den Pfortenbereich verbindet witterungsgeschützt den Verwaltungsbereich mit dem Ausstellungsgebäude.
Um die beschriebene Flexibilität in der Ausstellungshalle zu gewährleisten, musste eine stützenfreie Tragwerkslösung für diesen Bereich gefunden werden. Auf Wunsch des Bauherren sollte das Dachtragwerk zudem als filigrane Flachdachkonstruktion mit vielen Aussparungen in den Dachbindern ausgebildet werden.
Als Rahmenbedingungen von der Fertigungsseite her war eine maximale Binderlänge von 40 Metern und ein maximales Fertigteilgewicht von 40 Tonnen einzuhalten. Zum Ergebnis führten ein Dachtragwerk aus vorgespannten Abfangträgern und eingehängten Spannbetonbindern mit 150 Zentimetern Höhe, das im Grundriss an ein Spinnennetz erinnert.
Großzügige und variable Nutzungsmöglichkeiten waren auch bei der Konstruktion des Bürobereichs Vorgabe des Bauherrn. Eine Flachdecke ohne Unterzüge, große Deckenspannweiten und filigrane Ortbetonstützen tragen dem Rechnung. Auch der Pfortenbereich fügt sich nahtlos in das optisch ansprechende Erscheinungsbild des Neubaus ein. Charakteristisch für diesen Bereich ist die Vordachkonstruktion aus auskragenden Betonfertigteilen, die sich vom Ausstellungsgebäude über den Pfortenbereich bis zur Verwaltung erstreckt.
Der dreigeschossige Verwaltungstrakt ist an das Ausstellungsgebäude im Bereich der Pforte über einen Stahlsteg zu erreichen und wurde als klassischer Fertigteilbau mit Ortbetondecken realisiert. Bei der ebenfalls in diesem Gebäudekomplex integrierten Auslieferungshalle stellt das Stahl-Vordach mit einer Auskragung von über acht Metern ein markantes konstruktives und funktionelles Element dar. Um zu große Verformungen der anschließenden Fertigteilstützen zu vermeiden, wurde die Trapezblecheindeckung in diesem Bereich als aussteifendes Dachschubfeld ausgebildet.
Auf einer umbauten Fläche von mehr als 70 000 Quadratmetern entstand eine komplett neue Produktions- und Verwaltungsstätte für ein Maschinenbauunternehmen von Weltrang. Insgesamt wurden dafür über 3000 Betonfertigteile mit einem Volumen von mehr als 10 000 Kubikmetern Beton verbaut. (BSZ)

(Die Ausstellungshalle und ein Blick in die Hallen - Fotos: Fliegl Agrartechnik)

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