Bauen

Unten Ziegel, oben Holz. Zwei von drei Häusern in Bayern wurden 2014 so gebaut. Der Freistaat will dies ändern. Zum Leidwesen vieler etablierter Bauschaffender. (Foto: Bilderbox)

19.06.2015

Verstoß gegen Neutralität

Bauwirtschaft entrüstet über Holzbau-Broschüre des Freistaats

Das bayerische Bauministerium hat zusammen mit dem bayerischen Forstministerium eine 83 Seiten umfassende, digitale Broschüre zum Vorteil der Holzbauweise auf einer eigens dafür eingerichteten Website aufgelegt. Vor Kurzem brachten sie die Publikation gemeinsam an den Start. Darf der Freistaat als einer der größten Waldbesitzer eine Bauweise derart bevorzugen und daraus selbst Vorteile ziehen? Unternehmer Johannes Edmüller, Geschäftsführer des mittelständischen Ziegelherstellers Schlagmann Poroton aus dem niederbayerischen Zeilarn, stellt dies empört in Frage. Er beklagt eine staatlich verordnete Wettbewerbsverzerrung.
In der digitalen Broschüre Holz – zeitlos schön werden sieben staatliche Holzbau-Projekte, die die Staatsregierung in Auftrag geben ließ, vorgestellt. Diese will laut einer gemeinsamen Pressemitteilung des bayerischen Bauministeriums und des bayerischen Forstministeriums „das Bauen mit Holz weiter voranbringen“. Für Unternehmer Edmüller, der erst vor Kurzem mit dem Bayerischen Mittelstandspreis von Ministerpräsident Horst Seehofer ausgezeichnet wurde und sich in vielen Gremien der Bauindustrie unter anderem auch über seine Stiftung für die Förderung des Nachwuchses am Bau engagiert, ist dies ein Schlag gegen den freien Wettbewerb unter gleichrangigen Bauprodukten.

Einseitige Unterstützung


„Eine staatliche Förderung von Werbemaßnahmen des Holzmarketings – und als nichts anderes ist diese Publikation einzuordnen – ist absolut inakzeptabel und zudem rechtlich nicht haltbar“, so Johannes Edmüller aufgebracht. „Eine Behörde wie die Oberste Bayerische Baubehörde als Teil des Bau- und Innenministeriums unterliegt einer strikten Neutralität, die durch die Veröffentlichung dieser Broschüre eindeutig verletzt wurde.“
Eine derartige Einflussnahme könne in der Tat einen eindeutigen Verstoß des europäischen Beihilfeverbots nach Artikel 107 AEUV darstellen und eine bedenkliche Verzerrung des Wettbewerbs der Bauprodukte mit sich ziehen. Dies untermauert auch ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2009, in dem die Grenzen einer staatlichen Finanzierung der Holzwirtschaft gezogen wurden und die Finanzierung des damaligen Holzabsatzfonds als verfassungswidrig erklärt wurde. Nicht nur, dass der Freistaat Bayern mit derartigen Aktionen einseitig einen Baustoff fördert, hier wird die gesamte Branche des Mauerwerksbaus in Mitleidenschaft gezogen.
Gerade das ausführende Handwerk, die regional ansässigen Bauunternehmen, werden mit dem Präferieren der Holzbauweise völlig außen vor gelassen, kritisiert Edmüller. Hätten doch gerade sie, aufgrund des um sich greifenden Fachkräftemangels, Hilfe von staatlicher Seite dringend nötig. „Wenn die einseitige Unterstützung durch das politische Lobbying ’pro Holzbau’ die zukünftige Ausrichtung der Bayerischen Staatsregierung ist, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für einen Großteil der mittelständischen Unternehmen der bayerischen Bauwirtschaft zusammen mit ihren tausenden Mitarbeitern“, betont Johannes Edmüller, selbst verantwortlich für 320 Mitarbeiter an vier Standorten in Bayern.
Eine Studie belegt außerdem: Die Ökobilanz eines Holzhauses ist nicht besser als die eines massiven Hauses. In der bereits genannten Pressemitteilung wird Forstminister Brunner zudem zitiert, heimisches Holz sei wegen seiner hervorragenden technischen und raumklimatischen Eigenschaften sowie seiner unschlagbaren Ökobilanz der Baustoff der Zukunft. Dem jedoch widerspricht Carl-Alexander Graubner, Professor an der Technischen Universität Darmstadt, Institut für Massivbau, der in einer Studie von 2009 verschiedene Bauweisen hinsichtlich ihrer Ökobilanz untersucht hat.
Graubners Fazit: „Dabei gibt es wissenschaftlich gesehen in Punkto Ökologie nur marginale Unterschiede zwischen Holz- und Massivbauweisen. Laut unseren Studien sind Häuser in Holzständerbauweise für die Lebenszyklusphase ’Herstellung’ bezüglich ihres Wirkungsindikators ’Primärenergiebedarf’ sogar ungünstiger als massive Varianten.“ Auch die technischen und raumklimatischen Eigenschaften des Holzes seien nicht besser als von jedem massiven Baustoff. (BSZ)

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