Bauen

Das futuristische Kunsthaus vom Schlossberg aus gesehen. (Foto: Hettler)

18.05.2012

Vom "friendly alien" zur Murinsel

Architektur-Spaziergang in der Altstadt von Graz

Eine gelungene Symbiose von Alt und Neu bestimmt das Stadtbild von Graz. In der Landeshauptstadt der Steiermark existiert zeitgenössische Baukunst und Architektur in einer Dichte, die manch europäische Metropole in den Schatten stellt. Dabei konzentriert sich neue Architektur jedoch eher am Rand der Grazer Altstadt, die eine der größten zusammenhängenden im deutschsprachigen Raum darstellt, da sie während des Zweiten Weltkriegs kaum zerstört wurde.
Die Altstadt wurde 1999 wegen ihres Erhaltungszustands und weil ihre baugeschichtliche Entwicklung im Altstadtbild ablesbar ist, zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und 2010 auf Stadt Graz – Historisches Zentrum und Schloss Eggenberg erweitert. Diese Auszeichnung ist verbunden mit der Verpflichtung, das historische Erbe mit seinem seit der Gotik errichteten Bauensemble zu erhalten und neue Architektur harmonisch einzufügen. Die meisten Grazer Sehenswürdigkeiten befinden sich daher auch in der Altstadt, die sich über den gesamten Bezirk Innere Stadt erstreckt.
Nachdem Graz 2003 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt worden war, erhielt man jetzt auch noch von der UNESCO den Titel „City of Design“. In Graz haben architektonische Freigeister schon seit Jahren Tradition. Bereits in den 1960er Jahren machten sich einige tollkühne, rebellische Absolventen der Architekturfakultät an das nicht unbescheidene Vorhaben, das Rad der Architektur neu zu erfinden. Die „Grazer Schule“ wurde zu einer international beachteten Größe. War das Nebeneinander von Tradition und Moderne zunächst als Provokation gedacht, wurde daraus ziemlich schnell Selbstverständlichkeit und ist heute aus dem Grazer Stadtbild nicht mehr wegzudenken.
Urkundlich erstmals erwähnt wurde Graz 1128. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis Anfang des 17. Jahrhunderts (1619) war man sogar Residenzstadt und damit Anziehungspunkt für viele Adelige und Kaufleute. Dies schlug sich baulich in zahlreichen schönen Palais und Häusern nieder, die noch heute zu bestaunen sind.
Das Besondere dieser alten Häuser ist, dass sie zur Straße hin eine relativ schmale Fassadenfront haben, sich aber nach hinten enorm in die Länge ziehen, was die Bildung zahlreicher großer Innenhöfe ermöglichte, in denen sich das Leben auch heute noch abspielt. In der Renaissance wurde Graz massiv befestigt, um die Grenze nach Osten zu sichern. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde dieses starre Korsett geöffnet und es entstanden wieder Neubauten. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs Graz weiter und 1938 wurden auf Befehl Adolf Hitlers die Außenbezirke eingemeindet.
Mit dem Wachsen der Stadt, die heute rund 267 000 Einwohner hat, geht auch der zunehmende Bedarf an Wohnraum einher, sei es Neubau oder Sanierung. Mit der Einstufung als Weltkulturerbe und als Kulturhauptstadt verbunden war die behutsame Renovierung und Revitalisierung des Baubestands. Gleichzeitig kümmerte man sich insbesondere auch um den öffentlichen Raum, was ihren Niederschlag in der Neugestaltung zahlreicher Plätze fand.
An die „Grazer Schule“ knüpfen, obwohl nicht von einheimischen Architekten und Künstlern geplant, vor allem das Kunsthaus und die Murinsel an, die im Rahmen Kulturhauptstadt Europas entstanden.
Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Josef Benedikt Withalm in der damaligen Grazer Murvorstadt ein nach modernsten architektonischen Erkenntnissen entworfenes Zeichen gesetzt: das „Eiserne Haus“. Damit wurde er nicht nur zum Pionier des Gusseisenskelettbaus in der Steiermark, er kombinierte auch ein modernes Warenhaus mit nobler Gastronomie zu einem urbanen Treffpunkt. Das damals wenig mondäne rechte Murufer erhielt damit eine multifunktionale Attraktion.

Der historische Bestand
musste erhalten bleiben


Die Engländer Peter Cook und Colin Fournier planten in den späten 1990er Jahren ein Bauwerk, das an der Ecke Südtirolerplatz/Lendkai frischen Wind in die immer noch städtebaulich vernachlässigte Murvorstadt bringen sollte. Mit dem Kunsthaus Graz verschmolz das historische „Eiserne Haus“ zu etwas völlig Neuem, zu einem kunstvollen Wesen, denn es gab die Auflage, dass der Altbestand an dieser Stelle nicht zerstört werden durfte.
Wie auch immer man das tiefblaue, fremdartige Gebilde nennen mag, es wurde in kürzester Zeit zum bekanntesten Gebäude der Stadt. Wegen seines futuristisch/utopischen Aussehens wird es auch als „friendly alien“ bezeichnet.
Scheinbar schwerelos liegt die „Bubble“, Blase, auf einem Glassockel auf. Ihre äußere Haut besteht aus über 1200 gebogenen Acryl-Glas-Platten, jede ein Unikat, die von 925 Leuchtstoffröhren hinterleuchtet werden. So wird die Fassade insbesondere abends zur Licht- und Medienfassade.
Diese BIX-Fassade stammt von der Berliner Designgruppe „realities:united“. Auf der Außenhaut befinden zahlreiche Noppen, das sind Fenster, die bis auf eines, das den Blick auf den Schlossberg ermöglicht, nach Norden ausgerichtet sind, um den Einfall indirekten Tageslichts zu gewährleisten.
Im Kunsthaus gibt es zwei übereinanderliegende Ausstellungsflächen – insgesamt rund 2000 Quadratmeter –, die durch schräge Laufbänder erschlossen werden. Die Galerie des oberen, überwölbten Raums führt auf die „Needle“, eine 40 Meter lange, rundum verglaste Stadtloggia, die eine visuelle Klammer zwischen der „Blase“ und dem denkmalgeschützten Eisern Haus bildet.
Obwohl das Gebäude weiterhin polarisiert, haben viele Grazer mittlerweile eingesehen, dass das „friendly alien“ der Stadt guttut. Schließlich, so das Petitum der Kunsthaus-Befürworter, soll die Stadt ja auch wachsen und sich verändern.
Ein weiterer „Eyecatcher“ in der Grazer Innenstadt ist die 2003 fertiggestellte Murinsel, 50 Meter lang und 20 Meter breit. Dabei handelt es sich um eine künstliche Insel in Muschelform mitten in der Mur, die über zwei Brücken mit den beiden Ufern verbunden ist. Der New Yorker Künstler und Designer Vito Acconci wollte mit diesem künstlichen Eiland ein modernes Wahrzeichen schaffen, das Architektur und Kunst mit dem Erlebnis Wasser im öffentlichen Raum verbindet.
Die komplexe Konstruktion aus Stahlrohren ist einerseits Kuppeldach für das futuristisch anmutende Café, andererseits aber auch konkaves Behältnis für ein Amphitheater mit offener Tribüne. Hochwasser stellt für diese Insel keine Gefahr dar, da ihre Brücken gelenkig gelagert sind und die Schwimmkörper durch einen Pfahl in der Lage fixiert wurden. Deshalb kann man sich auch die Fragen stellen: Insel oder doch eher Schiff?
Aber in der Grazer Altstadt tat sich architektonisch noch wesentlich mehr. Wer es nicht weiß, würde hinter der fein gegliederten, kristallin schimmernden Fassade der Steiermärkischen Sparkasse nicht unbedingt ein Gebäude aus den 1970ern vermuten. Gefragt war bei der Sanierung des Baus nicht nur ein signifikantes Facelifting der Bankzentrale, sondern auch eine Generalsanierung, die Energieeinspareffekte und geänderte funktionelle Anforderungen berücksichtigte.

Ein Ort großer
urbaner Qualität


Das Joanneum, Österreichs ältestes und zweitgrößtes Museum, feierte letztes Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Das war nicht nur Anlass für eine Neustrukturierung der Sammlungen, sondern auch, einen internationalen Architekturwettbewerb auszuschreiben, um drei historische Gebäude aus unterschiedlichen Epochen zu einem funktionellen Ganzen zusammenzuführen. Die von der ARGE Nieto Sobejano Arquitectos/eep architekten, Madrid/Graz, entworfene und mittlerweile realisierte Lösung sieht ein neues, alle Abteilungen verbindendes Entree vor – ein attraktives Besucherzentrum unter dem Museumshof, mit Licht durchflutet durch große, verglaste Kegel.
Auf dem Schlossberg wurde unter anderem mit der Café-Bar Aiola Upstairs ein Ort großer urbaner Qualität geschaffen. Leicht und transparent, dabei von einer großzügigen Terrasse umgeben, wird mit wenigen Elementen ein Raum gebildet. Ein flaches Dach auf schlanken Stahlstützen, raumhohe Glasfronten, die auf Knopfdruck lautlos im Boden verschwinden, lassen Innen und Außen miteinander verschmelzen.
Neu gestaltet wurden aber auch Plätze wie zum Beispiel der Hauptplatz und der Jakominiplatz. Um dem Hauptplatz wieder in seiner eindrucksvollen Dreiecksform zur Wirkung zu bringen, musste bereinigt, geordnet und zoniert werden. Darüber hinaus wurde die Beleuchtung auf die Wirkung der Hausfassaden, die bis in die Gotik zurück datieren, und die Platzfläche abgestimmt.
Der Jakominiplatz ist der Platz in Graz, der die höchste Pass(ag)ierfrequenz aufweist und der als einer der ersten Plätze ein neues Outfit verpasst bekommen hat, das nicht allen gefällt. Wie umstritten Funktionalität und Gestaltung dieser Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs auch sein mögen, bei Nacht strahlt der Platz, durch hunderte Lichtpunkte erhellt, schon ein gewisses Großstadtflair aus.
Bei einem Architektur-Rundgang sollte man auch das Traditionskaufhaus Kastner & Öhler nicht links liegen lassen. Brücken in feiner Stahl-Glas-Konstruktion sowie Glasdächern über Höfen bilden filigrane Bindeglieder im Nebeneinander von Alt und Neu. Vor Kurzem wurde das mehrgeschossige Innere des Kaufhauses mit Galerien rekonstruiert. Ferner gibt es jetzt ein Terrassencafé mit herrlichem Ausblick über der spektakulären Grazer Dachlandschaft. (Friedrich H. Hettler)

(Die Murinsel am Kaiser-Franz-Josef-Kai; der Uhrturm auf dem Schlossberg und ein Blick auf die Grazer Dachlandschaft - Fotos: Hettler)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 46 (2017)

Soll in Bayern ein verkaufsoffener Adventssonntag möglich sein?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 17. November 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern e. V.

(JA)

Hannes Kreller, Vertreter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB im Bündnis  "Allianz für den freien Sonntag"

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.