Bauen

Der Europäische Palast der Menschenrechte. (Foto: Wiegand)

12.06.2015

Vom Mittelalter zur Moderne

Ein Architekturspaziergang durch Straßburg

Straßburg ist eine Stadt, „die zu wachsen wusste“, lobte einst Le Corbusier, der Wegbereiter der Moderne. Wie treffend dieses Kompliment war, zeigt der Blick von der Plattform des Liebfrauenmünsters auf die Altstadt. Diese, auf einer von der Ill umschlungenen Insel gelegen, muss keine Bausünden beklagen und zählt seit 1988 komplett zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Mittelpunkt ist natürlich das 1015 als romanisches Gotteshaus gegründete Münster, das in diesem Jahr seinen 1000. Geburtstag feiert. Nach einem Brand wurde es von 1240 bis 1275 im gotischen Stil wiedererrichtet. Vor allem das weitgehend durch Erwin von Steinbach aus rosa Vogesensandstein geschaffene Westwerk mit den drei figurenreichen Portalen und der großen Rosette gilt zurecht als ein Juwel. Vom 4. Juli bis 20. September werden alle Details durch eine vielfarbige Lichtshow ausgeleuchtet.

Gotik-Boom ausgelöst


Wissen und Technik brachte Meister Erwin aus Chartres mit. Der Bau jener Kathedrale hatte über Frankreich hinaus einen Gotik-Boom zur Folge. Meister und Gesellen zogen durch Europa und schufen wahre Wunderwerke. Den Turmbau in Straßburg übernahm ab 1399 Ulrich von Ensingen, Baumeister am Ulmer Münster. Vollendet wurde der filigrane Riese erst 1439. Mit nun 142 Metern Höhe blieb das Straßburger Münster bis ins 19. Jahrhundert die größte Kathedrale der Christenheit. Wie sie in ihrer Gesamtheit ausschaut, ist nur von ferne erkennbar.
Im Nahbereich, auf der Südseite des Münsters, hat sich Positives getan. Passend zum Jubiläum haben Linder Paysage (Landschaftsgestaltung) und Integral Ruedi Baur (Gesamtdesign) den vorherigen Autoparkplatz mit rosa Sandstein-Mobiliar und Blumenbeeten in ein modernes Erholungsareal verwandelt. Eine deutliche Aufwertung des Münster-Umfelds.
Außerdem wird in Petite France, dem ehemaligen Gerberviertel mit seinen malerischen Fachwerkhäusern, restauriert. Erst außerhalb dieses gewachsenen Idylls, am Platz Hans Jean Arp, steht seit 1998 das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, geplant von Adrian Fainsilber. Die zum Fluss gekehrte Rückseite des Museums wirkt weniger streng.
Zur etwa gleichen Zeit wurden im Nordosten Straßburgs die Gebäude für die europäischen Institutionen errichtet, strahlend weiße, dezent moderne Bauten. So 1995 der Europäische Palast der Menschenrechte, entworfen von Richard Rogers, 1999 das Europäische Parlament, konzipiert von Architecture Studio Europe.
In der Folge brauchte auch der Hauptbahnhof – 1883 vom Berliner Architekten Johann Eduard Jacobsthal geplant – eine Erweiterungs- und Verjüngungskur, schon um TGV-tauglich zu werden. Architekt J.M Dutilleul schaffte das bis 2007 durch den Anbau einer großen Glashalle. Schon vorher war das Universitätsviertel ein Bau-Schwerpunkt. 1995 wurde der von P. Lerch/G. Minnerath Architekten entworfene „Le Portique“ realisiert, ein Institut für Sportwissenschaften und 1999 die Bibliothek von Oziol & Fischer.
Die deutlich steigenden Studierendenzahlen erforderten bald weitere Aktivitäten. Den nötigen Platz erlangte man durch die Nutzung des alten Hafengeländes. 2006 entstand dort Straßburgs Konservatorium (Cité de la Musique et de la Danse), geplant von Henri Gaudin. Davor, als nostalgisches Accessoire, ein zum Theater umfunktionierter Dampfer. Außerdem haben die Architekten Jean-Marc Ibos und Myrto Vitart bis 2008 ein Lagergebäude von 1930 durch einen Stahl-Glasanbau in die Mediathek André Malraux verwandelt. Das Schiff davor und zwei Kräne erinnern ebenfalls an Hafenaktivitäten.

Überraschend gewölbt


Als etwas Besonderes erweist sich das Institut für Ingenieurwissenschaften, konzipiert vom 2009 verstorbenen Architekten Claude Vasconi: vorne eine strenge blaue „Streifenfassade“, hinten überraschend gewölbt. Gerade und geschwungen gilt auch fürs Interieur. Dem grauen Grundton hat die Verwaltung durch Bepflanzung vom Boden bis zur gläsernen Decke eine angenehm grüne Komponente hinzugefügt. Voilà.
Dementsprechend können die Teilnehmer am Europäischen Steinmetzfestival (27./28. Juni) und an den Architekturtagen (25. September bis 24. Oktober) in Straßburg vieles entdecken, von mittelalterlichen Architekturzeichnungen des Münsters bis zur Moderne. (Ursula Wiegand)

(Die Rückseite des Museums für moderne Kunst, das Straßburger Münster und das Europäische Parlament - Fotos: Wiegand)

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