Bauen

Die Liebfrauenkirche in Halberstadt. (Foto: Wiegand)

02.11.2012

Von der Liebfrauenlirche zum Hundertwasserhaus

Von den Bauten der Ottonen bis zur Moderne

Welche Bauten haben die Ottonen hinterlassen, die von 876 bis 1024 als Könige und Kaiser in Deutschlands Mitte regierten? Diese Frage stellt sich angesichts des 1100. Geburtstags von Otto I. (912 bis 973). Aufgrund seiner Siege und Herrscherqualitäten hieß er bald Otto der Große, zumal sich durch die Besitztümer seiner zweiten Gattin Adelheid sein Reich über Bayern und die Schweiz bis nach Italien erstreckte.
Kernland der Ottonen war das heutige Sachsen-Anhalt. Hier haben sie zahlreiche Kirchen und Klöster im frühromanischen Stil erbaut. Trotz der dicken Mauern wurden viele durch Kriege und Brände zerstört. Beim Wiederaufbau wich dann die Romanik der Gotik. Anders die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode, die 963 geweiht wurde. Ihr sieht man an, dass sie zu Lebzeiten Ottos I. errichtet wurde. Auch drinnen wartet eine Besonderheit: die deutschlandweit älteste Nachbildung des Heiligen Grabs in Jerusalem.
Halberstadt bietet ebenfalls Außergewöhnliches. Die über tausendjährige Liebfrauenkirche gilt als einziger Romanik-Bau mit vier Türmen. Dagegen präsentiert sich der über den Vorgängerkirchen errichtete Dom, Bauzeit 1236 bis 1486, in großartiger Gotik. Der Jahrhunderte lang gesammelte Domschatz ist der größte nach dem des Vatikans.
Eine Hauptstadt hatten die Ottonen nicht. Sie waren „Reisekaiser“, ritten mit ihrem Gefolge von Pfalz zu Pfalz und regierten vor Ort. Eine solche Kaiserpfalz war Quedlinburg. Dort wurden auf dem Burgberg, unter der romanischen Stiftskirche St. Servatius, ausgedehnte Räume entdeckt, in denen die Ottonen tagten. Wegen dieses Erbes und seiner 1300 Fachwerkhäuser zählt Quedlinburg seit 1994 zum Weltkulturerbe. An anderen Orten sind Fundamente und Krypten aus hartem Granit erhalten, die von den Kaisern und ihren Baumeistern künden. Ihnen haftet Geheimnisvolles an, vor allem der mehr als tausendjährigen Krypta der früheren Kaiserpfalz Memleben. Sonderbarerweise starben in Memleben zwei deutsche Kaiser, Heinrich I. und sein Sohn Otto der Große. Ihre sterblichen Überreste ruhen in Quedlinburg beziehungsweise in Magdeburg. Vom Kloster Memleben aus dem 13. Jahrhundert blieben nur Bögen und Mauerreste übrig.
Ein anderer Fall ist Merseburg. Otto der Große gründete dieses Bistum 968, 13 Jahre nach der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg gegen die Ungarn. Damit löste er ein entsprechendes Gelübde ein. Eine Zweitgründung erfolgte 1004 durch Heinrich II. aus dem bayerischen Zweig der Ottonen, der mit seiner Gattin Kunigunde auch den Grundstein für den Dom zu Bamberg legte. Otto selbst bevorzugte Magdeburg, das er nach Zustimmung des Papstes 968 zum Erzbistum erhob. Machtvoll ragt Deutschlands erster gotischer Dom, geweiht 1209, über der Elbe. Er ruht auf den Fundamenten des von Otto errichteten Vorgängerbaus. Den Hohen Chor stützen nach wie vor die Marmorsäulen, die Otto aus Italien importieren ließ. Die Reste eines weiteren riesigen Gotteshauses hat man unterhalb des Domplatzes entdeckt und oberirdisch markiert.
Mit einer Landesausstellung feiert Magdeburg noch bis 9. Dezember 2012 Ottos Geburtstag. Sein Kampfschwert, das ihm auf dem Lechfeld den Sieg bescherte, ist das wohl wichtigste Exponat.
Magdeburg nennt sich seit rund zwei Jahren Otto-Stadt, ist aber nicht bei Romanik und Gotik stehengeblieben. Stattliche Gründerstil- und Jugendstilhäuser in der Hegelstraße haben den Krieg und die DDR-Abrissbirnen überlebt und erinnern an die wirtschaftliche Blüte Magdeburgs. Überlebt hat auch der 60 Meter hohe Albinmüller-Turm, erbaut 1927 zur Deutschen Theater-Ausstellung. Er galt seinerzeit als Beispiel für Neues Bauen und bietet für zwei Euro eine tolle Aussicht über die Stadt.
Häuser im gemäßigten Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära und der weiße Karstadtbau aus DDR-Zeit wirken inzwischen recht ansehnlich im Vergleich zu den fantasielosen Plattenbauten. Einer davon wurde zugunsten des Hundertwasserhauses abgerissen. Der verspielte Bau von 2005, Friedensreich Hundertwassers Variante von neuer Architektur, war der letzte, den er entworfen hat. Mit kindlicher Bunt- und witziger Schrägheit lockert das Haus die Innenstadt auf und verträgt sich gut mit dem nahen Dom. (Ursula Wiegand)

(Das Hundertwasserhaus in Magdeburg - Foto: Wiegand)

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