Bauen

Die kathedrale von Málaga. (Foto: Wiegand)

10.11.2017

Von der Moderne zurück zur Jungsteinzeit

Auf Architekturentdeckungsreise in der andalusischen Provinz Málaga

Andalusiens weit in die Vergangenheit reichende Geschichte spiegelt sich in der Architektur. So in der Provinz Málaga und der gleichnamigen Stadt am Meer. Gleich zwei verschiedene Perioden zeigen sich dort in enger Verbindung. Über Málagas römischem Theater thront die Alcazaba, eine Araber-Zitadelle aus dem 11. Jahrhundert, ein imposantes Relikt aus der von 711 bis 1492 währenden maurischen Herrschaft in Spanien. Und wie zu damaliger Zeit sind die Altstadt-Straßen oft noch sehr schmal. Fast könnten sich die heutigen Bewohner über die Straße hinweg die Hände reichen. Der Schutz gegen die heiße Sommersonne war den Bauleuten wichtig.

Gleich nach dem Sieg über die Araber veranlassten die Katholischen Könige – Isabella I. und Fernando II. – den Bau einer Kathedrale. Errichtet wurde sie ab 1528 auf den Fundamenten einer Moschee. Den Entwurf lieferte der Architekt und Bildhauer Diego de Siloé. 254 Jahre wurde an dem riesigen Gotteshaus gebaut, ein Stilmix aus Renaissance, Gotik und Barock war die Folge, der aber nicht negativ wirkt. Anders als geplant reichte das Geld schließlich nur noch für einen Kathedralenturm. „La Manquita“, die Einarmige, nennen sie daher die Bewohner.

Ein historisches Bauwerk aus jüngerer Zeit ist die Stierkampfarena von 1876, entworfen von Joaquín Rucoba, einem seinerzeit hochgeschätzten Architekten. Auf einem Hügel stehend geht der Blick über diese Arena auf die modernen Hochhäuser am Hafen, vor denen die Yachten der Bewohner schunkeln. Unten angekommen begeistert die neue, elegant geschwungene Promenade am Meer, die Palmeral de Sorpresas von Junquera Arquitectos. Die verdient sogar einen Schönheitspreis.
Auf einer Mole wartet seit 2015 eine weitere Überraschung, das Centre Pompidou, ein mehrfarbiger Glaswürfel, typisch für den Gestalter Daniel Buren. Es ist der erste Auslandsableger des gleichnamigen Museums in Paris und dient der Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Eine ganz andersartige Attraktion findet sich hügelan, der Englische Friedhof St. George’s Cemetary von 1831. Er ist der älteste evangelische Friedhof in Spanien und seit 2012 nationales Kulturgut. Unter den weißen Grabsteinen ruhen unter anderem britische Künstler und deutsche Kaufleute. Auch die Herren Karl Lütken aus Rostock und Heinrich Stuben aus Wiesbaden sind hier beerdigt. Außer ihnen die rund 40 Matrosen, die 1907 beim Untergang des Segelschulschiffs Gneisenau mitsamt Kapitän Kretschmann ums Leben kamen. Zwei weitere Friedhöfe gelten wegen ihrer Historie und besonderen Bauweise gar als einzigartig, sind bestens gepflegt und stehen seit Jahren unter Denkmalschutz. So der östlich von Málaga gelegene Cementerio Redondo, der runde Friedhof von Sayalonga, errichtet ab 1840. Der Blick vom Aussichtspunkt (Mirador) zeigt, dass er eher achteckig ist, doch das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. Als Architekturjuwel gilt auch der Friedhof von Casabermeja aus dem 18. Jahrhundert, rund 20 Kilometer nördlich von Málaga. Das schneeweiße Ensemble mit Grabhäuschen und gerundeten länglichen Grabstätten wirkt wie eine kleine andalusische Stadt und ist meilenweit entfernt von jeder November-Tristesse.

Spektakulärer sind die Dolmen von Menga und Viera, rund 6000 Jahre alte Grabbauten nahe der mehr als 2000-jährigen Stadt Antequera. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Ausrichtung um 45 Grad gen Nordosten (anstatt genau ostwärts) gehört diese Anlage seit Kurzem zum UNESCO-Weltkulturerbe, das erste überhaupt für die Provinz Málaga. Maßgeblich dafür war wohl der Dolmen de Menga. Wer aus dem von klobigen Granitsteinen gebauten Eingang ins Land schaut, blickt genau auf den Berg Peña de los Enamorados, auch Liebesfelsen genannt. Aufgrund dieser Ausrichtung scheint die Morgensonne bei der Sommersonnenwende über den Berggipfel in den Eingang. So haben es die cleveren Jungsteinzeitmenschen geplant und realisiert.

Außerdem gilt der fast 20 Meter lange Dolmen de Menga als der längste in Europa. Die Deckenplatten wiegen etwa 180 Tonnen. Ein Film im neuen angeschlossenen Museum zeigt, wie der Transport dieser ungeheuer schweren Materialien vermutlich bewerkstelligt wurde, auf Holzschienen und unter Einsatz von Pferden und vielen Männern, die sich ins Geschirr legten und so die Lasten vorwärts zogen, schoben und rollten.

Kenntnisse über Hebeltechnik und Flaschenzug mussten die Vorzeit-Bauleute ebenfalls besessen haben, um die gewichtigen Granitpfeiler aufzurichten und die Deckenplatten emporzuheben. Ähnliche Herausforderungen meisterten Jungsteinzeitmenschen aber auch anderswo, beispielsweise in Stonehenge (England) und in Newgrange (Ostirland). Heutige Forscher haben die vermuteten damaligen Transportanlagen nachgebaut und mit solch einfachen Mitteln ähnliche Erfolge erzielt. Hut ab vor den gewitzten Planern und tüchtigen Bauleuten vor sechs Jahrtausenden und ihrer nachhaltigen logistischen Meisterleistung. Ihre Bauten haben Jahrtausende überdauert. In der Provinz Málaga und anderenorts. (Ursula Wiegand)

(Die Dolmen von Menga; Blick auf die Stierkampfarena und das Centre Pompidou - Fotos: Wiegand)

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