Bauen

Vor der Neugestaltung war der Albertsplatz nicht attraktiv, jetzt wirkt er steril und wie jeder x-beliebige moderne Stadtraum. (Foto: Bergmann)

12.10.2012

Wegsanierte Geschichte

Coburg pflügt das historische Quartier Ketschenvorstadt um

Dann taucht hinter Hügeln die Veste vor der Kulisse des Thüringer Walds auf und schwebt tatsächlich wie eine Krone über der hingebuckelten Stadt. Dass Coburg seine Existenz einer uralten Nord-Südstraße von der Elbe an die Donau verdankt, erlebt man unmittelbar beim Spaziergang vom äußeren Ketschentor durch die mittelalterliche Ketschenvorstadt zum Marktplatz, den man an der Südostecke trifft. Das Stadtleben pulst auf dieser Verkehrsader, wohingegen die kurzen Ost-Westwege ruhiger fließen. Und stadteinwärts wächst der Reichtum an Bauformen in dieser Straße von Haus zu Haus. Da verbirgt sich Fachwerk hinter Putz als hätte es Arnulf Rainer übermalt, dort strahlt verblassend barocker Stuck. Trauf- und giebelständige Häuser, zwei- und dreigeschossig, unterschiedliche Portale und Fensterformen, eine vielfältige Dachlandschaft gestalten einen malerischen Straßenzug, der sich vor der Einmündung der Kuhgasse noch zum Straßenmarkt mit einem Brunnen weitet.
Erst jenseits des Albertsplatzes, wo bis 1791 ein Stadttor den Eingang zur Innenstadt markierte, hebt dann eine gutbürgerliche Repräsentationsarchitektur an. Der Albertsplatz zeigt die Zäsur: Von Norden fasst ihn palastartige Neugotik, gegenüber die Bescheidenheit der Vorstadt.
Vor der Neugestaltung war der Platz nicht attraktiv, nun wirkt er steril und wie jeder x-beliebige moderne Stadtraum. Die Außenwände der Randbebauung werden nicht zu Innenwänden eines Außenraums, weil sich Neues und Altes nichts zu sagen haben. Die prachtvollen Baudenkmäler wirken wie Ausstellungsstücke. Ausgarniert wurde mit einem lärmenden Wasserspiel, das den Platz nicht bereichert und konzentriert, statt dessen diffundiert und blockiert, mit Gleditschien-Bäumchen, die in Europa nicht heimisch sind und Streichhölzern gleich im Pflaster stecken, als Ersatz für alte Linden.
Beleuchtete Sitzwürfel laden nicht unbedingt zum Verweilen ein; alte Menschen können auf den unbequemen Designermöbeln wegen fehlender Lehnen nicht Platz nehmen. Doch sind solche Plätze der neoliberalen Gesellschaft ohnehin nicht als Aufenthaltsräume gedacht, sondern als Laufstege des Konsums. Statt um Urbanität geht es um die profitable Aufwertung von Wohnquartieren. Diesbezüglich hat die Stadt ehrgeizige Pläne.
Die „Wohnbau Stadt Coburg“ errichtet in der Ketschenvorstadt auf einem Areal von sechs Hektar 31 Wohnungen als Reihenhäuser, Geschosswohnungen und Maisonetten. Geplant sind ferner ein Supermarkt mit 800 Quadratmetern Ladenfläche und eine zweigeschossige Tiefgarage für 174 Stellplätze, die allein zwölf Millionen Euro kosten soll. Dass für die Tiefgaragenzufahrt ein denkmalgeschütztes Haus kurzerhand abgerissen wurde, stieß auf Unverständnis bei der Bezirksregierung wie beim Denkmalnetz Bayern und auf heftigen Protest in der Bevölkerung.
Der entzündet sich auch daran, dass das nächste Parkhaus nur 50 Meter entfernt ist und ein Großparkplatz gerade mal 200 Meter. Zudem sind die insgesamt drei Parkhäuser am Rand der Altstadt offenbar nie ganz ausgelastet. Ein weiteres Parkhaus – ausgerechnet am Schlossplatz – wird zusätzlich angedacht. Dabei ist die Altstadt zu Fuß binnen einer halben Stunde bequem zu durchqueren. Aber Coburgs Politiker und einflussreiche Unternehmer glauben fest an die autogerechte Stadt, obwohl sich dieser Traum der sechziger Jahre längst als Albtraum erwies. Dafür darf man sich damit schmücken, unter Bayerns kreisfreien Städten die meisten Parkplätze zu bieten.

Gestalterische
Banalität der Entwürfe


Durch den Bau des Parkhauses unter der Ketschenvorstadt befürchtet das Landesamt für Denkmalpflege außerdem Schäden an den jahrhundertealten Häusern. Im Umgang damit ist die Wohnbau nicht zimperlich. Vor Jahren kaufte sie im Viertel viele sanierungsbedürftige Baudenkmäler. Heute befinden sich alle sichtbar in erbärmlichem Zustand, weil in den Unterhalt nichts investiert wurde.
Was nun an Neuem der Vorstadt implantiert werden soll, wird ihren Charakter grundlegend und auf immer verändern. Ein beherrschendes Eckhaus am Albertsplatz muss weichen; das denkmalgeschützte klassizistische Nachbargebäude wird, wie es heißt, „saniert“. Allerdings bleibt davon wohl nur die Fassade zum Platz übrig, die Rückfront wird „überformt“.
Die gestalterische Banalität der Entwürfe ist erschütternd. Da findet sich keine einzige originelle Idee, kein einziger mutiger Wurf, nicht eine Referenz an Coburgs großartige Architekturgeschichte. Statt dessen gibt es biedere Hausmannskost, die Fassaden mal technizistisch-abstrakt, mal neoklassisch paniert. Hofseitig präsentiert sich dann unverhohlen jene anonyme Investorenarchitektur von der Stange, deren architektonische Anspruchslosigkeit jeder Bauordnung zwischen Flensburg und Garmisch genügt.
Im Innern des Quartiers entstehen „Mietergärten“ und eine Gruppe von Bauklötzen gleichen Flachdachhäusern – so genannte „Gartenhäuser“ – mit Dachterrassen, die auf engstem Raum jede Form von Privatheit verhindern, aber den Dialog mit ihrer Umgebung verweigern. Doch Häuser stehen nie allein, sie sind immer auf den Gemeinsinn angewiesen. Sie gefallen nur, wenn sie in Beziehung stehen zur Landschaft, zu den Besonderheiten der Stadt, zu den Nachbarhäusern.
Das Lokalkolorit der Ketschenvorstadt wird aber wegsaniert: Das Abwechslungsreiche, das Überraschende, das Collagenhafte, die kleinteilige Welt des Handwerkerviertels. Das ortlos Anonyme der Neubebauung können nicht einmal Modelle verbergen, die doch generell im verkleinerten Maßstab künftige schönere Welten versprechen. Hier lassen sie nur befürchten, was bald sein wird.
Die Diskrepanz zwischen dem historischen Bestand und einer neoliberalen Stadtplanung, zu deren Handschrift ja das Ausschöpfen wirtschaftlicher Potenziale innerstädtischer Wohnbereiche gehört, ohne Rücksicht auf gewachsene Milieus, Traditionen und Werte, fiel offenbar auch Coburgs Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) auf. Angesichts der laufenden Bauarbeiten in der Ketschengasse müsse man sich fragen, meinte er bei einer Veranstaltung im Juli, ob dann das Stadttor noch zur erneuerten Straße passe.
Vielleicht sollte man sich besser fragen, was von einer Stadtsanierung zu halten ist, zu der schließlich die Stadt nicht mehr passt. Zumal man gerade Hoffnungen auf die Anerkennung als Welterbe hegt.  (Rudolf Maria Bergmann)

(Das Lokalkolorit der Ketschenvorstadt wird wegsaniert - Foto: Bergmann)

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