Bauen

Statt Billigangebote sollte man am Bau verstärkt qualitative Zuschlagskriterien berücksichtigen. (Foto: Bilderbox)

18.11.2015

Weniger auf den Preis, mehr auf die Qualität achten

Vortragsveranstaltung „Qualitäts-, kosten- und termingerecht Bauen – Wie geht das?“ in der Obersten Baubehörde

Es sind vor allem die großen Bauprojekte in Stuttgart, Hamburg oder Berlin bei denen die Öffentlichkeit Alarm schlägt, wenn die eklatanten Terminverschiebungen und die horrente Kostenüberschreitungen unfassbare Dimensionen annehmen. Doch was im Großen angeprangert und public wird, kann genauso auch bei öffentlichen und privaten, kleinen und mittleren Baumaßnahmen zum Thema werden. „Es wird einfach geschlampt, teilweise haben Baufirmen gepfuscht“, kritisiert Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. Die Folge dieser Entwicklungen sei, dass bei diesen Auseinandersetzungen häufig der Anwalt für Baurecht sowie ein Bau-Controlling eingeschalteten würden, da mit hohen Regressansprüchen zu rechnen sei.
Die populären Einzelfälle und ebenso die weniger bekannten Verfehlungen beim Planen und Bauen schaden der Wirtschaft und dem Image der gesamten Baubranche. Zudem nehmen die Reglementierungen auf Bundes- sowie EU-Ebene zu und erschweren Planungs- und Baumaßnahmen erheblich. Um hier Gegenmaßnahmen zu konstituieren, mit sinnvollen Kriterien und wirkungsvollen Argumenten gegenzusteuern, befassten sich deshalb Vertreter der Bayerischen Bauindustrie, der Bayerischen Architektenkammer, der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Obersten Baubehörde.
In acht Sitzungen erarbeitete der eigens dafür gegründete Arbeitskreis einen Bericht, der „Empfehlungen für eine qualitätsorientierte, termin- und kostengerechte Abwicklung von Baumaßnahmen“ gibt. Auf einer Veranstaltung in der Obersten Baubehörde wurden die Ergebnisse des Berichts anhand der erstellten Publikation mit dem Titel: „Qualität-, kosten- und termingerecht Bauen Wie geht das?“ vorgestellt.
Karl Wiebel, OBB, Thomas Schmid, Hauptgeschäftsführer Bayerischer Bauindustrieverband, Lutz Heese, Präsident der Bayerischen Architektenkammer und Heinrich Schroeter nahmen Stellung zu dieser Thematik und erläuterten den Bericht des Arbeitskreises aus ihrer Sicht. Die Aufgabe des Arbeitskreises war es zunächst, nach Handlungsfeldern zur Förderung von Qualität am Bau zu suchen. Bei diesen Diskussionen ergaben sich neue Perspektiven, Ideen und Möglichkeiten die bestehende Schieflage wieder ins Lot zu bringen.
Verschiedene Qualitätsfaktoren wurden untersucht. Dabei standen Ökonomie, Funktionalität, technischer Wert und Kommunikation im Vordergrund. Ein Katalog an Handlungskriterien für Hoch- und Straßenbauprojekte wurde erarbeitet und nach Projektphasen gegliedert. Sinn und Zweck der Vorlage soll sein, neue Impulse zu vermitteln, die Qualität der Baumaßnahmen zu verbessern und den Kosten- und Terminproblemen auf den Grund zu gehen. Bauherrnkompetenz, so die Empfehlungen des Arbeitskreises, basiert auf dem Know-How aller Beteiligten. Die Bauaufgabe jedoch soll mit der Bauverwaltung angemessen sein. Dabei sei der Stellenabbau in den Bauverwaltungen in diesem Fall kein hilfreiches Mittel, denn der Arbeitskreis empfiehlt, dass die Projektsteuerung in allen Baumaßnahmen durch die Bauverwaltung erfolgen soll.
In seiner Eröffnungsrede erklärte Wiebel, dass „Qualität am Bau“ vor allem eine vertrauensvolle Kommunikation voraussetzt. Sowohl die Öffentlichkeitsarbeit müsse transparent sein, wie auch die Kommunikation zwischen den am Bau Beteiligten solle Vertrauen schaffen. Schmid griff aus der vorliegenden Themenvielfalt den Bereich Kosten und Termine heraus und kritisierte die „regelmäßige Billigstpreisvergabe“, die qualitätsorientiertem Bauen höchst abträglich sei. Dennoch zeige die Praxis, dass Billigangebote dem wirtschaftlichen Angebot vorgezogen würden.
Schmid plädierte dafür, dass die Berücksichtigung aller Gesichtspunkte zum Tragen kommen sollte. Dazu gehörten unter anderem Qualität, Preis, technischer Wert, Ästhetik, Umwelteigenschaften, Rentabilität und Kundendienst. Bei der Preisbildung der Billigunternehmen würde das vorhandene Risiko unterschätzt, da von den niedrigsten zu erwartenden Kosten ausgegangen würde. Um diese Vorgehensweise zu unterbinden, empfiehlt Schmid das „Präqualifikationsverfahren“, das es bereits seit 2005 in Deutschland auf dem Bau gibt. Dabei, so Schmid, sei eine „Nachjustierung wünschenswert“, sodass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens als Qualifikationskriterium mit aufzunehmen sei. Mit diesen Maßnahmen würden die Marktchancen der deutschen Bauwirtschaft gefördert und fähige, qualifizierte Unternehmen verbesserten ihre Chancen.

Qualitative Zuschlagskriterien


Anstelle der Billigpreisvergaben befürwortet Schmid, die qualitativen Zuschlagskriterien, inklusive weiterer Wertungskriterien vermehrt zu berücksichtigen. Auch die Deutsche Bahn AG habe von Oktober 2012 bis September 2013 deutschlandweit 238 Vergabeverfahren mit qualitativen Wertungskriterien durchgeführt. Die Olympiabauten von 2012 sind für Schmid ebenfalls ein Beispiel für eine verantwortliche Vergabe. „Der reine Angebotspreis hatte hier nur eine Gewichtung von 55 Prozent“, so Schmid. „Bei der Angebotswertung entfielen damit 45 Prozent auf zusätzliche qualitative Wertungskriterien, wie Mitarbeiterqualifikation, Qualitätmanagementsystem, Arbeitssicherheit und Umweltschutzaspekte“. Schmid hofft nun, dass eine Verbesserung dieser unbefriedigenden Vergaberechtssituation in den neuen EU-Vergaberichtlinien im April 2016 zu erwarten ist.
„Bauen ist ein komplexer Vorgang, da können immer Fehler passieren, aber man muss sie versuchen zu minimalisieren“, sagte Heese. Zudem stellte er ebenso fest, dass die Projektbeteiligten, wie Bauherren, Planer und ausführende Unternehmen sich immer häufiger rechtfertigen müssten und ihre Leistungen aus Kosten und leider auch Qualitätsgründen öfter hinterfragt würden. Während die EU-Kommission an den verbindlichen Mindestsätzen der HOAI rüttelt, unterstützt die Bundesregierung ein verbindliches Preisrecht zu konstituieren. Dennoch sei die HOAI grundsätzlich zu überarbeiten, indem die Leistungsbilder an die sich ändernden Planungsabläufe und Planungsintensivitäten angepasst würden. Heese sprach in diesem Zusammenhang einen besonders heiklen Punkt an, die Schnittstellen. Alle Leistungen seien aufeinander aufgebaut und gerade dem Aspekt Abstimmung und Koordinierung der Projektbeteiligten komme eine erhebliche Bedeutung zu. Undefinierte Schnittstellen führten zu Zeitverlust und lähmten Bau- sowie Planungsprozesse.
In diesem Zusammenhang kam Heese auf das Planungsinstrument BIM zu sprechen. Das so genannte Planungstool Building Information Modeling, ein Instrument von dem behauptet wird, das es Planungsabläufe perfekt abstimmt. Die Befürworter des Programms versprechen sich unter anderem Steigerung der Effizienz der Planung, Erhöhung der Bauqualität, Reduzierung der rechtlichen Risiken und Reduzierung der Folgekosten. Heese hingegen sieht in BIM das „digitale Bauen“, „das Bauen vor dem realen Bauen“, das von Softwareentwicklern entwickelt wird und somit bisherige Kompetenzen verändert. Außerdem gäbe es noch keine DIN-Form, die die Begriffsbestimmung von BIM definiere, wie er bemängelte. „BIM muss Werkzeug und Hilfsmittel bleiben, statt Prozesse zu dominieren und nachteilig zu verändern.“
Besonders für den Mittelstand sieht Schroeter Schwierigkeiten, wenn der Referentenentwurf zur Vergabeordnung von Bauleistungen in Kraft trete. „Trennung von Planung und Ausführung“ wäre die Folge und viele mittelständischen Planungsbüros könnten schließen. (Eva-Maria Mayring)

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Kommentare (1)

  1. Pablo am 02.12.2015
    Im letzten Satz ist ein eklatanter Fehler festzustellen: Es ist die Trennung von Planung und Bauausführung, die die Qualität sichern hilft. Freie Architekten planen unabhängig von Herstellern und Dienstleistern und sind bestrebt, höchste Planungs- und damit später auch Ausführungsqualität zu erreichen. Architekten sind nur ihrem Bauherren verpflichtet. Diese treuhänderische Wahrnehmung der Bauherren-Interessen gilt es im Sinne des Verbraucherschutzes (hier eher: Bauherren-Schutzes) sowie der Baukultur zu erhalten.

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