Bauen

Die eingerüstete Rathausbalustrade mit der Foto-Plane. (Foto: Hettler)

09.08.2013

Wenn Steine Geld fressen

Rothenburg ob der Tauber tut viel, um die mittelalterliche Bausubstanz zu erhalten

Rothenburg ob der Tauber mit ihren rund 11 000 Einwohnern ist eine Kleinstadt im mittelfränkischen Landkreis Ansbach und gleichzeitig Romatik pur. Keine andere Stadt in Deutschland verkörpert so eindrucksvoll Stein gewordene und gelebte Geschichte. Hier sprechen gleichsam die Steine. Sie erzählen von Kaisern und Königen, von Patriziern und vom Stolz der freien Stadtbürger.
Bis 1802 war Rothenburg ob der Tauber eine Reichsstadt und ist heute mit ihrer weitgehend erhaltenen mittelalterlichen Altstadt und des mit zahlreichen Türmen bestückten sowie begehbaren Mauerrings eine weltbekannte Touristenattraktion. Die Stadt war bis 1972 kreisfrei und Sitz des gleichnamigen Landkreises Rothenburg ob der Tauber. Bei der Gebietsreform 1972 kamen Stadt und Landkreis zum Landkreis Ansbach. Zum Ausgleich für den Verlust der Kreisfreiheit und des Sitzes des Landkreises wurde die Stadt zur Großen Kreisstadt erhoben – ein Sonderstatus: Die Stadt gehört weiterhin zum Landkreis, übernimmt jedoch teilweise staatliche Aufgaben, die ansonsten der Landkreis erledigen müsste – und das, obwohl sie nicht die dafür erforderliche Einwohnerzahl von 30 000 erreicht.
Dass Rothenburg seinen mittelalterlichen Charakter erhalten hat, verdankt sie unter anderem einer ortspolizeilichen Vorschrift aus dem Jahr 1902 und dem Umstand, dass sich die Stadtväter nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für einen Neuaufbau, sondern einen Wiederaufbau entschieden.
„Der eigenartige, altertümliche und monumentale Charakter der mauerumgürteten Stadt im Ganzen, die originellen Straßenbilder wie die zahllos malerischen Einzelpartien ziehen seit einem Jahrzehnt alljährlich viele Tausende Besucher aus allen Nationen an. Dieser voraussichtlich auf lange Zeit sich mehrende Fremdenverkehr wird für die Bewohner der Stadt eine nicht zu unterschätzende Quelle des Einkommens bilden. Es ist daher geboten, den einzigartigen Charakter der Stadt und ihrer Bestandteile vor Verstümmelung und Verunzierung zu schützen. Alle innerhalb der Stadtmauer oder auf derselben zu errichtenden Bauwerke sind so zu gestalten, dass sie sich den in Rothenburg heimischen Bauformen im allgemeinen, wie insbesondere den in der Nähe befindlichen, altertümlichen Gebäuden anpassen und auf das Straßenbild, bzw. Stadtbild nicht störend wirken. Gleiches gilt von den Hauptreparaturen oder Hauptänderungen an den Bauten, welche ganz oder teilweise von einer Straße, einem Platz oder einem Weg aus sichtbar sind.“ So die Vorschrift aus dem Jahr 1902. Bereits vor über 100 Jahren waren also wirtschaftliche Interessen – Fremdenverkehr – mit denkmalpflegerischen Bemühungen engverbunden.

Nutzungsänderungssperre


In den letzten Kriegstagen wurde Rothenburg durch Brandbomben schwer getroffen. Die Stadt brannte zu 45 Prozent aus. 355 Gebäude, vorwiegend im nordöstlichen Teil der Altstadt, Monumentalbauten und vor allem Bürgerhäuser wurden teilweise oder ganz zerstört. Nach dem Krieg beschloss der Stadtrat mit einer Stimme Mehrheit, so Johann Kempter, stellvertretender Direktor des Rothenburger Tourismus Service, keinen Neuaufbau der Stadt, sondern einen Wiederaufbau. Unter anderem wurden das Rathaus, der Markus- und Weißer Turm, das Röder- und Würzburger Tor sowie die Doppelbrücke restauriert.
Der allgemeine Wiederaufbau, den man gleichermaßen mit wirtschaftlichen, künstlerischen und sozialen Gesichtspunkten begründete, wurde in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt nach einem Konzept, das die Erhaltung von Stadtgrundriss, Maßstab und Stellung der Gebäude zur Straße festlegte. Abgelehnt wurde dagegen detailliertes Kopieren des zum Teil auf mehrfacher Veränderung beruhenden Vorkriegszustands. Stattdessen befürwortete man „handwerksgerechte“, sachliche und einfache Neubauten unter Verwendung traditioneller ortsüblicher Materialien mit dem Ziel einer den modernen Ansprüchen an Benutzbarkeit und Hygiene genügenden Sanierung.
Darüber hinaus gibt es in Rothenburg eine Nutzungsänderungssperre. Das heißt, Wohnflächen müssen Wohnflächen bleiben und dürfen nicht für Gewerbe umgewidmet werden, was natürlich kein geringer Eingriff in das Privateigentum ist, wie Kempter anmerkt. Will sich zum Beispiel ein Hotel durch Zukauf eines Wohngebäudes vergrößern, muss zunächst innerhalb der Rothenburger Altstadt Ersatz für die wegfallenden Wohungen geschaffen werden – quasi eine Ausgleichsmaßnahme.
Rothenburg investiert kontinuierlich in seine denkmalgeschützte Substanz, denn der Zahn der Zeit nagt an den Gebäuden. So ist seit Anfang Juni das Rathaus eingerüstet und mit einer Foto-Plane verhüllt. Im Rahmen der Rathaussanierung wurden die Balustrade und der Dreieckgiebel mit den „Figürlichen Darstellungen“ abgebaut und in eine Werkstatt zur Sanierung und Reparatur transportiert. Darüber hinaus erfolgt die Herstellung der Wasserführung auf der Altane sowie der Aufbau beziehungsweise das Wiederversetzen der Balustrade und des Dreieckgiebels. Die Fertigstellung ist laut Kempter bis voraussichtlich Ende Oktober 2013 geplant.
Knapp 1,5 Millionen Euro fließen insgesamt in Sanierungsarbeiten am Marktplatz (Rathausaltane: 250 000 Euro; Ratstrinkstube: 700 000 Euro; Fleischhaus: 500 000 Euro). Mit Jahresbeginn erinnerte das Fleischhaus an eine Christo-Installation, zudem wird die Ratstrinkstube aufgefrischt. Bis zum Herbst sollten alle drei Maßnahmen abgeschlossen sein.
Ganz bewusst hat sich die Stadt Rothenburg dafür entschieden, die Baumaßnahmen an Rathaus, Fleischhaus und Ratstrinkstube mit dem Uhren- und Glockenspiel nahezu parallel laufen zu lassen. Denn auch wenn Besucher nun Einschränkungen hinnehmen müssen: Ab Herbst wird Rothenburgs Herzstück, der Marktplatz, wieder umso schöner aussehen. In der Zwischenzeit erhalten fotorealistische Sichtplanen in hoher Qualität nicht nur für das Rathaus die für dieses Ensemble so zentrale Anschaulichkeit.

Kulturgut verpflichtet


Es wird also viel Geld in die Hand genommen, so Kempter, damit der Marktplatz, den viele für einen der schönsten Plätze des Landes halten, wieder in schönstem Glanz erstrahlt. „Schließlich sind wir dem Zitat eines ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten verpflichtet, der Rothenburg als ’die gute Empfangsstube Bayerns’ bezeichnet hat.“
Auch wenn es von außen dann nicht mehr sichtbar sein wird: Für Rothenburg werden die Sanierungsarbeiten weitergehen, 2014 soll voraussichtlich die Innensanierung der Ratstrinkstube folgen. Hinzu kommt: Die Stadt besitzt etliche weitere historische Denkmäler, von der Wehranlage mit den zahlreichen Türmen, über Brunnenanlagen bis hin zu Sakralbauten – überall machen sich die Jahrhunderte bemerkbar. Was das mittelfränkische Städtchen zur Touristenattraktion erhebt, bedeutet für die Kommune Jahr für Jahr aufs Neue einen finanziellen Kraftakt.
Auch Privatunternehmer nehmen in Rothenburg viel Geld für Sanierungsarbeiten in die Hand im Bewusstsein, dass den besonderen, romantischen Charme hier gerade die vielen denkmalgeschützten Bauten ausmachen. So etwa das mehr als 1000 Jahre alte Herrenschlösschen als eines der ältesten bewohnten Häuser Deutschlands. Mehr als ein Vierteljahrhundert war es unbewohnt. Mittels eines innovativen Hotelkonzepts gelang es, das Gemäuer aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Der Erfolg gibt der Idee recht: Anfang Februar kürte das Reiseportal Tripadvisor die romantischsten Hotels weltweit – das Herrenschlösschen schaffte es unter die Top 25, als einziges deutsche Hotel.
Mit dem Denkmal leben und aus seinem Potenzial schöpfen, so lautet auch das Prinzip des Unternehmers Johannes Wittmann. 2005 hatte er von seiner Tante das Traditionsgeschäft „Waffenkammer“ mit zugehörigem Wohnhaus geerbt. Ein Berater empfahl damals, das Erbe nicht anzutreten. Wittmann entschied anders, obwohl es Jahrzehnte dauern und Unsummen kosten wird, das alte Gemäuer zu sanieren. „Es ist ein Kulturgut, das verpflichtet“, sagt er. Dabei setzt er auf eine Kombination aus alter Substanz und modernem Erlebniseinkauf: Den Verkaufsbereich der Waffenkammer mit Artikeln rund ums Ritterleben gestaltete er großzügiger und offener, zudem erschloss er das originale Kellergewölbe unter dem Haus aus dem 12. Jahrhundert für Gäste.

Zurück im Mittelalter


Zusätzlich zur „Waffenkammer“ erwarb er vor zwei Jahren ein weiteres denkmalgeschütztes Objekt in der Rothenburger Judengasse. In eineinhalb Jahren baute er das Wohnhaus aus dem 14. Jahrhundert in das Vier-Sterne-Luxus-Ferienhaus „710“ um. Die Gäste erwartet ein Whirlpool im Luxusbad, eine iDock-Station und edel-modernes Mobiliar – und trotzdem fühlt man sich zwischen Fachwerk, Original-Deckenbalken und Naturmaterialien zurückversetzt ins Mittelalter.
Zu Beginn dieses Jahres wurde Wittmann für die Objektsanierung mit dem Denkmalpflegepreis des Bezirks Mittelfranken ausgezeichnet. Der 31-Jährige gesteht ein: Die Sanierung alter Bauten kostet Überwindung, viel Geld, Nerv und Freizeit – und ist eine Lebensaufgabe. Auf der anderen Seite betont er aber: Alte Gebäude einfach zu begradigen oder abzureißen, heißt, die eigene Identität aufzugeben. Und damit auch das große Potenzial, das im mittelalterlichen Rothenburg steckt und nur ausgeschöpft zu werden braucht. (Friedrich H. Hettler)

(Auch die Fassade der Ratstrinkstube wird derzeit saniert; in Rothenburg entschied man aich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für einen Neuaufbau, sondern einen Wiederaufbau - Fotos: Hettler)

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