Bauen

Man stelle sich nur einmal vor, dieser Anblick biete sich künftig den Besuchern von Nürnberg. (Fotomontage: BSZ)

25.11.2011

Wenn Windräder Touristen vergraulen

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege fordert mehr Mitsprache bei der Energiewende

Wenn Windräder in unmittelbarer Nähe von historischen Bauten errichtet werden wie jetzt im mittelfränkischen Gunzenhausen, ist das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege gefragt. Dessen Chef, Generalkonservator Egon Johannes Greipl, sieht in der Praxis einen Interessenkonflikt zwischen Energiewende einerseits und der Integrität der Denkmäler sowie der bayerischen Kulturlandschaft andererseits.
„Die Denkmalpflege hat bestimmt keine grundsätzlichen Vorbehalte gegenüber der Gewinnung und Nutzung erneuerbarer Energien. Aber: Im gesamten bayerischen Energiekonzept steht kaum ein Wort über andere gesellschaftliche Werte, wie es etwa unsere Denkmäler und unsere Kulturlandschaft sind“, sagt Greipl im Gespräch mit der Staatszeitung.
Er fordert, dass bei den relevanten Standortplanungen die Interessen des Denkmalschutzes frühzeitig und umfassend mit einbezogen werden. Denn schließlich sei mit der rücksichtslosen Verunstaltung der Landschaft durch Windräder, Photovoltaik-Anlagen und gigantische Maisfelder für die Biomassewerke auch der Wirtschaftsfaktor Tourismus im Freistaat gefährdet. Immerhin 28 Millionen Touristen waren es allein im vergangenen Jahr. Sie geben pro Jahr rund 31 Milliarden Euro brutto aus, so eine Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Rund 43 Prozent dieser Ausgaben entfallen auf das Gastgewerbe, 42 Prozent auf den Einzelhandel. Die übrigen 15 Prozent werden den Dienstleistungen (Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Transportbranche etc.) zugerechnet. Rund 560 000 Menschen leben im Freistaat vom Tourismus. Das sind mehr als in der Automobilbranche. Somit ist der Tourismus eine Leitökonomie und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Bayern. Aber: Touristen sind vor allem an unversehrten Kulturlandschaften und Ortsbildern interessiert!
Wirtschaftsfaktor Denkmal: Da muss man auch sehen, dass im Erhalt der Denkmäler viele entsprechende Fachfirmen ihre Existenz finden. Weniger als zwei Prozent aller Bauten in Bayern sind Denkmäler. Aber: Sie sorgen für eine halbe Milliarde Euro Umsatz im Jahr beim handwerklich orientierten Mittelstand.

Verlust von Touristen


Doch Greipl droht zum Don Quichotte zu werden. Denn weder ist es quantitativ nachweisbar, dass so und so viele Windräder zu einem Verlust von so und so vielen Touristen führen. Noch kann sich der Denkmalschutz auf eine so wirkungsvolle Gesetzesgrundlage stützen wie zum Beispiel der Naturschutz. „Wir werden in der Regel erst im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens als einer von vielen so genannten Trägern öffentlicher Belange gefragt“, erläutert Bayerns Generalkonservator. Und da sei es oftmals schon zu spät, um erneuerbare Energieerzeugung und Wahrung des Orts- oder Landschaftsbildes sensibel in Einklang zu bringen.
„Ich warne davor, dass wir durch eindimensionale Betrachtung der Dinge ähnliche Fehler begehen wie beispielsweise in den 1960er Jahren, als angeblich der autogerechten Stadt die Zukunft gehörte“, sagt Greipl. Schon 20 Jahre später habe man die bohrende Frage gestellt, wer denn für diese Fehlentwicklung verantwortlich war. „Die Ergebnisse dieser eindimensionalen Mobilitäts-ideologie kann man heute noch an den tiefen Wunden in unseren Städten sehen.“ So nennt der Generalkonservator stellvertretend für alle Bausünden der „autogerechten Stadt“ den Altstadtring in München, der unter dem Prinz-Karl-Palais durchführt und das Ensemble Maximilianstraße zerschneidet. Dort tobt der innerstädtische Verkehr direkt vor historischer Bausubstanz. Ähnliches sei mit der beschaulichen Ilzstadt in Passau passiert. Aus dem einst pittoresken Ufer ist bereits in den 1970er Jahren ein betonierter Unterbau für eine vierspurige Straße geworden.
„Wenn man einen Tunnelblick hat – und der ist derzeit bei der Energiewende sehr verbreitet –, sieht man nicht nach links und nach rechts“, moniert Greipl. Deshalb regt er eine ideologiefreie und faire Kooperation aller Beteiligter an. „Nachdem die einst gewaltige Atomlobby quasi über Nacht verschwunden ist, haben sich jetzt andere Lobbys in Stellung gebracht“, betont der Generalkonservator. Auch die Denkmäler und die Kulturlandschaft brauchen eine Lobby. Bayerns kulturhistorischem Erbe sollte es nicht so ergehen wie den Indianern in Nordamerika. „Schlösser wie Neuschwanstein und Welterbe-Städte wie Bamberg oder Regensburg bilden Reservate für eine ansonsten untergegangene Spezies. Dorthin fährt man durch endlose, ziemlich denkmalfreie, von gesichtslosen Ortschaften, riesigen Maisfeldern, Wind- und Photovoltaikparks geprägte Landschaften, besichtigt im Reservat das historische Erbe und kehrt auf gleichem Weg wieder in die wirkliche Welt zurück.“
Greipl sucht den Ausweg aus dem Konflikt zwischen erneuerbarer Energieerzeugung und Wahrung der Kultur- und Denkmallandschaft: Er will, dass die Politik einen integralen Ansatz verfolgt, also die Interessen des Denkmalschutzes wie auch des Schutzes der Kulturlandschaft bei den Planungen von Anfang an einbezieht. Er fordert zweitens, dass sich die Investitionen auch langfristig rechnen und nicht, wie zum Beispiel bei Photovoltaik-Anlagen, die Probleme der rasanten technologischen Weiterentwicklung und der in nicht allzu langer Zeit fälligen Entsorgung gar nicht im Blick sind. Greipl hofft drittens: dass jeder einzelne begreift: Energiewende heißt nicht, einen schrankenlos steigenden Energiebedarf „erneuerbar“ zu decken, sondern Energiewende heißt vor allem, Energie zu sparen. „Und das geht nur, wenn wir alle an unserer eigenen Lebensweise einiges ändern.“ (Ralph Schweinfurth)

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