Bauen

Der DGNB zertifizierte neu sanierte Firmensitz der Coplan AG im ehemaligen Bullenstall des Gerner Schlosses. (Foto: Coplan AG)

19.04.2013

Wettbewerb beim Öko-Bauen

Nachhaltigkeits-Zertifizierungen bei Gebäuden

Nachhaltig Bauen war in Deutschland lange Zeit Terra incognita. Seit einigen Jahren aber rückt das Thema mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein. Und: Im Bereich Qualitätsprüfung findet mittlerweile sogar ein echter Konkurrenzkampf statt.
Nachhaltigkeit – englisch: sustainability – zählt zu den großen Trendthemen der 2000er Jahre. Allein die begriffliche Aura scheint unwiderstehlich. Sorgfalt schwingt mit darin, Zukunftsorientierung und ein hohes Maß an Verantwortlichkeit nicht nur fürs Jetzt, sondern auch für die Lebenswelt der Folgegenerationen.
Befreit man das Thema von seinem ethisch-visionären Mantel, wird es allerdings höchst komplex, insbesondere bei der Nachhaltigkeit von Gebäuden. Hier hat sich in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren viel bewegt, was die theoretische wie auch die praktische Umsetzung betrifft. War bis dato vom Bauherrn bis zum Architekten fast jeder von der Bauqualität hierzulande überzeugt, so sorgte das vermehrte Eindringen des US-amerikanischen LEED-Standards („Leadership in Energy& Environmental Design“) in den europäischen Markt für Unruhe: Schließlich will man sich im Land der Denker und Ingenieure nicht bei Domänen wie Zertifizierungen und Qualitätskontrolle den Schneid aus Übersee abkaufen lassen.
Heraus gekommen ist dabei, wie oft nach längerem Rückstau, eine erhebliche Dynamik. Innerhalb kurzer Zeit wurde nachhaltiges Bauen in der Bau- wie auch in der Immobilienbranche zu einem der zentralen Themen und das Zertifizieren beim Neubau oder bei Sanierungen prestigeträchtiger Bauten mittlerweile gängige Praxis. Starker Impulsgeber dieser Dynamik ist hier die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB, die, schwer zu glauben, erst anno 2007 gegründet wurde und es binnen fünf Jahren innerhalb von Deutschland auf über 80 Prozent Marktanteil bei den Zertifizierungen im Bereich Nachhaltigkeit bei Gebäuden gebracht hat.

Umfangreicher Prüfkatalog


Martin Prösler, Pressesprecher der DGNB, findet das, rückblickend, immer noch erstaunlich. „Architekten und Ingenieurbüros, Baufirmen, Facility Manager oder Shoppingmall-Betreiber: Dass eine solche Vielzahl unterschiedlich aufgestellter Unternehmen und Unternehmensbranchen in so kurzer Zeit einen Konsens gefunden hat, ist für mich heute noch ein kleines Wunder.“
Auch Prösler erkennt in der Geschwindigkeit, mit der hier im Markt agiert und reagiert wurde, klare Symptome von Nachholbedarf. „Unabhängig davon, ob es sich bei den Gebäuden um Bürotürme, Krankenhäuser oder um Wohnanlagen handelt: Das Bedürfnis, einen gemeinsamen Bezugspunkt zu finden, war riesengroß.“
Kaum weniger erstaunlich, dass der „gemeinsame Bezugspunkt“ in dieser kurzen Zeit eine solche Spannbreite entwickeln konnte, denn der Prüfkatalog der DGNB ist umfangreich, sein Anspruch nahezu universal. Nicht nur, dass er die klassischen LEED-Kriterien Ökologie, Energie und Lebensqualität aufnimmt; er fügt ihnen noch die Aspekte „Technik“ und „Prozessqualität“ sowie – mit hohem Bewertungsanteil – „Ökonomie“ hinzu. Ob Schallschutz oder Raumluftqualität, Energieeffizienz, Betriebs- oder Gesamtkosten: Bei der DGNB-Zertifizierung gibt es kaum etwas, was nicht irgendwo unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit bewertet wird.
Dass die Rezeption bis dato Grenzen aufweist, möchte Prösler gar nicht bestreiten. „Wir sind bei den großen gewerblichen Gebäuden in deutschen Großstädten fast flächendeckend dabei. München und Hamburg zählen da beispielsweise zur absoluten Spitze.“ Unterhalb dieses Levels, so Prösler, bestehe aber durchaus noch Aufholbedarf.
Passend dazu die Formel, die Klaus Kreupl, Auditor beim DGNB und Architekt bei der Coplan AG im niederbayerischen Eggenfelden, aufstellt. „Je größer, je imageträchtiger das Gebäude, umso stärker das Bedürfnis nach Zertifikaten.“ Die Gründe dafür sind schnell gefunden. Kreupl: „Gerade bei größeren und teureren Objekten stellt die Zertifizierung einem Gebäude ein bis ins letzte Detail begründetes und überprüftes Zeugnis der eigenen Leistungswerte aus. Das kräftigt nicht nur das Sicherheitsgefühl von Kapitalgebern, sondern erhöht auch, Stichwort Transparenz, den möglichen Verkaufs- beziehungsweise Wiederverkaufswert eines Objekts.“
Last, but not least spielen, so Kreupl, finanzielle Argumente eine Rolle. „Der Sockelbetrag bei einer DGNB-Zertifizierung ist vergleichsweise hoch. Die Kosten steigen entsprechend nicht linear mit den Baukosten für ein Gebäude an. Heißt: „Je höher die Baukosten, desto geringer fallen anteilig die Kosten für ein Zertifikat aus.“ Auch hier bestätigen Ausnahme-Unternehmen die Regel.
So hat die Coplan AG den neu sanierten Firmensitz, den einstigen Bullenstall der Gerner Schlossökonomie, vom DGNB zertifizieren lassen – für ein Unternehmen mit 170 Mitarbeitern ein doch „erheblicher Aufwand“, wie Coplan-Vorstand Martin Steger einräumt. Gute Gründe für die Zertifizierung gab es dennoch: „Wir selbst stehen für die Prinzipien des nachhaltigen Bauens ein. Darüber hinaus ist ein Zertifikat für uns Werbung in eigener Sache. Wir zeigen damit unseren Kunden, was wir können.“

Werbung in eigener Sache


Komplexität und Aufwand einer DGNB-Zertifizierung nennt auch Andreas Rößler vom britischen Consulting-Unternehmen Turner & Townsend als möglichen Hemmschuh für eine stärkere Ausbreitung. „Während sich das LEED-System auf die klassischen Aspekte der Nachhaltigkeit konzentriert, bewertet das DGNB-System auch viele weitere Aspekte aus der Planungs- und Projektphase und bezieht auch die Lebenszykluskosten eines Projekts in die Bewertung mit ein. Gerade mittelständische Unternehmen sind nicht immer in der Lage oder bereit, den Aufwand mitzutragen. Entsprechend gibt es einige in der Branche, die der Meinung sind, ein verschlanktes, verständlicheres System mit einem klaren Fokus auf den wesentlichen Fragestellungen wäre wünschenswert.“
Rößler – sowohl DGNB- als auch LEED-AP – sieht den Konkurrenzkampf indes durchweg positiv. „Dem eigentlichen Ziel, die Nachhaltigkeit bei Gebäuden zu verbessern, kommt das durchweg zugute. Zumal der Druck, ein Gebäude zertifizieren zu lassen, immer häufiger von Seiten des Managements kommt, also von ganz oben.“ Den Markt sieht er dabei, heute wie in Zukunft, klar aufgeteilt: „Geht es um Gebäudezertifikate für Unternehmen, die international tätig sind, sehe ich das LEED-System vorn. Bei Firmen, die vorwiegend im deutschsprachigen Raum operieren, hat das Zertifikat des DGNB dagegen klar die Führung übernommen.“ (Markus Kemminer)

(Büro im früheren Stallgebäude - Foto: Coplan AG)

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