Bauen

Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. (Foto: Birgit Gleixner)

27.10.2015

"Wir brauchen Personal"

Ingenieurekammer-Bau-Kolumne: Präsident Heinrich Schroeter über "Bayerische Ingenieurbüros - Berufschancen für Flüchtlinge"

Wöchentlich kommen zehntausende Flüchtlinge in Deutschland an, die meisten davon in Bayern. Gesamtgesellschaftlich stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Situation umgehen.
Ohne Zweifel steht unsere Gesellschaft vor einer Mammutaufgabe. Doch unabhängig davon, ob man denkt, „das Boot ist voll“ oder sicher ist: „Wir schaffen das!“ – eines ist klar: Ein besonders effizientes, wenn nicht sogar das beste Mittel zur Integration ist es, die beruflichen Zukunftschancen der Ankommenden so schnell wie möglich zu erhöhen und die Aufnahme der Asylbewerber in den deutschen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Zu wenig
qualifizierter Nachwuchs


Je nach Branche und Qualifikation ist das unterschiedlich schwierig – doch für die bayerischen Ingenieurbüros kann ich sagen: Wir brauchen Personal und können den Flüchtlingen solche Chancen bieten.
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau vertritt 6500 im Bauwesen tätige Ingenieure. Schon seit einigen Jahren stellen wir fest: Wir haben zu wenig qualifiziertes Personal. Und Jahr für Jahr bestätigt unsere Konjunkturumfrage dies. Gerade erst in diesem Monat führten wir wieder eine Befragung durch. „Haben Sie Probleme, Ingenieurnachwuchs zu finden?“, wollten wir wissen. Drei Viertel der Abstimmenden sagten: Ja!
Eines ist klar: Wir können den Bedarf der bayerischen Ingenieurbüros kurz- und mittelfristig nicht ausschließlich mit einheimischen Kräften decken. Flüchtlingen bietet sich hier eine große Chance. Nicht nur gut ausgebildete Ingenieure, insbesondere auch technische Zeichner, Konstrukteure und Verwaltungspersonal werden ständig gesucht.

Fristen auf den
Prüfstand stellen


Nach derzeitigem Recht dürfen Asylantragssteller in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland noch nicht arbeiten. Und ganze 15 Monate lang gilt diese Vorrangsprüfung, das heißt, der Arbeitgeber darf nur dann einen Flüchtling einstellen, wenn er den Arbeitsplatz nicht an einen deutschen oder EU-Bürger vergeben kann.
Für die Baubranche bremsen diese Sperrfristen. Sie hindern die Büros, Firmen und Verwaltung in der Baubranche daran, offene Stellen schneller zu besetzen. Sie hindern die Flüchtlinge daran, schnell an den deutschen Lebensalltag herangeführt und integriert zu werden. Und sie hindern die Flüchtlinge daran, den deutschen Steuerzahler damit zu entlasten. Denn ein Flüchtling, der qualifiziert genug ist, um sein täglich Brot selbst zu verdienen, der sollte das tun können. Und zwar so schnell wie möglich.
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau fordert die Politik daher auf, die Drei- beziehungsweise Fünfzehn-Monats-Fristen auf den Prüfstand zu stellen.

Klare Regelungen in
der Bayerischen Bauordnung


Als ein weiteres Problem der schnellen Eingliederung von Flüchtlingen wird oft die schwierige formale Anerkennung der Berufsqualifikation angeführt. Dabei muss dies bei einigem guten Willen gar keine Hürde sein – zumindest für die Ingenieure im Bauwesen. Bayern hat liberale Regelungen zum Berufszugang. Lediglich für Entwurfverfasser, Nachweisberechtigte für Standsicherheit und Brandschutz sowie andere Funktionen, die für Verbraucherschutz und Sicherheit verantwortlich sind, gibt es klare Regelungen in der Bayerischen Bauordnung.
Sie betreffen die Personen, die für ein Projekt verantwortlich unterschreiben – und das sind oft die Büroinhaber. Für die Mitarbeiter im Büro gibt es jedoch keine Regelungen. Die Tätigkeit erfolgt unter Aufsicht eben der Verantwortlichen, die mit ihrer Unterschrift für die Ergebnisse des Teams geradestehen.
Warum soll dies nicht auch mit Menschen aus Syrien oder Afghanistan möglich sein? Ein kurzes Kennenlernen sollte dem Arbeitgeber ausreichen, um beurteilen zu können, ob ein Probepraktikum erfolgversprechend erscheint. Und danach kann man mit Sicherheit beurteilen, ob eine befristete Anstellung der richtige Weg ist. Denn was letztendlich zählt, ist der persönliche Eindruck. Und dass auch ein kurzes Praktikum fair bezahlt wird, sollte für einen Ingenieur, der seinen Berufsstand achtet, selbstverständlich sein.

Chance zur
echten Integration


Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau ist derzeit mit verschiedenen Internetportalen in Kontakt, die sich speziell mit der Arbeitsvermittlung von qualifizierten Migranten beschäftigen.
Es muss doch möglich sein, zumindest Flüchtlingen, die außer dem starken Willen, sich bei uns eine neue Existenz aufzubauen und dazu auch noch eine fachliche Ausbildung mitbringen, in kurzer Zeit in unseren Berufsstand Chancen zu bieten. Das führt zu einer echten Integration, wie sie von vielen Politikern derzeit eher als fast unmöglich dargestellt wird. Wir Ingenieure können so etwas leisten!

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