Bauen

Steigt man den rund 19 Millionen Wohngebäuden in Deutschland aufs Dach, entdeckt man Hohlpfannen, Schiefer, Biberschwanz- und Nonnenziegel. (Karte: GHM)

13.02.2014

Zeig mir dein Dach und ich sag Dir wo Du wohnst!

Dach-Landkarte zeigt regionale Besonderheiten

Flach, gewölbt oder wellig gekrümmt – die Formen der Dachziegel in
Deutschland sind so vielfältig und unterschiedlich wie die Regionen.
Steigt man den rund 19 Millionen Wohngebäuden in Deutschland aufs
Dach, entdeckt man Hohlpfannen, Schiefer, Biberschwanz- und
Nonnenziegel. Die DACH+HOLZ International stellt die deutsche „Dach“-
Landkarte vor. Auf der europäischen Messe für Dachdecker und
Zimmerer zeigen über 70 Dachziegelhersteller vom 18. bis 21. Februar
2014 das komplette deutsche Dachziegelspektrum. Mehr über die
regionalen Besonderheiten, bahnbrechende Erfindungen und
Geschichte der Ziegel verraten Mila Schrader und Siegfried Müller im
Interview.

BSZ: Was sind die Gründe dafür, dass die Deutschen unterschiedliche Dächer haben?
Mila Schrader: Die Gründe für die Unterschiedlichkeit hängen in erster Linie
von den Wetter- und Windbedingungen ab, die wiederum die Dachneigung
beeinflussen. Das alpine Dach im Süden ist schwächer geneigt als die Dächer in Norddeutschland, die mehr Regen abführen müssen. Im Süden entwickelte sich aus den Holzschindeldächern die Biberschwanzdeckung. Die Mönch-Nonne-Deckung, die sich im Mittelalter aus den römischen Ziegeln entwickelt hatte, blieb vornehmlich repräsentativen Häusern vorbehalten. Hinzu kamen die Materialvorräte in der Umgebung. Küstengebiete deckten mit Reet und Stroh, in Regionen mit Natursteinvorräten entwickelten sich Steinplatten-Dächer (Weserbergland), in Schieferregionen wie Mosel, Hunsrück, Eifel, aber auch Thüringen entwickelte sich das Schieferdach.

BSZ: In Ihrem mit Willi Bender verfassten Buch „Dachziegel als historisches Baumaterial“ ziehen Sie klare Grenzen zwischen den einzelnen in Deutschland anzutreffenden Ziegelformen. Was waren hierfür die ausschlaggebenden Punkte?
Mila Schrader: Die klaren Grenzen sind natürlich keine auf ewig festgelegten Grenzen. Sie stellen vielmehr den Versuch dar, regionale Dachdeckung zu veranschaulichen und Enklaven (in der Gegend um Braunschweig) wie den Krempziegel als historische Besonderheit aufzuzeigen.


BSZ: Seit 2300 v. Chr. gibt es Dachziegel. Auf deutschen Dächern sind historisch vorrangig vier Dachziegelmodelle (Hohlpfanne, Biberschwanz-, Kremp- und Mönch-Nonne-Ziegel) anzutreffen. Gibt es bei den Ziegelmodellen so etwas wie Entwicklungssprünge?
Siegfried Müller: Revolutionär für die Dachziegelmodelle war die Erfindung des Falzziegels im Jahre 1841 durch die Gebrüder Gilardoni. Durch die drei Erfindungen der Strang- (1854), der Revolverpresse (1865) und des Ringofens (1858) wurde der Wandel von der Handstrichproduktion hin zur industriellen Fertigung eingeläutet. Da die Vorteile einer Verfalzung auf der Hand lagen, waren nahezu alle Dachziegelhersteller bestrebt, die eingangs erwähnten Modelle unter Wahrung des äußeren Erscheinungsbildes mit einer Verfalzung zu versehen.


BSZ:
Sind bei diesen Dachziegelmodellen schon Vorläufer für heutige Modelle dabei?
Siegfried Müller: Ein Pionier war Carl Ludowici. 1881 entwickelte er den Falzziegel so weiter, dass dieses Modell in gleicher Form bis heute angeboten wird. Ein weiterer Entwicklungssprung war jedoch die Flachdachpfanne, die Ludowici 1930 erfand. Hier wurde der Architekturströmung des Bauhauses Dessau mit ihrem Trend zu flachgeneigten Dächer eine adäquate Lösung geboten.

BSZ: Wie viele unterschiedliche Dachziegelmodelle vom Zeitpunkt der industriellen Fertigung (1841) in Deutschland bis heute wurden entwickelt?
Siegfried Müller: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Willi Bender spricht in seinem Buch von nahezu 5000 verschiedenen Modellen. Dies sollte man sich aber nicht so vorstellen, dass es sich hierbei immer um absolut neue Modelle handelt. Vielmehr sind es Weiterentwicklungen und Variationen von bestimmten Grundformen. Doch seit knapp 100 Jahren nimmt die Zahl an Modellen kontinuierlich ab. Dies hängt auch mit dem Rückgang der Ziegeleien zusammen. Gab es auf dem Gebiet der Weimarer Republik noch rund 1.400 Ziegeleien, die nur oder auch Dachziegel produziert haben, sind heute noch zehn Ziegeleien auf diesem Gebiet tätig.


BSZ: Warum zählt der Biberschwanzziegel zu dem am weitesten verbreiteten Modell in Deutschland?
Mila Schrader: Historisch hatte der Biberschwanzziegel die Nase vorn, weil seine Herstellung einfacher war als die des Hohlziegels (Hohlpfanne, Kremp-, Mönch-Nonnenziegel). Der Biberschwanzziegel ist zwar ein einfaches Ziegelmodell, dessen Schwächen aber durch unterschiedliche Verlegungstechniken ausgeglichen werden konnten. (Interview: Patrick Hof)

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