Bauen

Die Casa da Música. (Foto: Schuh)

22.07.2011

Zeitgenössisches und Gewachsenes

Unterwegs mit einem Architekturtaxi in Portugals heimlicher Hauptstadt Porto

Jetzt ist Porto mal dran.“ Der Ausspruch stammt von Álvaro Siza Vieira. Gesagt hat der Architekt den Satz, als seine Heimatstadt 2001 den Titel „europäische Kulturhauptstadt“ erhielt. Es war eine eindeutig gemeinte Kampfansage Richtung Lissabon. Siza, in Porto geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Architekten des 20. Jahrhunderts. Gebäude von ihm stehen in Spanien, Deutschland oder den Niederlanden. An der Verschönerung Portos hat der Portugiese selbst kräftig mitgewirkt und 1998 mit der Eröffnung des Serralves-Museum für die Kunst der Gegenwart international für Schlagzeilen gesorgt. Inzwischen ist das Serralves Portugals meistbesuchtes Museum. Aber woher rührt diese Porto-Lissabon-Rivalität? Warum ist Porto „jetzt mal dran“?
„Porto ist es schon lange leid, die ewige Zweite zu sein“, sagt Manuel Silva. Der Mann muss es wissen, lebt er doch seit 64 Jahren in der Stadt, mit der er sich auch beruflich auseinandersetzt. Er führt mit seinem alten Mercedes Gäste durch Porto und zeigt ihnen auf einer Art Tour de Force in wenigen Stunden die architektonischen Highlights. „Porto ist immer auf Platz zwei hinter Lissabon. Das nervt.“
Silva parkt seinen silbernen Mercedes vor einem zeitgenössischen Bau, der ausschaut, als wäre ein Meteorit vom Himmel gefallen. Er sagt: „Über Porto heißt es: Hier wird der Ärmel hochgekrempelt und das Geld verdient, in Lissabon hingegen wird es mit vollen Händen ausgegeben.“ Ein weitverbreitetes Vorurteil unter Portugiesen.
Der Architekturführer begutachtet den gigantischen Meteoriten vor ihm. Er sagt: „Der beste Weg, das alte Porto zu entdecken, führt 240 Stufen nach oben, auf den Torre dos Clérigos. Vom höchsten Kirchturm Portugals hat man das ganze historische Zentrum im Blick. Wer das moderne Gesicht der Kulturmetropole erkunden will, muss hier her, ins Casa da Música.“ Er zeigt auf das städtische Konzerthaus des Holländers Rem Koolhaas – von außen massiv, monolithisch, die Außenfassade aus weißem Sichtbeton.
Innen beherbergt der Bau mit seinen speziell angefertigten gewellten Glasfenstern den hellsten Konzertsaal der Welt. Das Spezialglas kommt aus Portugal. Teresa Aquior, die durch das Haus der Musik führt, sagt: „Wir haben einen sehr demokratischen Konzertsaal.“ Akustikdesigner schufen eine speziell konstruierte Soundmuschel, die die Musik so im Raum verteilt, dass sie auf jedem Platz im Saal gleich gut gehört wird. Daher kosten die Tickets auf fast allen Plätzen das Gleiche.

Weltweiter Architektenwettbewerb


Als 1998 die Entscheidung fiel, dass Portugal drei Jahre später Kulturhauptstadt werden wird, wurde ein weltweiter Architektenwettbewerb ausgelobt, erzählt Aquior. „Denn in unserer Stadt gab es bis dato kein Konzerthaus. Musiker mussten im Kloster oder im Theater spielen – bei miserabler Akustik.“ Entstanden ist mit dem offenen Koolhaas-Bau und der imposanten Freitreppe ein „neues Wahrzeichen der Stadt“, sagt Aquior. „Ohne den Titel europäische Kulturhauptstadt hätten wir nicht diesen Ort, der heute auch Anziehungspunkt für junge Menschen ist.“ Das Haus ist zugleich interaktives Museum mit Soundinstallationen und den Möglichkeiten, mit Klang und Rhythmus zu spielen. Auch von außen kommt der Platz gut an. Skater nutzen die schrägen Eingänge als Rampe. Umgeben ist der Bau von hässlichen Neubauten. Aquior sagt: „Das Konzerthaus soll das Viertel aufwerten, neues Publikum anziehen. Was es auch wirklich geschafft hat.“
Taxi-Guide Silva fährt zurück Richtung Innenstadt. Er schüttelt den Kopf: „Porto ist eine der ältesten europäischen Städte mit einer so reichen Geschichte. Trotzdem ist die Stadt unbestritten noch immer unter den Top Ten der unentdeckten Reiseziele Europas.“ Dabei ist das alte Arbeiter- und Hafenimage unfair. Auch wenn Porto auf Deutsch nichts anderes heißt als: Hafen. Porto ist eine schöne Stadt: Ein mittelalterlicher Kern, Barock, Klassizismus und Art déco prägen sie. Die terrassierten Grundstücke am steilen Ufer des Douro beherbergen schöne Villen aus dem 18. Jahrhundert und geben einen sensationellen Blick frei auf die am Granitfels klebende Stadt.
Der niederländische Architekt Rem Koolhaas und Álvaro Siza Vieira brachten mit dem 2005 eröffneten Konzerthaus Casa da Música und dem vor 14 Jahren fertiggestellten, leuchtend weißen Serralves-Museum die zeitgenössische Architektur in die Stadt. Sechs Brücken, darunter zwei mächtige Eisenskulpturen aus dem Büro von Gustave Eiffel, überspannen den eindrucksvollen Fluss Duoro, der Porto von der Schwesterstadt Gaia trennt.
Silva stoppt kurz an der Brücke Dom Luís I. Sie ist die meist fotografierte Brücke Portugals. Die Eisenkonstruktion, die 1886 ein Schüler Gustave Eiffels entwarf, hält die beiden Uferseiten der Portweinmetropole und der Nachbarstadt Vila Nova de Gaia wie mit Spangen zusammen. Hier, in Ufernähe, befindet sich das, was man Nachtleben nennt: Cafés, Bars, Kneipen. Auf Portos Seite heißt das Weggehviertel Ribiera – mit Blick auf den Fluss und im Rücken kunterbunte Fischerhäuschen. Das Ribiera-Viertel ist kitsch-verdächtig. Hier schaut es aus wie auf den Nostalgiepostkarten, die Portugal zeigen, wie es früher einmal war. Von hier fährt die gelbe Tram, die mit einem einzigen Wagen wie ein Großtaxi daherkommt, bis nach „Foz do Douro“, dem Strand von Porto, ans Meer.
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigt, Silva hat es eilig. Doch Antero Bragas Buchhandlung „Lello&Irmao“ auslassen, auf einer Architekturtour? Auf keinen Fall! „Hier fühlen sich Besucher wie im Harry-Potter-Film“, sagt Silva und seine Augen lachen synchron zum Mund. Aus dem Jahr 1869 stammt der Laden und er ist nicht allein deshalb berühmt, weil dort einst Portugals größte Autoren, unter ihnen Ea de Queirós, Camilo Castelo Branco und Antero Quental, verlegt wurden, sondern auch wegen der Art Nouveau Fassade und seiner neogotischen Innenausstattung mit der knallrot lackierten Schmucktreppe.
Laut Lonely Planet ist sie die schönste Buchhandlung Europas. Und selbst wenn es nur die zweitschönste wäre. Schön ist sie allemal. Sie ist fast völlig mit Holz ausgekleidet und bietet auch deutsche Urlaubslektüre. Im Café im Obergeschoss lässt sich darin in aller Ruhe schmökern.

Der Bahnhof mit den blau-weißen Fliesenbildern


Wer beim Kaffeetrinken die fauchenden Espressomaschinen hören will und Wiener Kaffeehauskultur auf portugiesisch sucht, muss ins Magestic Café auf Portos Flaniermeile Santa Catharina. 1921 vom Architekten Joano Queirós geplant, gilt es bis heute als schönstes Wohnzimmer der Stadt. Das Architekturtaxi kämpft sich weiter Richtung Rathaus, biegt aber ab zum Bahnhof Sao Bento, 1916 vom Architekten José Marques da Silva entworfen. Das Besondere: die Vorhalle. Sie ist mit zahlreichen Azulejos geschmückt, jenen blau-weißen Fliesenbildern, wie sie für Portugal bekannt sind. Die Fliesen zeigen unter anderem Infante D. Henrique bei der Eroberung Ceutas und die Heirat Joãos I. mit Filipa de Lencastre.
Silvas letzter Taxistopp führt zum Weinhotel Yeatman in Gaia, das im vorigen Jahr eröffnet wurde. „Ein aktuelles Beispiel für moderne Architektur in unserer Stadt“, sagt Silva. Nicht nur der Blick des Hotels von seiner erhöhten Lage auf die Altstadt ist ein Traum. Egal zu welcher Tages- und Sonnenstandszeit. Auch die Idee dahinter ist spannend: geht es dem Hotel vor allem, wie kann es in Porto anders sein, um Wein. Die Zimmer und Suiten sind von unterschiedlichen portugiesischen Winzern ausgestattet worden – bis hin zum Bett mit aufgeschnittenem Weinfass. Der Pool hat die Form einer Dekantierflasche.
In der Lobby, wie könnte es anders sein, begrüßt eine Bacchusfigur den ankommenden Gast. Eine Replik der Figur des Renaissance-Bildhauers Jacopo Sansovino. Er streckt der Stadt Porto eine Schale mit Wein und Trauben entgegen, dem Ankommenden einen knackigen Hintern. Im Hotel trifft Neoklassizismus auf englischen Landhausstil. Architekt Victor Miranda und das für Innenarchitektur zuständige Londoner Büro RPW-Design wollten in der UNESCO-Stadt bewusst nicht zeitgenössisch bauen. Sie wollten die Vergangenheit – Portweinindustrie und englischer Handel – in die Jetztzeit holen.
Neben den Vintage-Schätzen, die in den Kellereien in und um Porto lagern, liegt Portos Reiz in seinem Makel. Manche gekachelte Häuserfassade hat schon bessere Zeiten erlebt, an mancher flattert die Wäsche vor unverputzten Mauern. Schön ist die Stadt trotzdem, vielleicht gerade deshalb. Die Gassen: eng, oft labyrinthisch. Für Taxifahrer wie Silva in manchen Momenten ein Albtraum. Zum Bummeln und Entdecken: nichts Schöneres. Und dazwischen: zeitgenössische Architektur, von Stararchitekten entworfen. Porto versprüht morbiden Charme. Und wer Morbides liebt, der wird in Porto die große Liebe finden. (Claudia Schuh)

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