Beruf & Karriere

Selbstständige sind frei von betrieblichen Zwängen, kämpfen aber oft mit niedrigen Honoraren, Auftragsflauten und geringer staatlicher Förderung. (Foto: dpa)

08.09.2017

Zwischen Freiheit und Unsicherheit

Viele träumen davon, ihr eigener Chef zu sein – doch das birgt Tücken: Solo-Selbstständige erleben oft ein Auf und Ab

Jürgen Gechter würde es wieder tun. Der 50-Jährige aus dem fränkischen Regelsbach hat seine Entscheidung, sich selbstständig zu machen, bis heute nicht bereut. Trotzdem sei das Leben als Solo-Selbstständiger schon sehr „ambivalent“, räumt er ein. „Das ist wie bei einem Süchtigen: Manchmal bin ich geradezu begeistert von dem, was ich mache. Und dann gibt es wieder Zeiten, da wünsche mir ein Leben als Arbeitnehmer mit regelmäßigem Gehalt und sozialer Absicherung zurück. Ich bekomme Magenschmerzen, wenn mein Konto mal wieder gegen Null läuft“, bekennt er freimütig.

Gechter, der als Alleinunternehmer Kurse für Betriebs-, Personalräte und Schwerbehindertenvertreter anbietet, scheint die Gefühlslage vieler Solo-Selbstständiger auf den Punkt zu bringen: Sie schätzen es, ihr eigener Chef und frei von betrieblichen Zwängen zu sein, hadern aber mit niedrigen Honoraren, Auftragsflauten und unzureichender staatlicher Förderung. Die dieses Jahr von SPD und Union angestoßene Debatte um die Rentenversicherungs- oder Altersvorsorgepflicht für Solo-Selbstständige hat die Gruppe wieder stärker ins Rampenlicht gerückt.

Lieber angestellt als Ich-AG

Amtliche Zahlen machen derweil klar: Der einst von der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit seiner „Ich-AG“-Förderung ausgelöste Boom der Solo-Selbstständigen ist längst vorbei. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stagnierte die Zahl der Solo-Selbstständigen bereits 2007, seit 2012 nimmt sie stetig ab. Im Jahr 2015 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur noch 2,15 Millionen „Selbstständige ohne Mitarbeiter“; damit gehörte nur jeder 20. zur Gruppe der Solo-Selbstständigen.

„Offenbar hat die Selbstständigkeit an Attraktivität eingebüßt. Angesichts der günstigen Lage auf dem Arbeitsmarkt dürfte die Aufnahme einer abhängigen Beschäftigung häufig als die bessere Alternative angesehen werden – zumal nicht wenige Selbstständige, insbesondere unter den Alleinunternehmern, nur spärliche Einkünfte erzielen“, bilanziert der Forscher Karl Brenke in einer DIW-Untersuchung aus dem Jahr 2015.

Dabei sieht die Einkommenssituation der Solo-Selbstständigen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus: So haben nach DIW-Erkenntnissen die Alleinunternehmer im Jahr 2014 im Durchschnitt einen Stundenlohn von 18,86 Euro verbuchen können, berichtet das Forschungsinstitut unter Berufung auf einen repräsentative Befragung von 30 000 Bundesbürgern (Sozio-ökonomisches Panel). Solo-Selbstständige verdienten damit im Schnitt pro Stunde zwei Euro mehr als abhängig Beschäftigte, aber immer noch deutlich weniger als Selbstständige mit mehreren Mitarbeitern.

Allerdings, so macht DIW-Forscher Brenke deutlich, ist das Gefälle zwischen sehr schlecht und sehr gut verdienenden Solo-Selbstständigen enorm groß. Der großen Zahl von Solo-Selbstständigen mit „spärlichen Einkommen“ stehe eine sehr kleine Zahl mit sehr gut verdienenden Alleinunternehmern gegenüber.

So brachte es etwa das – gemessen an der Einkommenshöhe – unterste Viertel der Solo-Selbstständigen 2014 monatlich auf ein mittleres persönliches Nettoeinkommen von gerade mal 616 Euro, die im obersten Viertel vertretenen Solo-Selbstständigen dagegen im Mittel auf 3158 Euro. Ohne Hilfen von Partnern oder Verwandten käme so mancher der schlecht verdienenden Solo-Selbstständigen wohl kaum über die Runden. Am unteren Ende der Einkommensrangliste rangieren freiberuflich arbeitende Friseure und Kosmetiker. An der Spitze stehen Finanzprofis, Ingenieure und selbstständige Juristen mit 2300 bis 2600 Euro.

Für Waltraut Rehberger (Name von der Redaktion geändert) ist nach fast 13-jähriger Erfahrung als Dozentin für Arbeits- und Sozialrecht der Glanz der Solo-Selbstständigkeit verblasst. Die 59 Jahre alte Berlinerin würde ein Angebot für eine Festanstellung inzwischen nicht mehr ausschlagen, wenn es denn ihrer Qualifikation entspräche. Auftragsflauten und ihr geringes Einkommen zwingen sie zu einem „bescheidenen Leben“. Inzwischen versucht sie im Schulterschluss mit anderen die Lage Solo-Selbstständigen zu verbessern. Die „Solidarität und Kollegialität“ unter Solo-Selbstständigen sei aber leider sehr gering, berichtet sie.

Von den Schwierigkeiten, angemessene Honorare für Künstler, Journalisten und Dozenten durchzusetzen, kann auch Veronika Mirschel ein Lied singen. Sie leitet das Referat Selbstständige bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Sie hatte gehofft, die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns für abhängig Beschäftigte würde die Auftraggeber von Solo-Selbstständigen dazu bringen, ihre Honorare aufzustocken. Das sei aber leider nicht der Fall, bedauert sie. Beharrlichkeit führe aber in einigen Bereichen zu kleineren Erfolgen. So gebe es inzwischen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Tarifverträge für sogenannte feste freie Mitarbeiter.

Stundenlohn: 18,86 Euro

Nicht ganz so pessimistisch sieht man die Lage beim Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) mit Sitz in München nicht. VGSD-Vorstandsvorsitzender Andreas Lutz hält Firmengründer und Solo-Selbstständige zu Unrecht pauschal als prekär Beschäftigte abqualifiziert. In Politik und Medien bestünden viele Vorurteile, klagt Lutz.

Statt Solo-Selbstständige als „Prekariat“ abzutun, sollten Bundesagentur und Politik nach Lutz Einschätzung Gründungswillige wieder stärker fördern. Die einstige Unterstützung mit Gründungszuschüssen, Mikrokrediten und Gründungsseminaren seien in den vergangenen Jahren stark abgebaut worden. Denn eines sollte man nicht vergessen: „Selbstständige sind für eine Wirtschaft enorm wichtig: Sie tragen Innovationen in Unternehmen, erspüren neue Trends, bilden sich eigenverantwortlich fort und erledigen in vielen Betrieben die Arbeit, während Festangestellte oft den ganzen Tag in Meetings zubringen müssen“, ist der Verbandschef überzeugt. (Klaus Tscharnke, dpa)

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