Bayern forscht

Rasenmähen ist der Inbegriff des besonders nervtötenden Lärms. (Foto: DDP)

24.09.2010

Jetzt soll’s endlich leiser werden

Ein neuer Forschungsverbund möchte die Menschen vor den Auswirkungen des ständig wachsenden Lärmpegels schützen

Der Lärmpegel um uns herum nimmt immer weiter zu und belastet massiv unsere Gesundheit. Der neue bayerische Forschungsverbund FORLärm (Forschungsverbund zur Lärmminderung von technischen Anlagen) will nun Abhilfe schaffen. Geleitet wird er von Reinhard Lerch, Professor für Sensorik an der Universität Erlangen.

BSZ: Herr Professor Lerch, Lärm stört die meisten Menschen. Doch ist Lärm nur eine Belästigung?
Lerch: Nein! Die Lärmbelastung durch Straßenverkehr, Industrieanlagen und Haushaltsgeräte entwickelt sich mehr und mehr zu einer Plage für die Menschen. Zudem kann sie Schwerhörigkeit, Tinnitus, Schlafstörungen und viele andere Erkrankungen zur Folge haben.

BSZ: Einen Presslufthammer hört jeder. Aber wo findet in unserem Alltag „versteckter“ Lärm statt?
Lerch: Beispielsweise bei Leistungstransformatoren in der Nähe von Wohngebieten. Die belasten die Anwohner rund um die Uhr durch ihren Brummton. Grund dafür ist der Transformatorkern, den das Magnetfeld zu Schwingungen anregt.

BSZ: Und was unternimmt FORLärm dagegen?
Lerch: Wir wollen Werkzeuge und Methoden bereitstellen, mit denen sich die Lärmentstehung so beeinflussen lässt, dass für das menschliche Gehör eine deutlich spürbare Lärmminderung erreicht wird. Neben der messtechnischen Erfassung von Lärm wird dabei auch das subjektive Geräuschempfinden des Menschen berücksichtigt, um besonders störende Geräuschkomponenten gezielt zu reduzieren.

BSZ: Geht es etwas konkreter?
Lerch: Selbstverständlich. Zum Beispiel ist Eurocopter beteiligt, der Hersteller von Rettungs- und Polizeihubschraubern. Diese Hubschrauber sollen weniger Schallleistung emittieren. Davon hätten Anwohner von Kliniken und von Flughäfen gleichermaßen etwas. Die Lärmbelastung ist dort oft größer als bei Flugzeugen, da Helikopter besonders tief fliegen können.

BSZ: Und wie könnte das dann funktionieren?
Lerch: Die Begriffe heißen Aeroakustik oder Strömungsakustik. Wenn sich der Rotor dreht, entsteht Strömung. Beim Hubschrauber spielt hier nicht nur der Hauptrotor eine Rolle: Vor allem die Geräusche des Heckrotors werden als lästig empfunden.

BSZ: Ist das nur die Lautstärke, oder steckt da etwas anderes dahinter?
Lerch: Bekannt ist eigentlich nur der Schalldruckpegel, gemessen in Dezibel. Aber hier geht es um die Psychoakustik: Frequenzhaltigkeit, Schärfe, Tonhaltigkeit, Rauigkeit des Geräusches. Dafür gibt es den Betriff „Lautheit“: Der berücksichtigt die Gehörphysiologie, bewertet also den Krach so, wie ihn der Mensch empfindet. Diese Lautheit wird in „Sone“ gemessen und ist ein wirklich objektiver Maßstab. Und ein neuer Ansatzpunkt.

BSZ: Sie sprachen von Hubschrauberlärm. Worum kümmert sich FOR-Lärm noch?
Lerch: Gerade auch um die private Nutzung. Nehmen Sie beispielsweise die Dunstabzugshauben in den Küchen oder einen Staubsauger. Möglich sind auch die Lüftungsanlagen in Niedrigenergie-Häusern. Dieser Lärm ist nicht nur unangenehm, sondern kann in der Wohnung auch zu Schlafstörungen führen. Ziel des Projekts ist es daher, die Lärmemission solcher Lüftungs- und Heizungsanlagen in einem ganzheitlichen Ansatz zu verringern. Und selbst wenn wir die einzelnen Geräte leiser kriegen: Deren Gesamtzahl nimmt immer mehr zu, man denke nur an die PCs im Haushalt oder im Büro. Genauso wie die Autos auf der Straße. Deshalb ist auch BMW bei FORLärm direkt dabei.

BSZ: Wie gehen Sie hier vor, um den Lärm zu reduzieren?
Lerch: Leider können die Automobilhersteller die Akustik neuer Fahrzeugmodelle erst am fertigen Prototyp vermessen. In diesem späten Stadium des Entwicklungsprozesses bleibt für Maßnahmen zur Lärmminderung nur wenig Zeit, und diese sind zudem kostspielig. Wir wollen daher Simulationsmodelle weiterentwickeln und eine große experimentelle Datenbasis aufbauen. Am Auto sollen sich beispielsweise mit deren Hilfe die Schallemissionen eines Fahrzeugs schon am virtuellen Modell zuverlässig berechnen lassen. Dabei achten wir auch besonders auf die Optimierung der Fahrgastzellenakustik, um für die Passagiere ein möglichst angenehmes Fahrgeräusch zu erreichen. Aber die beschriebenen neuen Simulationsverfahren lassen zukünftig nicht nur beim Auto, sondern beim Entwurf vieler neuer Geräte die Schallemissionen voraussagen. Dies wird den Herstellern helfen, künftig schneller deutlich leisere Produkte zu entwickeln.

(Interview: Heinz Wraneschitz)

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