Reisen

Der Aggenstein. Hier soll es das Venedigerschloss geben. (Foto: Friedrich H. Hettler)

10.10.2017

Burgen, Berge und allerlei Mythen

Pfronten ist Deutschlands erstes „Europäisches Wanderdorf“

Da es am Vortag geregnet und weiter oben sogar geschneit hat, können wir den reizvollen Weg durch die Reichenbachklamm im Rahmen des Pfrontener Wanderwegs „Sagengipfel“ leider nicht nehmen, denn es wäre nach den Worten unseres Führers, Alexander Grotz, einfach nicht sicher genug. Also nehmen wir für die ersten rund 600 Höhenmeter die Breitenbergbahn und starten von der Bergstation auf 1483 Metern aus die Tour, die uns über die Ostlerhütte zur Fallmühle führen wird. Der „Sagengipfel“ ist die anspruchvollste von drei Wanderungen, die Pfronten im Zusammenhang mit der Zertifizierung als erstes deutsches „Europäisches Wanderdorf“ aufgelegt hat.

Die Sonne lacht am blauen, fast wolkenlosen Himmel, die Folge, der Schnee taut, Wasserrinnsale kommen die Hänge herab und machen den Weg teilweise glitschig und morastig. Nichtsdestotrotz müssen wir aber auch immer wieder noch durch knöchelhohen Schnee stapfen. Wir kommen am sagenumwitterten Aggenstein vorbei, der sich uns im herrlichsten Sonnenlicht präsentiert. Hier soll es ein Schloss geben, das Venedigerschloss. Es ist nicht real und doch ist es ein imposantes Bauwerk, nämlich eins der Natur.

Für die Menschen waren die Berge früher faszinierend und beängstigend zugleich. Über die Jahrhunderte entstanden zahlreiche Sagen, mit denen man versuchte, sich die Landschaft zu erklären. Man personifizierte sie, so Jan Schubert, Pfrontens Tourismusdirektor, belebte sie mit geheimnisvollen Wesen und verwob Geschehnisse des eigenen Alltags mit ihr. So landeten wohl auch die Venediger auf dem Aggenstein. Die Bezeichnung „Venediger“ geht auf Prospektoren (jemand, der Bodenschätze erkundet und auf ihre Abbauwürdigkeit hin untersucht) zurück, die im Mittelalter aus Venedig bis ins Allgäu kamen, um nach Edelsteinen, Mineralien und Erz für die Glasproduktion zu suchen. Ihr fundiertes Wissen über Geologie und Natur war den Einheimischen unheimlich, also schrieb man ihnen übernatürliche Kräfte zu und sie wurden kurzerhand Teil der örtlichen Sagenwelt.

Die Sage erzählt, dass die Venediger hoch oben am Aggenstein ein unbeschreiblich herrliches Schloss haben sollen. Alle sieben Jahre kann ein Mensch es sehen – und wenn er Glück hat, sieht er auch den Venedigerkönig. Er trägt statt der Krone einen goldenen Kapuzenmantel, den langen Bart aus Gold- und Silberfäden um den Leib geschlungen. Der Glückliche aber, dem sich Schloss und König offenbaren, muss sieben Jahre über das Gesehene schweigen, andernfalls wird er sterben. In seinem Herrschaftsgebiet rund um Aggenstein und Breitenberg duldet der König keinen Übeltäter, der seine Schuld nicht gesühnt hat.

Einmal war ein Pfrontener an einem Verbrechen beteiligt und wollte auf kürzestem Weg ins Tannheimertal fliehen. Zwischen Breitenberg und Aggenstein wurde er plötzlich von Kapuzenmännlein aufgehalten, sie verbanden ihm die Augen und führten ihn fort. Als die Binde abgenommen wurde, fand er sich in einem Gerichtssaal vor dem Venedigerkönig und seinen Schöffen. Vor dem Übeltäter stand ein Tisch, auf dem ein Spiegel lag und in diesen hieß ihn der König nun blicken. Darin aber musste der Gefangene seinem Opfer in die Augen blicken und mit ansehen, wie eine Unschuldige bestraft wurde. Da erkannte der Verbrecher, was er verdient hatte und sank tot zu Boden.
Uns hat sich das Venedigerschloss am Aggenstein nicht gezeigt und wenn doch, dürften wir ja nicht darüber sprechen.

Herrliches Panorama

Bevor wir die Ostlerhütte auf 1838 Metern erreichen, geht es aber nochmal gehörig bergauf, aber das herrliche Wetter und die grandiose Aussicht auf die Allgäuer und Tiroler Alpen entschädigen für die Strapaze. Die Hütte liegt direkt auf dem Kamm des Breitenbergs.
Jetzt haben wir uns aber nach gut 400 Höhenmetern redlich eine Rast sowie Brotzeit verdient und genießen das herrliche Panorama.

Nach der Einkehr wandern wir über den Grat durch Latschen-, Berg- und Mischwälder wieder ins Tal hinunter. Allerdings ist den ganzen Weg über größte Achtsamkeit geboten, denn der Schnee und das Tauwasser, aber auch das Laub haben die Steine und das Wurzelwerk der Bäume rutschig gemacht. Jeder Schritt ist jetzt mit Bedacht zu wählen, um nicht auszurutschen und hinzufallen. Hier leisten unsere Wanderstöcke ganze Arbeit. Geschafft. Nach über 900 Metern bergab erreichen wir ohne Zwischenfall das Ziel, den Gasthof Fallmühle.

Mit seiner Zertifizierung als „Europäisches Wanderdorf“ ist Pfronten eines von bislang sechs Mitgliedsdörfern, die sich der Qualitätssicherung des Wanderns in Europa verschrieben haben. Neben dem Ort selbst wurden auch vier seiner Gastgeber mit dem Europäischen Wandergütesiegel (European Hiking Quality) prämiert. Die Wildgrün Allgäu Lodge, das Ferienhaus Heuser, das Hotel Berghof sowie das Chalet Edelweiß dürfen seit ihrer Ernennung das Prädikat „Europäische Wandergastgeber“ führen und bieten speziell für Wanderer abgestimmte Übernachtungsangebote an. Alle Gastgeber sind selbst passionierte Wanderer und bieten mit ihrem Expertenwissen ihren Gästen einen einmaligen Service an.
Innerhalb der „Europäischen Wanderdörfer“ fungiert jedes Mitglied als Botschafter seiner Region. Pfronten repräsentiert in diesem Rahmen die Mythoslandschaft Allgäuer Alpen und das Landschaftsbild der Region. Als Heimat und Wiege unzähliger Mythen ist Pfronten von uralten Legenden wie etwa, der bereits erwähnten Sage um den „Venedigerkönig am Aggenstein“ oder den „saligen Fräulein im Weissensee“ geprägt. Auf drei neu entwickelten Wanderwegen offenbart Pfronten seine facettenreiche Landschaft, macht die Geschichten und Sagen auf einzigartige Weise erlebbar und zeigt das Landschaft mehr ist als man auf den ersten Blick sieht, so Schubert.

Die drei Wanderwege entfalten ihre Wirkung nicht allein in der Natur, sondern vor allem im Zusammentreffen mit den Menschen des Dorfs und den uralten Spuren der Geschichte.
Die Tour „Drachenblick“ führt uns auf die Burgruinen Hohenfreyberg und Eisenberg, ein bayernweit bedeutendes Burgenensembles. Die 14 Kilometer lange Route verläuft mit einer geringen Höhendifferenz über das Ortszentrum und den Bahnhof Pfronten-Ried in das Berger Moos. Hier bietet ein hölzener Aussichtsturm einen ersten Überblick. Weiter geht es mit leichten Anstiegen über den Ortsteil Kreuzegg in die Nachbargemeinde Eisenberg mit dem Dorf Zell. Von hier aus erreichen wir die mächtigen Burganlagen Eisenberg und Hohenfreyberg. Von den Zwillingsruinen haben wir einen wunderbaren Blick über das Pfrontener Tal, die beiden „Wächterdrachen“ und die Gipfel der Allgäuer Alpen.

Die beiden Ruinen stellen ein bayernweit bedeutendes Ensemble in der Burgenregion Allgäu dar, so der Burgenforscher Joachim Zeune. Dabei ist die Burg Eisenberg die ältere der beiden. Gesichert taucht sie erstmals 1340 auf. 1418 lässt der älteste Sohn des Besitzers der Burg Eisenberg, Friedrich von Freyberg-Eisenberg zu Hohenfreyberg, sich sein Erbe ausbezahlen, um auf dem Nachbargipfel eine Höhenburg im Stil der Stauferzeit zu bauen – und damit seinen Vater zu übertrumpfen.
Obwohl das Ende der Ritter und Burgen bereits abzusehen ist, so Zeune, errichtet er eine der letzten Burgenneubauten des Mittelalters als Zeichen der Macht und Bollwerk gegen den Lauf der Zeit. Die Eitelkeit des Bauherren zahlte sich aber nicht aus, den die Baukosten trieben die Familie in den Ruin und sie verlor die Burg. 1646 wurden beide Burgen im Zuge einer „Politik der verbrannten Erde“ von der Tiroler Landesregierung niedergebrannt und blieben danach Ruinen.
In den 1980er Jahren wird die Burg Eisenberg durch den Burgenverein Eisenberg und die Gemeinde saniert. Die Ruine von Hohenfreyberg wurde zwischen 1995 und 2005 gesichert und für den Kulturtourismus erschlossen.

Neben den beiden Burgruinen gibt es in der Ortsmitte von Zell ein kleines Burgenmuseum, das in fünf Themenräumen – Wohnung, Nahrung, Arbeiten, Verteidigung und Kultur – sowie in einem Medienraum Forschungsergebnisse rund um die Zwillingsburgen präsentiert. Ausgewählte Ausstellungsstücke und Inszenierungen erklären Bau und Niedergang der Burgen und informieren anschaulich über das Leben der Bewohner und die neuzeitliche Verklärung von Burg und Rittertum. Im Burgenkino können sich Besucher mit einer virtuellen Zeitreise in die Vergangenheit der beiden Burgen entführen lassen.
Der „Königstraum“, eine mittelschwere Gebirgswanderung (18 Kilomneter, 760 Höhenmeter) führt hinauf zur Ruine Falkenstein, der höchst gelegenen Burganlage Deutschlands (1268 Meter). Hier plante König Ludwig II. seine letzte Ruhestätte zu errichten, noch prächtiger als das berühmte Schloss Neuschwanstein. Zur Verwirklichung dieses kühnen Vorhabens kam es jedoch nicht. Die Geschichte wurde jedoch ein Teil des Orts und kann auf dem Wanderweg entdeckt werden.

Die Burg Falkenstein ließ Graf Meinhard II. von Tirol um 1270/1280 als reine Drohgebärde gegenüber den bayerischen Herzögen erbauen – durch die außergewöhnliche Höhenlage war das Bauwerk jedoch äußerst unpraktisch. 1646 wurde die Burg aus Angst vor den Schweden von den Tirolern niedergebrannt. 1883 kaufte Ludwig II. die Ruine, um an ihrer Stelle seine Vision einer Raubritterburg als letzte Ruhestätte zu bauen. Christian Jank, Georg von Dollmann und schließlich Max Schultze lieferten ihm mehr oder weniger realisierbare Entwürfe. Das Schloss blieb aber ein Traum, lediglich die Zufahrtsstraße wurde fertiggestellt.

Pfronten präsentiert sich seinen Besuchern als abwechslungsreich, authentisch und liebenswert. Jan Schubert betont, dass in Pfronten, „an der Stirn der Alpen“, immer etwas los ist. Das Bestreben der rund 8000 Einwohner zählenden Kommune ist es nach den Worten des Tourismusdirektors, die Regionalität wieder herauszustellen. Auch hänge der Ort nicht ausschließlich vom Tourismus ab, vielmehr gebe es einen guten Mix aus Industrie, viel Handwerk und Gastgewerbe.

In puncto Handwerk bietet das aus 13 Ortsteilen bestehende Pfronten noch eine Kuriosität. Bei Schuhmachermeister Markus Nöß kann man sich im Laufe eines einwöchigen Workshops unter Anleitung seine Haferlschuhe selber schustern. Maximal drei Teilnehmer sind dann von Montag bis Freitag von acht bis 18 Uhr in der Werkstatt zugange – Kostenpunkt für den Workshop: 1350 Euro. Ein nicht ganz billiges „Vergnügen“, aber wer kann schon sagen, dass er sich seine Haferlschuhe eigenhändig angefertigt hat? (Friedrich H. Hettler)

(Die Burgruine Hohenfreyberg und die Zwillingsburgen Eisenberg (rechts) und Hohenfreyberg. Blick von der Ostlerhütte auf Pfronten. Der Rest der Burg Falkenstein und der Sonnenaufgang von hier aus beobachtet. Das Berger Moos und Schuhmachermeister Markus Nöß - Fotos: Friedrich H. Hettler)

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