Reisen

Das tief verschneite Brigels. (Foto: Wiegand)

15.02.2018

Vom Skikurs in Großvaters Küche

Breil/Brigels: Wintersport mit Besonderheiten

Du bist sicher die Ursula“, lacht mir ein schlanker Herr im blauen Skilehreranzug auf der Bergstation Crest Falla entgegen. Das ist Aluis Cathomen, der im Skigebiet Brigels Waltensburg Andiast im März etwas Besonderes bietet. „Mit weißem Haar die Pisten runter“, heißt das Programm, das die Bergbahnen zusammen mit ihm am Freitagvormittag kostenlos für Skiläufer/innen ab 60 Jahren offerieren.

Da sich alle am Vortag telefonisch anmelden müssen, kennt Aluis bereits die Namen seiner Schützlinge. Der weiße Skihelm verdeckt mein rotbraunes Haar, vom Alter stimmt’s eher. „Wie oft bist du in diesem Winter schon Ski gefahren?“, fragt Aluis und staunt, dass es Ende Januar das erste Mal war. Mein Wohnort liegt halt nicht nahe der Alpen. Umso wichtiger ist ein Skilauftraining. Das haben sich wohl auch Claudio und Bea gedacht, die beiden anderen in der kleinen Gruppe. Die sind sogar in Brigels daheim, nutzen aber die Chance, um ihre Skitechnik gratis zu verbessern, anstatt 180 Franken für zwei Stunden Skikurs hinzublättern. Vermutlich liegt es am trüben Wetter, dass nicht mehr Interessenten gekommen sind.

„Fahr gleich hinter mir her“, ruft mir Aluis zu und zieht auf den superbreiten, fein präparierten Pisten einige elegante Bögen. Unsere Fehler entdeckt er sofort und zeigt freundlich, wie es besser und leichter geht. Bea hat manchmal etwas Rücklage, ich rotiere zu sehr mit den Stöcken. Die also mal beide waagerecht vor dem Körper halten und ohne Stockeinsatz kurven. Eine bekannte, echt erzieherische Übung. Alsbald geht’s hinauf zur 2418 Meter hoch gelegenen Bergstation Fil, der höchsten im Skigebiet. „Oben sind die Pisten am besten, dort werden sie nicht so schnell weich“, erklärt Aluis. Eine der roten (mittelschweren) Strecken von Fil zur Alp Dado wird Beethoven-Abfahrt genannt. Dort schwingt es sich so angenehm, als wäre Musik in den Beinen.

50 Pistenkilometer

An einer Stelle bleibt Aluis stehen. „Hier haben wir 15 Meter Schnee unter uns“, sagt er. Bekanntlich hat es in der Schweiz in diesem Winter massig geschneit. „Unser Skigebiet mit seinen 50 Kilometern Pisten ist lawinensicher“, betont er später im Bergrestaurant Burleun. Sicher ist aber auch, dass ich mich gleich bei der Ankunft in dieses tief verschneite Graubündner Bergdorf verliebt habe, in die altersdunklen Holzhäuser mit ihren hohen weißen Schneehauben nahe der Pfarrkirche und noch mehr in die St. Martinskapelle, ein schlichtes frühmittelalterliches Kirchlein mit originalem Steinfußboden und einem spätgotischen Flügelaltar von 1508.

Aluis stammt aus Brigels, aus einer Familie mit 13 Kindern und hat schon fünf Ski fahrende Enkelkinder. Als 1973 die ersten Lifte gebaut wurden, gründete er zusammen mit einem Kollegen sofort eine Skischule. Abends musste er sich um seinen Hof und das Vieh kümmern, morgens um die Skikursteilnehmer. Anstrengend war das, „doch die Berge bieten Gesundheit, Kraft und Ruhe“, fügt er hinzu. Heute hat Brigels rund 700 Einwohner, 2000 Gästebetten und 700 Kühe, die im Sommer glücklich auf den Almen grasen. Nur deren Milch verwendet die Käserei im Ort.

Und sonst? „Hier ist es noch immer so wunderschön friedlich und der Zusammenhalt der Menschen ist groß“, strahlt Aluis und freut sich, dass die deutschen Urlauber allmählich wiederkommen. „Wir schätzen unsere Gäste und sind für jeden Gast dankbar“, betont er. Die große Freundlichkeit ist tatsächlich überall zu spüren. Darüber hinaus punktet Brigels mit viel Platz auf der breiten Hochebene für Langläufer und Wanderer. Hier gibt’s noch Wintersport ohne Hektik und Drängelei.
Auch für die Kleinen wird bestens gesorgt. Gleich gegenüber der Seilbahn-Talstation haben sie ihr Übungsgelände, daneben das Skischul-Gebäude, einen zweistöckigen, hellen Holzbau mit Kindergarten und ein Restaurant plus Sonnenterrasse. Die stattlichen Kuchenstücke sind leckere und geschwinde Sattmacher. Für gut gekochte Menus ist am Abend mehr Zeit. Rappelvoll wird es dann im Gilde Hotel Restaurant Vincenz. Dort werden auch Pizza-Fans glücklich.

Dass die meisten Häuser im Dorfzentrum nach dem großen Brand von 1492 wiedererrichtet wurden und Brigels Name keltischen Ursprungs ist, erläutert Claudia-Martina Meyer von Surselva Tourismus. Die St. Eusebiuskapelle aus dem 11. Jahrhundert hoch überm Dorf steht auf dem Burghügel der Kelten. Der Pfad hinauf ist jedoch zugeschneit. Auch als wir die Tegia Rasuz im Dorf, Via Cuort 48, besuchen, schlängeln wir uns durch Schneewände zur urigen Hütte von Julian Cathomas. Ein großer Mann mit wallendem, grauweißem Bart öffnet die knarrende Tür. Drinnen ist es herrlich mollig und sogleich stellt er Wein, Wasser und das schon fertige Essen auf den alten Holztisch.

„Großvater kocht in Breil/Brigels“ heißt immer dienstags dieses Programm, das einer Zeitreise gleichkommt. Nach der Gerstensuppe gibt es „Capuns“ – Teigröllchen aus Mehl, Wasser, Eiern, Käse und Speck, umwickelt mit Mangold und garniert mit roten Speckwürfeln. Ein traditionelles, sättigendes Gericht, wie es die hart arbeitenden Hirten auf den Almen gegessen haben.

25 Jahre hat Julian Cathomas auf dem Bau geschuftet und dann viel Arbeit darauf verwendet, diese völlig marode Almhütte von 1791 zu sanieren und nach alter Art einzurichten. Das Kochen ist sein Hobby geworden; 25 Gerichte hat er in petto. Schnell möchte ich ein Foto von diesem Riesen mit der roten Kochschürze machen. „Nur eines und nicht jetzt, sonst wird das Essen kalt. Hier ist eine Männerwelt“, grummelt er. Doch hinter seiner rauen Schale verbirgt sich ein weicher Kern.
Beim Dessertmachen dürfen wir zugucken und fotografieren. „Buglia da aunghels“ schmurgeln in der Pfanne, eine simple Köstlichkeit aus „Weißbrot, Sahne, Zucker und Geheimnis“, schmunzelt Julian, um uns nun nach nebenan in sein „lebendiges Museum“ zu führen, einen ehemaligen Stall, vollgestopft mit Utensilien und Handwerkzeug aus früheren Tagen. Er zeigt, wie Flachs bearbeitet wurde und weist auf zwei Äxte, eine für Rechts- und eine für Linkshänder. Aus allen Ecken kramt er Überraschendes hervor. Mit einfachen Mitteln wussten sich die Vorfahren zu helfen.

Kalt ist’s in diesem ungeheizten Museum, doch Kaffee und selbst gebrannte Obstschnäpse wärmen uns in der Hütte schnell wieder auf. 35 Franken kostet diese authentische Komplettversorgung inklusive Museumsführung. Ein Schnäppchen, reich kann er davon nicht werden. „Man muss Freude daran haben, sonst kann man so was nicht machen“, sagt er.

Freude haben auch seine Gäste und ebenso die Wintersportler, als tags darauf die Sonne aus dem blauen Himmel strahlt und Brigels in ein Märchendorf verwandelt. Die Skipisten schimmern und nach dem Training mit Aluis gelingen die Downhills sturzfrei. Aus gutem Grund lieben viele den Sonnenskilauf im März. Dass der auch für Ältere zum Genuss wird, dafür sorgt Aluis mit weiteren Gratiskursen vom 2. bis zum 30. März 2018. (Ursula Wiegand)

(Talabfahrt nach Brigels und Skilehrer Aluis Cathomen. Das authentische Bauernessen Capuns mit Speckwürfeln und Jualian Cathomas bei Zubereitung des Desserts - Fotos: Wiegand)
 

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