Kommunales

Geringerer Verdienst, eine höhere Arbeitsbelastung aufgrund überproportional vieler älterer Patienten und mehr Bürokratie: Beim Landarztdasein sehen viele junge Mediziner vor allem die Nachteile. (Foto: dpa)

21.11.2014

Zwischen Management und Medizin

Seit einem Jahr läuft in Bayern das staatliche Programm "Mehr Ärzte für den ländlichen Raum": was es bisher gebracht hat

Demografischer Wandel, schlechte Arbeitsbedingungen: Die Gründe für den Hausarztmangel auf dem Land sind vielfältig. Mit dem Programm „Mehr Ärzte für den ländlichen Raum“ versucht das bayerische Gesundheitsministerium gegenzusteuern und fördert unter anderem landesweit etwa 60 Medizinstudenten. Die verpflichten sich im Gegenzug, nach ihrem Examen mindestens fünf Jahre als Landarzt tätig zu sein.

Florian Bonke lernte die Arbeit eines Landarztes schon als Kind kennen: Sein Vater betrieb eine Praxis in der Gemeinde Flintsbach am Inn, einem knapp 3000 Einwohner zählenden Dorf im Landkreis Rosenheim. Zusammen mit dem Papa kletterte er als Bub auch schon mal bei Schnee und Kälte auf den Berg zu den Bewohnern abgelegener Gehöfte, schaute zu, wenn dieser seinen Patienten die ausgekugelte Schulter einrenkte oder Blut abnahm. Der Dank und die Zuneigung der Dorfbevölkerung waren dem Papa dafür gewiss. „Am Samstag nach einer erfolgreichen Behandlung stand oft ein Jäger bei uns in der Stube mit einem frisch geschossenen Reh und hat gesagt, das sollen wir uns jetzt schmecken lassen – als Dankeschön für die Hilfe bei seinen Angehörigen“, erinnert sich der 25-Jährige.
Andreas Podgurski ist dagegen ein Spätberufener in Sachen Humanmedizin. Der 33-Jährige studiert derzeit im siebenten Semester an der Friedrich-Alexanders-Universität Erlangen, zuvor hatte er ein Studium der Zahnmedizin zwar erfolgreich abgeschlossen – darin aber nie praktiziert. „In erster Linie will ich kranken Menschen helfen“, ist er sich sicher. Aber darauf komme es in der Zahnmedizin leider nicht immer an, häufig dominiere das Verdienstdenken. „Oder gibt es eine vernünftige Erklärung dafür, warum die Medizin in den vergangenen 20 Jahren riesige Fortschritte gemacht hat beispielsweise in der Krebstherapie – wir aber etwa bei der Behandlung von Karies oder Paradontose wissenschaftlich nicht einen Schritt weiter sind?“, fragt der Student provokant. Obwohl es eine breite Übereinstimmung bei den Studieninhalten gibt – darunter Pharmakologie und klinische Chirurgie –, muss der gebürtige Westfale trotzdem das Meiste noch einmal neu studieren, lediglich zwei Semester des vorherigen Studienganges werden ihm anerkannt.

"Die Zehnkämpfer unserer Branche"


Zu Beginn seines Studiums wollte er eigentlich Orthopäde werden, verrät Florian Bonke, „aber ich habe bald erkannt, dass es für einen Mediziner nichts Schöneres gibt als den Beruf des Hausarztes. „Das sind die Zehnkämpfer in unserer Branche.“ Die Fachrichtung hat an Universitäten aber leider nicht eben das beste Image, wie sich der junge Mann erinnert. Spöttische Bemerkungen wie „das hat der Hausarzt wohl verschlafen“ kamen manchen Professoren des Öfteren über die Lippen.
Freilich gibt es auch andere Charaktere unter den Ordinarien, erinnert sich der Nachwuchsmediziner – wie beispielsweise Antonius Schneider, Lehrstuhlinhaber für Allgemeinmedizin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, der bei seinen Studenten die Liebe zum Landarztdasein fördert. „Als er uns von diesem Programm des Freistaats berichtete, habe ich mich gleich gemeldet“, berichtet Florian Bonke.
Ausschlaggebend waren für ihn dabei nicht allein die 300 Euro Stipendium im Monat, sondern vor allem die regelmäßigen Informationsveranstaltungen mit Gesundheitspolitikern oder Wissenschaftlern. Der Berufswunsch nahm konkrete Gestalt an, verfestigte sich. „Inzwischen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, mein Berufsleben in irgendeinem Krankenhaus zu verbringen“, verkündet er voller Überzeugung. Vor ihm liegt noch ein Jahr als Assistenzarzt am Klinikum rechts der Isar, dann möchte er gemeinsam mit seinem älteren Bruder die Praxis vom Papa übernehmen, der mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten musste.
Daheim in Flintsbach ist die Zeit von reinem Blutdruck messen und Tabletten verschreiben ohnehin schon lange vorbei. „Bei einer guten technischen Ausstattung können wir Hausärzte inzwischen einen Großteil der Tätigkeiten eines Internisten erledigen, beispielsweise das Belastungs-EKG“, erläutert Florian Bonke.
Obendrein kenne man den Patienten meist schon viele Jahre und wisse, Symptome richtig einzuordnen. „Wenn der Herr Huber oder die Frau Gruber zu mir kommt und über Bauchschmerzen klagt, dann weiß ich aus deren vorheriger Krankengeschichte, dass die Ursache womöglich viel eher mit dem Herzen als mit dem Magen zu tun hat. Dieses Wissen spart auch Zeit und Geld für die Krankenkassen, weil unnötiges Ärzte-Hopping vermieden wird.“

 

Kenntnisse in Steuerrecht inzwischen unverzichtbar


Andreas Podgurski dagegen ist sich bereits jetzt sicher, dass er nach der Facharztausbildung – er strebt eine Spezialisierung als Internist an – maximal die geforderten fünf Jahre als Hausarzt auf dem Land tätig sein wird. „Ich möchte langfristig als Arzt bei der Bundeswehr arbeiten, mich reizen besonders die Auslandseinsätze, auch in Krisenregionen“, gesteht Podgurski, der vor seinem Zahnmedizinstudium bereits sechs Jahre als Zeitsoldat bei der Truppe absolvierte.
Trotz enger Verbundenheit mit den Patienten schreckt die Selbstständigkeit aber auch viele interessierte junge Ärzte ab – aus bürokratischen statt medizinischen Gründen. „Die Verwaltungsarbeit ist immens, das stimmt“, stöhnt auch Florian Bonke. „Mein Bruder und ich würden das auch nicht auf Anhieb schaffen, wenn uns nicht die Mama erst mal weiter die Praxis managen würde, wie sie das schon seit 30 Jahren bei unserem Vater gemacht hat.“
Ein guter Arzt zu sein, das allein reiche heute leider nicht mehr aus. Man müsse auch unternehmerisch denken, was eben vielen Kollegen nicht gegeben sei. Florian Bonke selbst hat zusätzlich Kurse mit dem Titel Der Arzt als Unternehmer und zum Steuerrecht an der Universität absolviert. Wer sich trotz allem nicht genügend gerüstet für die Selbstständigkeit fühlt, dem erleichtert der Gesetzgeber ab dem nächsten Jahr, als angestellter Arzt in der Praxis eines niedergelassenen Kollegen tätig zu werden – was bisher noch mit hohen bürokratischen Hürden verbunden war.
Obendrein sollen auch die Kommunen befähigt werden, Ärzte in eignen medizinischen Versorgungszentren anzustellen. In Österreich und in den ostdeutschen Bundesländern ist das schon gelebte Praxis, in Bayern dagegen murren viele ältere, dem edlen Bild des Freiberuflers verpflichtete Verbandsvertreter freilich noch angesichts dieses „sozialistischen Schmarrns“.
Aber auch das derzeitige Abrechnungsmodell steht bei vielen jungen Medizinern zur Disposition, wird als ungerecht empfunden. „Im Raum Rosenheim, einer wirtschaftlich starken Region, haben wir viele Privatpatienten und können damit geringere Einnahmen bei den Kassenpatienten kompensieren“, rechnet Nachwuchsarzt Bonke vor. „Aber in der strukturschwachen nördlichen Oberpfalz geht das nicht. Also müssen die Gesetzlichen Kassen dort pro Patient eben eine höhere Fallpauschale zahlen.“
Das sind die technischen Aspekte des Landarztdaseins – bleiben die menschlichen: Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, konstatiert bei einer Tagung des Bayerischen Landkreistags in Sonthofen im Jahr 2012, dass die Arztgattin von heute weitaus weniger gewillt sei, ihrem Mann in die Provinz zu folgen, als das früher der Fall gewesen sei. Auch Florian Bonke weiß um den Wert einer anpassungsfähigen Partnerin. „Unser Vater hätte seinen Job niemals ohne die Unterstützung unserer Mutter bewältigen können.“ Doch auch da können Freistaat und Kommunen helfen. Im Gespräch sind unter anderem so genannte „duale Stellen“ für Paare auf dem Land: Er als Arzt, Sie als Lehrerin. (André Paul)

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