Kommunales

Die Elektro-Abfischung beweist es: Der Fischpass auf dem ehemaligen Gelände der Landesgartenschau in Bamberg verhilft vielen Fischarten zu neuem Lebensraum. (Foto: Hopf)

17.04.2015

"80 Prozent der einheimischen Arten sind gefährdet"

Thomas Speierl, Leiter der Fischerei-Fachberatung des Bezirks Oberfranken, über die Notwendigkeit von mehr durchgängigen Gewässern

Durchgängigkeit der Gewässer heißt: freie Bahn für die Fische, flussauf- und flussabwärts – theoretisch. Doch Eingriffe in den Urzustand der Gewässer gibt es immer wieder durch Wasserkraftwerke, Schleusen oder Bauten zum Hochwasserschutz. Im Durchschnitt kann sich ein Fisch in Oberfranken derzeit zwei Kilometer weit bewegen, dann wird seine Wanderschaft durch ein Hindernis unterbrochen. Eine Ausnahme ist der Main zwischen Bamberg und Lichtenfels – mit 40 Kilometern Länge eine der bayernweit längsten frei fließenden Flussstrecken.

BSZ Immer häufiger kann man neue Fischpässe in Oberfranken sehen. Warum sind sie so wichtig?
Speierl 80 Prozent unserer heimischen Fischarten sind gefährdet. Wir müssen sie besonders schützen und dafür sorgen, dass sie ihre Lebensräume erreichen können: Zum Laichen oder zum Überwintern braucht ein Fisch einen anderen Platz im Gewässer als für die Jungfischentwicklung. Im günstigsten Fall finden sich in den einzelnen Gewässerabschnitten alle für die Fische wichtigen Lebensräume. Viele Fischarten können aber nicht mehr geeignete Laichplätze, günstige Jungfischlebensräume und Nahrungs- beziehungsweise Winterplätze erreichen.

BSZ Warum?
Speierl Querbauwerke wie Wasserkraftanlagen behindern oder stoppen die Wanderung unserer Fische, der Lebensraumverbund ist unterbrochen. In den Oberläufen unserer Flüsse sind deshalb Arten wie Bachforelle, Äsche, Nase, Barbe, Mühlkoppe oder Bachneunauge seltener zu finden. Über zehn Jahre nach Inkrafttreten der EU-Wasserrahmenrichtlinie sind nur zirca 20 Prozent der oberfränkischen Gewässer in einem guten Zustand. Neben der mangelnden Durchgängigkeit sind sie durch die zunehmende Verschlammung beeinträchtigt. Mit Hilfe von Fischaufstiegsanlagen können die Fische wieder geeignete Lebensräume erschließen.

BSZ Wieso ist der Bezirk mit seiner Fachberatung für Fischerei an der Errichtung von Fischpässen beteiligt?
Speierl Wir sind zentrale Dienststelle für alle fischereilichen Fragen in Oberfranken und somit als Fachstelle eingebunden. In den letzten drei Jahren hat die Fachberatung für Fischerei über 120 Maßnahmen zu Fischaufstiegsanlagen an Querbauwerken, meist Wasserkraftanlagen, begleitet. Der Rückgang unserer heimischen Fischarten, deren schlechte Bestandssituation, beruht auf einem komplexen Wirkungsgefüge. Für Oberfranken zeigt sich, dass die Gewässerzerstückelung ein wichtiger negativer Faktor ist, besonders im Zusammenhang mit Strukturverarmung und einer zunehmenden Verschlammung.

BSZ Woher wissen die Fische eigentlich, wie sie durch den Fischpass kommen?
Speierl Die Fische orientieren sich insbesondere an der Strömung. Eine ausreichende Wassermenge in der Fischaufstiegsanlage ist unbedingt notwendig, um für die Fische eine so genannte Lockströmung ausbilden zu können. Die ist notwendig, damit die Fische den Einstieg zur Fischaufstiegsanlage finden. Bei den stromaufwärts gerichteten Wanderungen sind die Laichzüge am bekanntesten und beeindruckendsten, wie sie zum Beispiel früher bei der Nase massenhaft zu beobachten waren. Sie wandert bis zu 450 Kiloemter zu ihren Laichgründen. Aber auch unsere heimischen Jungfische suchen gezielt geeignete Lebensräume auf und wechseln zum Beispiel aus dem Fluss in Altwässer beziehungsweise Seitengewässer. Seitengewässer werden unter anderem auch als Nahrungskammern und als Schutzräume im Winter aufgesucht. Auch die Verknüpfung und Erreichbarkeit von Seitengewässern ist immens wichtig.

BSZ Wie groß muss eine Fischaufstiegsanlage sein?
Speierl Durch die Anlage muss sowohl der größte Fisch als auch der schwimmschwächste Fisch nach oben kommen. Wird zum Beispiel eine neue Fischaufstiegsanlage an der Wiesent, einem mittelgroßen Fluss der Äschenregion, angelegt, orientiert sich die Gestaltung der Becken an den größten Fischarten, der Äsche und Bachforelle. Der Fischaufstieg muss aber auch für die schwimmschwachen Fischarten passierbar sein, wie Mühlkoppe, Bachneunauge und Schneider. Dazu müssen die hydraulischen Verhältnisse wie Strömungsgeschwindigkeit oder Gefälle, berücksichtigt werden. Das Wasser muss langsam strömen und die Kleinfischarten müssen ausreichend Deckung am Gewässergrund vorfinden, um auch einmal Pause machen zu können.

BSZ Wird dann auch festgestellt, wie viele Fische den Pass verwenden?
Speierl Zentrale Fischaufstiegsanlagen – wie unter anderem im Bereich der Regnitz, des Mains oder der Wiesent – werden auf ihre Effizienz durch regelmäßige Elektrobefischungen und Reusenfänge überprüft. So wird der ERBA-Fischpass auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände in Bamberg seit seiner Flutung im Jahr 2011 regelmäßig untersucht. Die Entwicklung 2014 zeigt, dass nicht nur der Fischaufstieg in die Regnitz funktioniert, sondern dass dieser naturnahe Umgehungsbach mittlerweile auch vielen gefährdeten Flussfischarten Lebensraum bietet.

BSZ Wäre es denn so schlimm, wenn Fische nur noch in bestimmten Gewässerabschnitten leben würden?
Speierl Etwa 80 Prozent der heimischen Fischarten sind laut Roter Liste gefährdet, besonders die spezialisierten Flussfischarten sind seit längerer Zeit nur noch auf kleine, ausgewählte Gewässerbereiche beschränkt. Obendrein sind sie durch das Fischsterben in bestimmten Bereichen ungeheuer stark vom Aussterben bedroht. Zumal man nicht weiß, ob sich die Fischart dort wieder ansiedeln wird. Auch die genetische Verarmung stellt eine Gefahr dar: Nach neueren Untersuchungen ist ein Bestand von mindestens 1000 Individuen für ein dauerhaftes selbständiges Überleben der Population erforderlich.
(Interview: Monika Hopf)

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