Kommunales

Bürgermeister Martin Finzel (rechts) begrüßt einen kleinen Neubürger im Ort und seine Familie. (Foto: BSZ)

17.09.2010

Aktiv, attraktiv und integrativ

Die oberfränkische Gemeinde Ahorn setzt auf ungewohnte Projekte um die Abwanderung zu stoppen

Ein ganz normaler Spielplatz für alle Kinder bis 14 Jahre: „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Martin Finzel, Bürgermeister der Gemeinde Ahorn im Landkreis Coburg. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels entschied sich die Gemeinde stattdessen für einen „generationenübergreifenden Bewegungspark“, der weit über Oberfranken hinaus seinesgleichen sucht und einmal mehr die innovative Rathauspolitik unterstreichen soll, die nicht erst seit der Amtsübernahme Finzels 2008 in der 4500-Einwohner-Gemeinde Einzug gehalten hat.
„Wir wollen die verschiedenen Generationen an einem zentralen Ort in Ahorn zusammenbringen“, schwärmt Martin Finzel, der mit 32 Jahren zu den jüngsten hauptamtlichen Bürgermeistern im Freistaat gehört. Fragen des Alters haben für das parteilose Gemeindeoberhaupt ohnehin noch nie eine Rolle gespielt. Schon vor der Übernahme der Amtsgeschäfte und während seines Studiums war Finzel für seine Heimatgemeinde tätig. Kurios: Mit 28 Jahren übernahm er die Leitung des Seniorenbeirats. „Alter ist immer etwas Relatives“, scherzt Finzel. Das sind für ihn „Schubladen in den Köpfen“, die endlich aufgebrochen werden müssen.
Der Generationenübergreifende Bewegungspark ist ein Element seiner Politik, als deren oberste Ziele er einmal die „Steigerung der Lebensqualität vor Ort und die Beibehaltung der Wertschöpfung in der Gemeinde“ formuliert. Bei dem Park handelt es sich um eine Naherholungsfläche am Rande eines Weihers, die nicht nur mit Spielgeräten, sondern auch mit Ruhepunkten, Sportgeräten, einer ansprechenden Bepflanzung und unterschiedlichen Wegen ausgestattet ist. Alles ist mit dem Rollstuhl befahrbar, Barrieren gibt es nicht, keine Altersgruppe wird ausgegrenzt, und auch Behinderte können problemlos am Leben im Bewegungspark teilnehmen.
Sieht sich der Besucher genauer in der Gemeinde um, so entdeckt er dieses Prinzip immer wieder. Nirgendwo stellt ein Bordstein ein Hindernis dar, die Bushaltestellen sind behindertengerecht ausgestaltet worden, im gesamten öffentlichen Raum gibt es keine Barrieren mehr, was für eine so kleine Gemeinde nicht gerade selbstverständlich ist.
Ursprung dieser Maßnahmen war die Tatsache, dass Ahorn traditionell als Ort der integrativen Arbeit gilt. Die Gemeinde ist unter anderem Standort einer Schule für geistig behinderte Kinder, einer Behindertenwerkstatt mit rund 400 Plätzen und einer Grundschule mit integrativen Klassen. Um einen Ort für seine Bewohner wirklich attraktiv zu machen, reicht dies freilich alles noch nicht aus. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und der Abwanderung in die Ballungsräume verliert der gesamte Norden Bayerns Einwohner. „Auch der Raum Coburg wird dabei keine Ausnahme sein“, ist sich Finzel sicher. Der Bürgermeister spricht von einem schleichenden Prozess und zitiert Studien, nach denen auch die Einwohnerzahl von Ahorn bis 2020 um fünf bis sieben Prozent zurückgehen soll. Hier gilt es gegenzusteuern, was freilich nur über einen langen Zeitraum hinweg funktioniert.
In Ahorn hat man damit frühzeitig begonnen: Die Vollversorgung mit Krippenplätzen ist längst Realität, ebenso die Ausstattung sämtlicher Ortsteile mit Glasfaser für das schnelle Internet. Mit dem Leaderprojekt Flächen- und Siedlungsmanagement der länderübergreifenden „Initiative Rodachtal“, für das Ahorn zusammen mit dem Nachbarort Itzgrund bayernweit als Modellgemeinde des Amtes für ländliche Entwicklung ausgewählt wurde, erhofft sich Finzel eine weitere Aufwertung.
Ziel sei es, nicht mehr „ein neues Baugebiet nach dem anderen auszuweisen“, sondern bestehende Gebäude zu sanieren, innerörtliche Baulücken zu schließen und auf die vorhandene Infrastruktur aufzubauen. „Warum soll im ehemaligen Supermarkt nicht ein Architektenbüro einziehen?“ „Warum kann die Wohnung der fortgezogenen Kinder im Obergeschoss nicht als Ferienwohnung touristisch genutzt werden?“ Diesen und vielen anderen Fragen geht das Modellprojekt nach, indem zunächst fundierte Daten erhoben werden sollen.
Auch im Rathaus setzt Finzel auf mehr Eigenständigkeit und dreht damit einen Trend um, der in anderen Kommunen noch vorherrscht. Der outgesourcten Reinigungsfirma wurde gekündigt, stattdessen sollen wieder Arbeitskräfte aus dem Ort zum Zug kommen.  Was der Bürgermeister als „Rekommunalisierung“ bezeichnet, bedeutet, dass erwirtschaftetes Geld in der Gemeinde bleibt.
Im Mehrgenerationenhaus Linde, das ein ortsansässiger Unternehmer errichtet und der Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte, ist das Ehrenamt zuhause. Hier treffen sich Selbsthilfegruppen, haben die Sozialstationen ihre Büros und wird ein Café als Begegnungsstätte für Jung und Alt betrieben. Was in der Großstadt undenkbar wäre, funktioniert in der Gemeinde noch: Unter dem Motto „Ahorn packt’s“ pflegen 250 Bürger die gemeindlichen Grünflächen vor ihren Häusern ebenfalls ehrenamtlich. Mit Erfolg, denn der Ort grünt und blüht, so dass man meinen könnte, die nächste Landesgartenschau findet in Ahorn statt.
(Stephan Hebert Fuchs)

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