Kommunales

Vor 30 Jahren etwa gab es allein im Landkreis Cham noch über 150 Waldlerhäuser. Seither sind ein gutes Drittel davon verschwunden, zahlreiche weitere vom Verfall bedroht. Dabei lohnt sich eine Sanierung – und muss den Bauherren beziehungsweise Besitzer auch nicht teurer kommen als ein neues Gebäude. (Foto: Baumann)

02.07.2010

"Altes Glump" als neue Heimstatt

Statt eines gesichtslosen Neubaus bieten sich in der Oberpfalz viele historische Gebäude als Wohnhäuser an

Reiß das alte Glump doch einfach weg!“ Wer die Sanierung eines historischen Bauernhauses in Angriff nimmt, stößt unweigerlich auf die Skepsis seines Umfelds. Ein scheinbar günstigerer Neubau, schier unerreichbare Forderungen des Denkmalschutzes – der Bauherr muss vielen Vorurteilen trotzen. Doch er erhält, so er denn standhaft bleibt, sich und seinen Nachbarn ein wertvolles Stück regionale Baukultur und Identität und fördert die heimische Wirtschaft. Das Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege weist denn auch nach: „Jeder öffentliche Zuschuss, den Bund, Länder oder Kommunen als direkte Finanzhilfe für Maßnahmen privater Denkmaleigentümer bewilligten, löst ein um das Neunfache höheres Investitionsvolumen aus.“
Bauten prägen das Gesicht einer Region. Auch für Touristen ist nur attraktiv, was besonders, auch anders als an anderen Reisezielen ist. Hier kann mit geschichtlicher Bausubstanz gepunktet werden. Hochglanzprospekte wiederum werben gern mit dem "Ursprünglichen", den „geduckten alten Waldlerhäusern aus dem Holz, das die Jahrhunderte geschwärzt haben“. Sie sind Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Ferienregionen.
Funktional, klimagerecht
Doch welches Gesicht zeigt heute die Oberpfälzer Hauslandschaft den Bewohnern und ihren Gästen? Ein ähnliches wie manche Nachwuchsmodels auf dem Laufsteg – ganz hübsch, aber weit entfernt von einer unverwechselbaren Schönheit. Die Generation Botox der ländlichen Bauten beeindruckt vor allem in den uniformen Neubaugebieten vieler Gemeinden durch ihren einheitlichen Modernitätschic. Es ist ein faltenloses Gesicht ohne Spuren von erlebter Vergangenheit. Dabei könnte die Oberpfalz auf einen Stil voller individueller Vielfalt bauen.
Bei der Suche nach denkmalgeschützten Bauten wird bewusst, dass von vielen nur noch historische Sterbebilder existieren. Vor 30 Jahren etwa gab es im Landkreis Cham noch 150 Waldlerhäuser. Seit 1980 sind ein Drittel davon verschwunden, zahlreiche weitere vom Verfall bedroht. Bei den Jurahäusern sind in den vergangenen 50 Jahren gar 80 Prozent abgerissen worden. Von den weiteren Oberpfälzer Haustypen wie den Fachwerk- oder Böhmerwaldbauten fehlen bisher noch die wissenschaftlichen Erhebungen. Ein Arbeitskreis startete nun gemeinsam mit dem Freilandmuseum Neusath-Perschen das Projekt „Heimat, deine Bauten“: Nicht aus einer Bauernhaus-Nostalgie heraus, sondern weil allein im Landkreis Cham noch 100 Waldlerhäuser stehen, zirka 20 Prozent des einstigen Jurahäuserbestandes vielleicht zu retten sind.

Preiswerter als Neubauten


In Text und Bild sowie mit handwerklichen Modellen zeigt eine neue Ausstellung viele verschiedene Aspekte rund um die ländlichen Bauten. Die Palette reicht von einem Überblick über die Haus- und Hofformen über Baumaterialien und finanzielle Fördermöglichkeiten der Sanierung bis zu neuen beispielhaften Nutzungen: vom Wohnhaus junger Familien über das Wochenendhaus bis zum Hotel im Waldlerhaus.
Die Stein- und Holzhäuser früherer Generationen sind Zeugen für die rauen klimatischen Bedingungen in der Oberpfalz, für die wirtschaftlichen Verhältnisse, für Handwerkskunst und Alltagsleben. Die Menschen errichteten funktionale, materialgerechte Häuser und Stadel, die sich den natürlichen Beschaffenheiten des Geländes einfügten. Einfache Baukörper, abgestimmte Proportionen, klare Grundrisse, ruhige Fassadengestaltung – die traditionellen Häuser erfüllen alle Kriterien harmonischer Architektur und waren doch in erster Linie immer zweckmäßig.
Die Oberpfalz war ein karger Landstrich, dem die bäuerliche Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit abringen musste. Daher sind viele ländliche Bauten auch Zeugen der Armut. Vielleicht erscheinen sie ihren Besitzern auch deshalb weniger erhaltenswert als repräsentative Bürgerhäuser und prachtvolle Schlösser. Die Sanierung der Bauernhäuser muss aber nicht zwangsläufig ärmliche Verhältnisse romantisieren. Sie kann den Respekt vor dem Leben und Arbeiten der Vorfahren mit den komfortablen Möglichkeiten heutigen Wohnens verbinden.
> maria baumann

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