Kommunales

Was eine Telefonzelle ist, wird man der Generation Smartphone wohl irgendwann erklären müssen. (Foto: Stäbler)

16.06.2017

Analoge Relikte

Unrentabel und häufig Opfer von Vandalismus: Telefonzellen verschwinden aus dem Ortsbild

Es habe ja jeder ein Handy, und genutzt würden sie kaum noch: Mit diesem Argument will die Telekom auch noch die letzten verbliebenen Fernsprecher abbauen. Doch einige Kommunen wehren sich.

Ein Samstagvormittag in Sauerlach, einer 7000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis München, es herrscht reger Fußverkehr im Ortszentrum. Allein um die silberne Stele – eingefasst von zwei Glasscheiben, obendrauf eine magentafarbene Haube – machen sämtliche Passanten einen Bogen. Einsam und verlassen steht sie da, die Telefonzelle vor dem Rathaus, während die Menschen an ihr vorbeitrotten, viele von ihnen haben das Handy ans Ohr geklemmt.

Dass dieser öffentliche Fernsprecher, wie es offiziell heißt, zusammen mit den anderen beiden Telefonhäuschen der Gemeinde Sauerlach „ein Stück Lebensqualität“ für die Bürger darstellen soll, mag man an diesem Samstagvormittag kaum glauben. Und doch sind es genau diese Worte, die der örtliche Bauamtsleiter Hubert Zellner in den Mund nimmt, wenn er über die drei Telefonzellen im Ort spricht. „Es kann ja immer mal vorkommen, dass der Handy-Akku leer oder das Gerät kaputt ist“, sagt Hubert Zellner. Zudem sei es für die Sicherheit der Bürger wichtig, dass sie auch ohne Handy einen Notruf absetzen können.

Weniger als 50 Euro Umsatz im Monat sind unrentabel

Mit dieser Argumentation hat sich der Bauausschuss des Sauerlacher Gemeinderats jüngst gegen das Ansinnen der Telekom gewehrt, die drei Fernsprecher abzubauen. „Der Unterhalt einer Telefonzelle kostet Geld – etwa für Strom, Standortmiete und Wartung“, erklärt Konzernsprecher Markus Jodl. Daher sei die Telekom bemüht – „in Abstimmung mit der jeweiligen Gemeinde“ – besonders unrentable Telefonhäuschen auszurangieren. Ein monatlicher Umsatz von unter 50 Euro sei „ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht“, sagt Markus Jodl.

Und im Fall der drei Sauerlacher Telefonzellen lag der Monatsumsatz bisweilen gar bei unter 15 Euro, berichtet Bauamtsleiter Hubert Zellner. Seine Gemeinde ist beileibe kein Einzelfall – schließlich ist die Hochzeit der Telefonzellen längst passé. Dabei gehörten die damals meist gelben und mitunter auch grauen Häuschen noch vor 25 Jahren so fest zum Ortsbild wie Briefkästen; stolze 160 000 gab es Mitte der 1990er Jahre im Bundesgebiet. Die nächste Telefonzelle stand zumeist immer gleich ums Eck. Ab 20 Pfennig (zirka zehn Cent) konnte man im Ortsgespräch plaudern.

In knapp zehn Jahren ein Rückgang um 80 Prozent

Mit dem Aufkommen des Handys fand die Blütezeit der Telefonzelle jedoch ein schnelles Ende: 2008 waren es deutschlandweit noch 100 000 Fernsprecher, binnen der folgenden fünf Jahre halbierte sich diese Zahl, und heute gibt es bloß noch rund 20 000 Telefonzellen der Telekom sowie einiger weiterer Anbieter.

Die wenigsten davon sind gelb, stattdessen dominiert magenta; zudem wurden etliche klassische Telefonhäuschen durch Stelen ersetzt, oft inklusive WLAN-Hotspot. Allein an einigen lukrativen Standorten wie Flughäfen oder Bahnhöfen erfreuen sich Telefonzellen auch heute noch großer Beliebtheit, verrät Telekom-Sprecher Jodl. An unwirtschaftlichen Standorten dagegen sollen sie mittelfristig verschwinden oder – sofern die Gemeinde ausdrücklich daran festhalten will – durch eine Stele mit einem sogenannten Basistelefon ersetzt werden.

Dieses „verzichtet auf alle Bauteile, die für Vandalismus anfällig sind, beispielsweise ein Display oder Schlitze für Münzen und Telefonkarten“, heißt es in einem Telekom-Prospekt. Dadurch will der Konzern bares Geld sparen, denn der Schaden durch die mutwillige Zerstörung von Telefonzellen beläuft sich jedes Jahr auf rund eine Million Euro. Einen Haken freilich hat das Basistelefon: Mit Münzen oder Telefonkarte kann man dort nicht telefonieren. Stattdessen braucht es eine spezielle Guthabenkarte – wobei Notrufe, wie bisher, stets möglich bleiben.

Auch in Sauerlach sollen nun infolge des Gemeinde-Vetos solche Basistelefone die alten Anlagen ersetzen. Wer ihnen hinterhertrauert, der kann sich theoretisch – das nötige Kleingeld vorausgesetzt –ein Telefonzelle in den Garten stellen. Denn die Telekom verkauft die ausrangierten Häuschen; je nach Typ und Zustand liege der Preis bei 600 Euro aufwärts, teilt Konzernsprecher Jodl mit. Die gelben Telefonzellen seien jedoch ausverkauft, fügt er an. Und noch einen Haken gibt es: „Die Kosten für den Transport muss der Käufer übernehmen.“ (Patrik Stäbler)

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