Kommunales

150 Schulkinder in Nordbayern pendeln jeden Tag nach Thüringen. (Foto: dapd)

15.07.2011

Aufbruch Ost

Immer mehr bayerische Kinder besuchen Gymnasien in Thüringen

Jeden Morgen fahren sie 30 Minuten mit der Bahn zur Schule, nachmittags denselben Weg wieder zurück. Sie brauchen nicht länger als viele andere Kinder in ländlichen Regionen, und doch ist bei ihnen vieles anders. Denn 150 Schulkinder in Nordbayern pendeln jeden Tag nach Thüringen, Tendenz steigend. Die meisten von ihnen besuchen dort Gymnasien – eine Tatsache, die nicht nur die bayerischen Verantwortlichen mit Sorge sehen. Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, wirft den Eltern vor, ihren Kindern mit dem Weg in ein anderes Bundesland zu schaden: „Das ist schwierig, weil es einen einzelnen Jugendlichen aus der Gemeinschaft herausnimmt.“
Thüringens Bildungsminister Christoph Matschie hingegen lässt zwar selbstbewusst mitteilen: „Die vielen Gastschüler sprechen für die Attraktivität des Schulstandortes Thüringen.“ Doch tatsächlich befürchten Beteiligte auf beiden Seiten, dass bayerische Schüler vor den strengen Regeln in ihrem Bundesland flüchten. Das Gymnasium Hermann Pistor im Thüringer Sonneberg ist das beliebteste Ziel bayerischer Exil-Gymnasiasten. Zwischen 50 und 60 Kinder fahren jeden Tag über die Landesgrenze.
Schulleiter Gerd Maier vermutet, dass die meisten Kinder schlicht deshalb kommen, weil die Schule ihrem Wohnort näher liegt als viele bayerische Schulen. „Es kommen zwar auch leistungsschwache, aber nicht nur“, betont er. Schwächere Schüler könnten zudem nicht problemlos nach Thüringen wechseln, sagt er. „Wenn einer nicht versetzt wird, kann er nicht einfach davor flüchten – wir haben hier die gleichen Anforderungen.“
Tatsächlich verfügen Bayern und Thüringen über sehr ähnliche Regeln für Kinder, die das Gymnasium besuchen wollen. So gehören sie zu den neun Bundesländern, in denen die Schulempfehlung der Grundschule bindend ist. Dabei kommt eine Empfehlung für das Gymnasium in beiden Ländern ähnlich zustande.
In Bayern müssen die Kinder in der vierten Klasse in ihren vier Hauptfächern einen Notenschnitt von mindestens 2,3 haben. Die Thüringer Vorgaben sind sogar noch strenger. Dort müssen die Kinder in jedem Fach mindestens eine zwei haben. Erhalten sie keine Empfehlung, können Kinder in beiden Bundesländern einen dreitägigen Probeunterricht besuchen, bei dem Lehrer ihre Eignung überprüfen. Bayerische Schüler können sich also über den Weg nach Thüringen keinen leichteren Zugang zum Gymnasium erschleichen.
Wenn sie aber einmal in Bayern auf dem Gymnasium angenommen wurden, ist der Wechsel ins Nachbarland kein Problem. Und zumindest einige bayerische Schüler versprechen sich konkrete Vorteile davon, wie Schulleiter Maier erzählt: „Viele denken, dass sie in Thüringen ein leichtes Abi machen können.“
Das sei jedoch oft eine Fehlkalkulation, wenn die Schüler schlicht nicht gut genug seien. Maier sagt, dass in Bayern nur die „ganz Guten“ das Gymnasium besuchen könnten, während es in Thüringen die „breitere Masse“ sei. Daraus entstehe auch ein Leistungsgefälle zwischen den beiden Bundesländern.
Gerhard Berwing ist Leiter des für Maiers Gymnasium zuständigen Schulamtes in Neuhaus. Er sieht den Trend zum grenzüberschreitenden Schulbesuch mit Sorge. „Ich hielte das für nicht so toll, wenn die Schüler sich entmischen würden, nur weil jemand es sich leichter machen will“, sagt Berwing. Er fürchtet, dass in der Folge die besseren Thüringer Schüler nach Bayern abwandern könnten.
Ludwig Unger äußert sich verständnislos über Schüler, die freiwillig den PISA-Sieger Bayern verlassen. Eltern, die ihr Kind um jeden Preis Abitur machen lassen wollten, schadeten ihm nicht nur sozial, so der Sprecher des bayerischen Kultusminsiteriums.

In Bayern erhalte jedes Kind optimale Chancen


„Anderswo hinken sie dann hinterher und kriegen Defizite, die ihnen nachher Steine in den Weg legen.“ In Bayern hingegen erhielte jedes Kind optimale Chancen, versichert Unger. Ohnehin betrachtet der Ministeriumssprecher den Trend abwandernder Gymnasiasten als wenig bedeutsam. Darüber, wie viele bayerische Kinder insgesamt in anderen Bundesländern zur Schule gehen, hat das Haus von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) jedoch keine Zahlen.
Nicht alle bayerischen Exil-Gymnasiasten suchen den einfacheren Weg, versichert Berbing vom Schulamt. Viele kämen im Gegenteil, weil sie im Thüringer System Vorteile fänden, die es in Bayern nicht gibt.
Berbing vermutet, dass viele bayerische Schüler berufliche Gymnasien, bei denen sie sich schon in eine Richtung spezialisieren können, besuchen. Mit Zahlen belegen kann er dies jedoch nicht. Berufliche Gymnasien gibt es in Bayern nicht.
Aus Sicht des thüringischen Experten eine weitere Ursache für die Flucht über den einstigen eisernen Vorhang: das achtjährige Gymnasium. Bislang hätten bayerische Schüler gezielt die kürzere Schulzeit gesucht, sagt Berbing. Thüringen hatte bereits vor der Wende das sogenannte G8 eingeführt und deshalb damit schon viel Erfahrung gesammelt.
Das sei auch der Grund dafür, dass manche bayerischen Schüler auch heute lieber nach Thüringen gehen, obwohl Bayern nun auch ein achtjähriges Gymnasium hat, sagt Schulleiter Maier. „Die Einführung des G8 in Bayern war eine Hauruck-Aktion, das hat die Leute verunsichert.“
(K. Antonia Schäfer)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.