Kommunales

Zahlreiche ostdeutsche Frauen sind in den vergangenen Jahren in das beschauliche Steinbach an der Haide gezogen. Foto: Frankenwald-Tourismus

26.02.2010

Aufschwung Ost

Im fränkischen Steinbach an der Haide gibt es besonders viele bayerisch-thüringische Pärchen – die Folge ist ein Baby-Boom

Vor 20 Jahren sah die Zukunft des Frankenwalddörfchens Steinbach an der Haide noch ziemlich düster aus. Die Einwohnerzahl war auf den Tiefstand von 145 gefallen – Tendenz weiter fallend, denn seit 1977 war in dem Ortsteil von Ludwigsstadt gerade mal ein einziges Baby zur Welt gekommen. Die Jüngeren zog es weg, heraus aus dem Schatten der Sperrzäune, die nur einen Kilometer vom Ortsrand entfernt an der innerdeutschen Grenze emporragten. Vielleicht hätten auch Stefan Heyder und Michael Sieber, beide damals Anfang 20, ihrem Heimatort irgendwann den Rücken gekehrt – wenn, ja wenn die scheinbar so ehernen Zäune nicht plötzlich ab November 1989 niedergerissen worden wären. Nicht nur, dass Steinbach damit aus dem Nirgendwo „praktisch in die Mitte Deutschlands“ rückt, wie es Stefan Heyder ausdrückt. Sondern die Grenzöffnung beeinflusst das Leben der jungen Männer ganz direkt: Beide verlieben sich Thüringerinnen aus dem nahen Örtchen Großgeschwenda, heiraten und gründen Familien.
Sie sind nicht die Einzigen: Acht fränkisch-thüringische Paare gibt es inzwischen in Steinbach an der Haide. Was maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte, dass der Ort in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung genommen hat: 180 Menschen leben mittlerweile hier, ein Drittel von ihnen Kinder und Jugendliche. Aber wie funktionierte diese fränkisch-thüringische Anbahnung? Wie kommt man sich näher, wenn man in zwei höchst unterschiedlichen Systemen aufgewachsen ist und eine schier undurchdringliche Grenze jahrzehntelang jegliche Kontakte unterbunden hat? „Rübergesehen“, sagen Stefan Heyder und Michael Sieber, habe man damals immer wieder – und sich gefragt, was in dem Dörfchen wohl vor sich gehen mochte. Schließlich liegt Großgeschwenda in Sichtweite, gerade mal vier Kilometer entfernt.
Beide ahnen nicht, dass ihre späteren Ehefrauen ebenfalls sehnsüchtige Blicke in die Gegenrichtung werfen. Vor allem dann, wenn in Steinbach an der Haide ein Fest gefeiert wird und die Musik bis hinüber nach Thüringen schallt. „Wir haben oft untereinander gesagt, ‚wenn wir 60 sind und reisen dürfen, dann gucken wir uns das mal von der anderen Seite aus an’“, erinnert sich Jeannette Heyder.
So lange müssen sie glücklicherweise nicht warten. Als die Mauer fällt, sind die jungen Leute auf beiden Seiten nicht mehr zu halten. Mit der Landjugend Ludwigsstadt/Steinbach an der Haide unternehmen Stefan Heyder und Michael Sieber ihre ersten Touren in das unbekannte Land jenseits des Sperrzauns – nach Lichtentanne, Lehesten, Probstzella und natürlich nach Großgeschwenda. Begeistert entdecken sie Thüringer Kneipen, in denen es nicht nur Disco gibt wie im Westen, sondern auch mal richtige Live-Konzerte. Von den Thüringern werden sie „mit offenen Armen“ empfangen.
Viele junge Menschen interessieren sich für die Aktivitäten der Landjugend, machen bei den Volkstänzen mit und auch bei den Theateraufführungen. „Die ticken ja so wie wir“, stellen Stefan Heyder und Michael Sieber bald erstaunt fest. „Wir haben uns gleich super verstanden“, bestätigen Jeannette Heyder und Manuela Sieber.
Was vielleicht auch an den historischen Gegebenheiten liegt. Denn in früheren Jahrzehnten, weiß Stefan Heyder, hätten sich die protestantischen Ludwigsstadter stärker in Richtung der evangelischen Thüringer orientiert als zu den katholischen Kronachern hin – eine Nähe, die auch sprachlich hörbar ist. Und Jeannette Heyder erzählt von ihrer Großmutter, die in den 1930er Jahren regelmäßig zum Konfirmandenunterricht nach Steinbach an der Haide marschierte. So ist es kein Wunder, dass die erste Fremdheit nach der Grenzöffnung bald verschwunden ist - und sich stattdessen bei manchen innigere Gefühle entwickeln.
Als das Gespräch an diesen Punkt kommt, macht sich ein wenig Verlegenheit breit. Solche persönlichen Geschichten zu erzählen, das fällt beiden Paaren schwer. Man habe sich allmählich über die Landjugend kennengelernt und irgendwann sei man eben zusammengekommen. Aber dann verrät zumindest Jeannette Heyder etwas mehr über ihren Mann: „Mir ist er aufgefallen, weil er so gut tanzen konnte.“ Und er? Stefan Heyder überlegt ein paar Sekunden, während sich auf dem Gesicht seiner Frau ein verschmitztes Lächeln ausbreitet: „Ja, sag mal?“ Ihre positive Ausstrahlung habe ihm gefallen, sagt er endlich. Und beeindruckt habe ihn, dass die Thüringerinnen „nicht so zickig“ seien wie manche Frauen im Westen, sondern gleich mitanpackten. Zum Beispiel bei den Theateraufführungen, wenn es gilt, die Stühle aufzustellen, die Kasse zu managen und den Vorhang aufzuziehen.
Ein Detail hat bei diesen grenzüberschreitenden Beziehungen vermutlich eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. In Steinbach an der Haide herrschte damals notorischer Mädchenmangel, in Großgeschwenda hingegen waren die jungen Frauen deutlich in der Überzahl. Allein in ihrem Jahrgang, sagt Jeannette Heyder, habe es fünf Mädchen und keinen einzigen Jungen gegeben. Ihr Mann weiß von zwei Altersgenossen in seinem Heimatort - Mädchen: Fehlanzeige. Dank der Grenzöffnung dürfte die Balance inzwischen weitgehend wiederhergestellt sein. „Da hat eben zusammengefunden, was zusammengehört“, bilanziert Stefan Heyder.

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