Kommunales

Vor allem so genannte „Problemfamilien“ (mit Migrationshintergrund, alleinerziehend) suchen Hilfe. (Foto: Getty)

30.08.2013

Ausbaufähiges Modellprojekt

Die schwarz-gelbe Landesregierung plante zunächst mit elf „Familienstützpunkten“ in ganz Bayern – die decken die Nachfrage nicht annähernd

Das Votum im Sozialausschuss des Kreistags war einstimmig: Die drei Familienstützpunkte im Landkreis Würzburg sollen über die erste Modellphase hinaus weiterbetrieben werden. Denn die Effekte der neuen Einrichtungen sind laut Kreisjugendpfleger Klaus Rostek hoch. So sei es gelungen, auch bildungsferne Familien zu erreichen. Wobei dies alles andere als einfach war und ist. Nicht nur in Würzburg wünschen sich Stützpunktleiter deshalb mehr Zeit für ihre Arbeit.
Hintergrund: Der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung für die Jahre 2008 bis 2013 zufolge soll die Eltern- und Familienbildung in Bayern „breitenwirksam und nachhaltig“ gefördert werden. Familienstützpunkte gehören zu den integralen Bausteinen des Konzepts. Inzwischen sind mehrere von ihnen an den elf Modellstandorten Aschaffenburg, Augsburg, Bamberg, Kaufbeuren, Nürnberg, Stadt und Landkreis Regensburg, Traunstein sowie Stadt und Landkreis Würzburg etabliert. An die erste Förderphase, die Ende Juni dieses Jahres auslief, schloss sich eine zweite Förderperiode nahtlos an. 2013 soll es eine Million und 2014 noch mal 2,5 Millionen Euro zur Unterstützung der Anlauf- und Kontaktstellen geben.


Keine Zeit für Weiterbildung


Problemfamilien zu stabilisieren, ist nur eine, allerdings die anspruchsvollste Aufgabe der Stützpunkte. „Wir sind für sämtliche Familien da“, betont Natalie Lechner, die den Stützpunkt in Waldbüttelbrunn bei Würzburg leitet. Wobei diejenigen, von denen sie als Stützpunktleiterin am häufigsten angesprochen wird – zum Beispiel mit der Bitte, einmal einen Vortrag zum Thema „Pubertät“ zu organisieren –, die Angebote der Einrichtung letztlich am wenigsten benötigten. Bis Familien in Not dagegen ihr Schweigen brechen und offen über ihre Belastungen und Schwierigkeiten reden, das dauert lange. „Wir müssen mühsame Aufbauarbeit leisten“, bestätigt Angelika Becker vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), die den Stützpunkt im nahen Giebelstadt leitet.
Familienstützpunkte werden teilweise von kommunalen, teilweise von freien Trägern betrieben. Die Zusammensetzung ist – bayernweit gesehen – äußerst bunt. Der SkF zum Beispiel engagiert sich außer in Würzburg auch noch in Bamberg und Regenburg. Die Stadt Augsburg kooperiert bei ihren vier Stützpunkten sowohl mit konfessionellen als auch mit weltlichen Trägern: Dem Verein „Graceland an der Evangelischen Meile“, dem Kinderschutzbund, der Elterninitiative Kindernest und dem Arbeiter-Samariterbund (ASB). In der Stadt Nürnberg, wo inzwischen sieben Stützpunkte eröffnet sind, arbeitet die Kommune unter anderem mit der katholischen sowie mit der evangelischen Familienbildungsstätte zusammen. In Übersee im Kreis Traunstein gibt es eine ehrenamtlich organisierte Einrichtung.
Lauter nette Leute trifft, wer in die „Plauderstunde“ des Giebelstadter SkF-Stützpunkts kommt. „Wahrgenommen wird dieses Angebot derzeit vor allem von Migranten“, so Angelika Becker. Rasch stellte sich heraus, dass viele von ihnen große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben: „So entstand ein Deutschkurs.“ Zehn Muslima nehmen daran teil. Im nahe gelegenen Kürnach hingegen würde zu festen Treffs wie einer „Plauderstunde“ niemand kommen. „Die Dorfstruktur ist hier völlig anders“, sagt Stützpunktleiterin Antje Schrader-Dorner.
Familienstützpunkte haben das gesamte Netz einer Kommune zur Unterstützung von Familien im Blick. Sie sind quasi „vernetzende Lotsen“, sagt Marianna Heusinger vom Stadtjugendamt Bamberg. Gleichzeitig etablieren sie eigene Angebote und erweitern diese kontinuierlich. Vor allem gesellige Zusammenkünfte mit Nutzwert kommen in Bamberg gut an. Heusinger erklärt: „Derzeit bereiten wir das Programm Eltern-AG vor. Hier werden Eltern in wöchentlichen Treffs zusammenkommen, um gemeinsam Spaß zu haben, Erfahrungen austauschen und Neues rund um den Erziehungsalltag zu lernen.“ Gut angenommen werden außerdem die Frauentreffs des Arbeiterwohlfahrt-Familienstützpunkts und die Familienfrühstücke im Stützpunkt des SkF.
„Damit Prävention gelingt, ist genug Personal mit pädagogischer Fachkompetenz erforderlich“, betont Ulrike Diehl, die im Landratsamt Bamberg für die Familienbildung zuständig ist. Das finden auch die drei Stützpunktleiterinnen im Landkreis Würzburg. Weil es sehr mühsam ist, gerade jene Familien zu erreichen, die Informationen am dringendsten benötigen, läuft ihnen regelmäßig die Zeit davon. „Ich habe zehn Stunden pro Woche zur Verfügung“, sagt Antje Schrader-Dorner vom Stützpunkt in Waldbüttelbrunn. Das bedeutet Beratung, Netzwerkarbeit und Dokumentation „im Schweinsgalopp. Fortbildungen sind bei diesem Zeitbudget auch kaum drin“. Sie würden meist in der Freizeit absolviert. (Pat Christ)

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