Kommunales

Bedrohtes Idyll: Statt altem Baumbestand hätten die Badegäste eine hohe Betonstellwand und einen Stall vor der Nase. (Foto: Bergmann)

20.08.2010

Bauszenen im Altmühltal

Pläne für einen großen Rinderstall im kleinen Ferienort Breitenfurt gefährden den Tourismus

Ein Warmstall für 80 Rinder, die Dorfkirche würde dreimal hinein passen. Dazu 850 000 Liter Gülle im Keller. Und das mitten im Urlaubsort – in Breitenbach, wo die Landwirt- schaft schon lange nicht mehr die Hauptrolle spielt. Anlieger fürchten nun um ihre Existenz.


Gemütlich fließt die Altmühl durch den breiten Talgrund, nebenher steigen mit dem Jura Wälder und Felsen hoch. Mittendrin liegt an einem alten Flussübergang das Straßendorf Breitenfurt. Zwar sind die markanten Jurahäuser mit den typischen Legschieferdächern verschwunden, aber die Neubauten wahren die überkommene Kubatur, und das Ortsbild ist in sich stimmig geblieben. Urlauber aus Deutschland und den Nachbarländern wissen das zu schätzen; Ferienwohnungen und Gästezimmer sind auch in diesem Sommer wieder gut belegt, ebenso der Campingplatz.
Nicht nur die Natur, sondern auch das Freibad trägt zur Attraktivität des Urlaubsorts bei. Abgesehen vom Badevergnügen schätzt man es, in der örtlichen Gastronomie ein solides Frühstück und gute Brotzeiten genießen zu können. Über die Jahre wurde so der Fremdenverkehr für Breitenfurt zu einer wichtigen Einnahmequelle.
Denn eines hat sich grundlegend geändert: Die Landwirtschaft spielt längst keine Rolle mehr. Unter den 443 Einwohnern gibt es nur noch einen Vollerwerbs- und einen Nebenerwerbslandwirt.
Letzterer allerdings hat nun große Pläne. Mitten im Ort, zwischen Wohn- und Ferienhäusern, soll unmittelbar neben Freibad und Campingplatz ein Milchvieh-Laufstall für 80 Rinder entstehen, 32 Meter lang, fast 25 Meter breit, gut elf Meter hoch. Das Gebäude würde die lokalen Dimensionen sprengen: Die Dorfkirche gegenüber fände dreimal darin Platz. Der Stall soll über dem Güllekeller – Fassungsvermögen 850 000 Liter – stehen; im abfallenden Gelände befände sich der Stallboden bis zu 2,56 Metern über Grund.
Badegäste und Campingplatzgäste hätten die Betonwände direkt vor der Nase. Außerdem bräuchte es hoch aufgeschüttete Zufahrtsrampen mit Staumauern in unmittelbarer Nähe zu den Nachbarn.

Bangen um die Existenz

Der geplante Warmstall, in dem Tiere ihr Leben im geschlossenen Raum fristen, gilt unter Tierschutzkriterien als überholt. Versagt in den zunehmend heißen Sommern die Lüftung, darf der Landwirt unter Berufung auf das Tierschutzgesetz die Stalltore öffnen. Zum permanenten Lärm durch Abluftventilatoren und die ständige Ammoniakemission käme noch die geballte Geruchsbelästigung.
Zumindest die Immobilien der Nachbarn wären damit stark wertgemindert. Dass dort dann niemand mehr Urlaub machen möchte, versteht sich ohnehin. Die Vermieter von Ferienwohnungen und das Pächterehepaar im Freibad fürchten nun um ihre Existenz.
Gleichwohl hat die Genehmigungsbehörde, das Landratsamt Eichstätt, das Bauvorhaben ohne Prüfung durchgewinkt. Nicht einmal erhebliche Mängel der vorgelegten Pläne – Höhenangaben und Zufahrtsrampen fehlten – spielten dabei eine Rolle.
Erst nach dem Einspruch einer Bürgerinitiative ruderte die Behörde ein Stückchen zurück, ohne jedoch den Antrag grundsätzlich zu überdenken – obwohl der Antragsteller geeignete Grundstücke außerhalb des Ortes besitzt.
Viele Fragen bleiben offen: Der Stall läge größtenteils im Hochwassergebiet. Wohnbebauung ist dort verboten; nicht einmal Dauerstellplätze auf dem Campingplatz werden genehmigt. Da sich der Güllekeller knapp über dem Grundwasserspiegel und nahe am Fluss befände, stellte er bei den regelmäßig wiederkehrenden Überschwemmungen ein unkalkulierbares Risiko dar. Was soll im Notfall mit 850 000 Litern Gülle geschehen? Die Altmühl leidet ohnehin von der Quelle bis zur Mündung unter viel zu hohen Nitratwerten. Vielleicht möchte man als zweiten Schritt dem Wohnort noch eine Biogasanlage zumuten?
Der Geschäftsführer des Tourismusverbands „Naturpark Altmühltal“ lehnt das Bauvorhaben ab, kann aber nichts ausrichten – der Verband untersteht auch dem Landratsamt. Die lokale „Tourismusinfo Dollnstein“ („Urlaub in einem der schönsten Teile des Altmühltals“) verweigert die Auskunft. Unterstützung haben die Betroffenen offenbar nicht zu erwarten. Der Gemeinderat war eingeknickt und hatte dem Bauvorhaben das Einvernehmen erteilt, obwohl das BauGB gute Gründe für eine Verweigerung geliefert hätte. Gleichzeitig möchte man mit dem defizitären Freibad schwarze Zahlen schreiben und den Tourismus ankurbeln.
Zum Teil liegt der Widerspruch im Verfahren selbst begründet. Daran sind Gemeinden, die nicht selbst Genehmigungsbehörden sind, laut BauGB zwar zu beteiligen. Tatsächlich haben sie aber gegenüber den Landratsämtern wenig Spielraum, fürchten Konflikte und teure Prozesse. Wenn allerdings wie im Fall Breitenfurt ein Landratsamt aus der Ferne das Bauvorhaben eines Einzelnen gegen die Interessen der Gemeinde und der großen Mehrheit der Bewohner zum Schaden des Gemeinwohls durchsetzen kann, darf man ein derartiges Genehmigungsverfahren generell in Frage stellen. (Rudolf Maria Bergmann)

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