Kommunales

In Zukunft soll nach dem Willen der Staatsregierung bei einer Landesgartenschau verstärkt interkommunale Zusammenarbeit praktiziert werden. (Foto: dpa)

14.08.2014

Blumen gucken und die Wirtschaft pushen

Landegartenschau sind für die ausrichtenden Kommunen Chance und Risiko zugleich – und werden deshalb seit einigen Jahren immer aufwändiger

Eine Landesgartenschau ist nicht mehr nur eine temporäre Veranstaltung zur Unterhaltung für Einheimische und Gäste, sondern ein langfristig konzipierter Teil des Infrastruktur- und Wirtschaftskonzepts einer Kommune. Geschickt umgesetzt, kann sich die Lebensqualität der Städte erhöhen. Manchmal verschulden sie sich aber auch.
Michaelis Matziounis sitzt vor seinem Lokal und macht eine ausladende Handbewegung, die alles umfasst: das neue Universitätsgebäude gegenüber, die Plaza davor, die modernen Apartmenthäuser daneben, das Backstein-Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert dahinter, die Regnitz und auch die von hier aus gar nicht sichtbaren kleinen Arbeiterhäuschen auf der anderen Seite des Flusses. „Früher, da waren das hier lauter kleine Leute, Türken, Portugiesen oder Griechen, die arbeiteten bei der Erba. Jetzt sollen hier Studenten oder reiche Leute wohnen“, sagt Matziounis in dem weichen Singsang der Griechen mit skeptischem Unterton.
Seit etwa eineinhalb Jahren betreibt er sein Lokal „My Gyros“ auf der Erba-Insel in Bamberg. Erba steht für Baumwollspinnerei Erlangen Bamberg und für 134 Jahre Industrietradition. 1992 stellte die Fabrik den Betrieb ein, die Gebäude verfielen, das Gelände überwucherte – bis 2002 feststand, dass die Landesgartenschau (LGS) 2012 nach Bamberg kommen würde. 2008 begannen die Vorarbeiten, die Universität errichtete 2011 einen neuen Campus, alte Werksgebäude wurden denkmalschutzgerecht umgebaut, etliche Wohnbauten entstanden an den Rändern des LGS-Geländes – ein komplett neues Stadtviertel existiert hier heute. Und der LGS-Park mit fünf Spielplätzen wird vor Familien mit Kindern aus ganz Bamberg als Naherholungsziel genutzt.

 

Lange Wunschlisten


Das zeigt: Die Zeiten von Gärtnerkunstwerk und Exotische-Pflanzen-Show bei Gartenschauen sind vorbei. Es geht dabei heute um die großen Themen Nachhaltigkeit, Lebensqualität, Städtebau und Natur. Gerade beim Städtebau gibt es in vielen Kommunen lange Wunschlisten, aber die Erfüllung scheitert oft an zähen Planungsprozessen und an der Finanzierung. Für beides kann eine Gartenschau ein Segen sein.
„Eine Landesgartenschau ist ein Motor oder auch ein Katalysator, um Stadtentwicklung anzustoßen“, sagt Dagmar Voß, die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung der bayerischen Landesgartenschauen mbH. Sie beschreibt, dass sonst langwierige Genehmigungsverfahren schlicht beschleunigt werden, wenn eine LGS ansteht. „Durch den Eröffnungszeitpunk bekommen Sie manche Entscheidung schneller durch die Gremien.“
Außerdem sprudeln Fördergelder bei einer LGS reichlich: Der Freistaat unterstützte die Investitionen in Rosenheim, Bamberg, Deggendorf und Bayreuth via Umwelt-, Landwirtschafts- und Innenministerium mit 3,7 bis 5,7 Millionen Euro, die EU ist mit 0,9 bis zu 1,9 Millionen Euro dabei. Weitere Einnahmen sind jeweils die Eintrittsgelder, Verpachtungen, Parkplatzgebühren und ähnliches.
Aber demgegenüber stehen auch hohe Kosten: zwischen 17,5 und 19,5 Millionen Euro waren und sind dies seit 2010. Die Differenz muss jede Stadt alleine schultern. In Deggendorf zum Beispiel geht man von 3,6 Millionen Euro städtischem Anteil an den Investitionen aus, der Rest der Kosten soll „im besten Fall“ komplett durch Einnahmen gedeckt werden. Wenn wie vor vier Jahren in Rosenheim statt der erwarteten 800 000 dann 1,04 Millionen Besucher kommen, kann das den städtischen Anteil drastisch verringern. Außerdem gibt es positive Effekte auf die örtlichen Bauunternehmen, Gärtner, Hotels und Gaststätten oder auf den Wohnungs- und Immobilienmarkt.
Dagmar Voß sagt auch deshalb, von einem Defizit könne nicht gesprochen werden, da eine Gartenschau kein Profitunternehmen sei und hochwertige Freizeitanlagen dauerhaft blieben. Doch sie weiß um die heikle Problematik, dass ohnehin klamme Kommunen auch in die Knie gezwungen werden könnten von so einem Projekt. So sehr die nachhaltigen Effekte der Region auch gut täten. „Wir müssen da gut abwägen, denn auf der einen Seite will man vermeiden, dass sich eine Stadt übernimmt. Aber auf der anderen Seite kann es auch nicht sein, dass die Fördermillionen nur in Städte gehen, die ohnehin gut ausgestattet sind.“
Die Lösung dieses Problems könnte „mehr interkommunale Zusammenarbeit“ lauten: Nach den Worten von Dagmar Voß sind die EU-Mittel aus dem Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) neuerdings an Kooperationen gebunden. Deshalb wird die LGS in Bayreuth 2016 auch zahlreiche oberfränkische Kommunen mit historischen Parkanlagen in der Umgebung einbinden, sie sollen gemeinsam beworben werden. Denn die LGS in Bayreuth knüpft an den barocken Gartenbau unter Markgräfin Wilhelmine an. Eine echte interkommunale Zusammenarbeit schon bei der Bewerbung, wie es sich die Nachbarstadt Kulmbach gewünscht hätte, lehnten die Bayreuther aber ab.
Dagmar Voß glaubt dennoch, dass nur Zusammenarbeit das Zukunftsmodell ist. „Viele kleinere Kommunen haben touristisch nur eine Chance, wenn sie sich zusammentun. Es ist aber leider immer noch so, dass jede Kommune meint, sie muss sich abgrenzen.“
Vorreiter waren 2006 Marktredwitz und Eger, die eine echte grenzüberschreitende Gartenschau veranstalteten. 2015 zieht die Bundesebene sozusagen nach: Die nächste BGS wird erstmals nicht an einem Ort sondern verteilt auf eine Region stattfinden. Fünf Kommunen im Havelland (Brandenburg) stemmen die Schau – und sanieren so auch ihre Infrastruktur und städtebauliche Fehlentwicklungen, wie beteiligte Bürgermeister erklären.

 

Immobilienpreise steigen


Ein städtebauliches Großprojekt auf 17 Hektar ist die noch bis 5. Oktober laufende LGS in Deggendorf, die Donaugartenschau: „Es ging übergeordnet darum, eine städtische ,Un-Fläche’ neu zu gestalten und sie ihrem eigentlichen Sinn wieder zuzuführen“, sagen die Macher. Ein Sprecher erklärt, die LGS sei „Motor für viele Maßnahmen“ gewesen: die Erweiterung der Deggendorfer Hochschule, die Verbesserung der Parkplatzsituation und ein umfassender Hochwasserschutz. In Rosenheim, wo 2010 fünf Kilometer Flussufer und Bachläufe bespielt wurden, gelang es, Stadt und damit Bürger und Natur einander näher zu bringen,
Die LGS in Bayreuth (22. April bis 9. Oktober 2016) verbindet die mit barocken Kleinoden gepflasterte Innenstadt mit der etwas entfernt gelegenen bezaubernden Eremitage im Stadtteil St. Johannis. Längst rollen die Bagger in der Talsenke dazwischen: Auch der ökologische Ausbau des Roten Mains auf 1,2 Kilometer Länge ist Teil des Konzepts. Ein neuer Wasserspielplatz soll später auch als Überflutungsfläche dienen. Rundherum entsteht ein 45 Hektar großer Auenpark samt See und Seebühne. Das „wertet nahe gelegene versiegelte Wohnquartiere auf, schafft Angebote für alle Nutzergruppen und Generationen, verknüpft vorhandene Sport- und Kulturstätten und verbessert den Klima- und Hochwasserschutz“, heißt es im Pressetext. Eine LGS als eierlegende Woll-Milch-Sau quasi.
Bis durch eine Gartenschau aufgewertete oder neu geschaffene Wohnquartiere und Parks angenommen werden, dauert es allerdings. Von den von Michaelis Matziounis beschriebenen „Reichen und Studenten“ ist zum Beispiel nicht viel zu sehen an diesem heißen Sommertag auf der Erba-Insel. Es sind aber Semesterferien. Und es sind noch nicht alle Wohnbauten fertig. Michaelis Matziounis unkt dennoch: „500 Euro für eine kleine Studentenwohnung – das ist ja fast so teuer wie in München. Aber Bamberg ist halt nicht München.“
So skeptisch der Wirt ist, die Bewohner der Häuser sind begeistert. Wie Harry Luck. Der Autor und Journalist lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern seit Juli 2013 auf der Erba-Insel. Er berichtet: „Die Landschaft ist traumhaft zwischen Wasser und Park. Mitten im Grünen, für Kinder mit dem riesigen Wasserspielplatz ideal. Und trotzdem noch stadtnah, dass man alles mit Rad oder zu Fuß gut erreichen kann.“
Das scheint sich herumgesprochen zu haben: Seit Monaten ist zumindest über Immobilien-Portale im Internet auf der Erba-Insel rund um das ehemalige Landesgartenschaugelände keine Wohnung mehr zu finden.
(Anja-Maria Meister)

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