Kommunales

25.06.2010

Das richtige Gespür

In kaum einer Region gibt es so viele Wünschelrutengänger wie im Allgäu – einer von ihnen ist der 79-jährige Fritz Eiba

Noch ist alles normal hier am Ortsrand von Buchenberg, mitten im Wald dieser Gemeinde im Oberallgäu. Mountainbiker manövrieren ihr Gefährt gekonnt über Wurzelwerk und andere Unebenheiten. Jogger drehen mit lächelndem Gesicht ihre Runden. Selbst Tobias Brack, einer der führenden bayerischen Langstreckenläufer, kreuzt an diesem Spätnachmittag beim Training die Wege der Spaziergänger. Leben auf dem bayerischen Land. Das bedeutet nicht zuletzt, dass es die Menschen nach getaner Arbeit im Büro hinaus zieht in die Natur, die Berge, in die Wälder. Plötzlich taucht ein älterer Mann auf mit Pepita-Hut auf dem Kopf und einem Rucksack auf dem Rücken. In der Hand hält er einen orangefarbenen Meterstab, den er so geformt hat, dass dieser ähnlich aussieht wie ein mächtiger Berg. Sogar eine Bohrfirma setzt auf Eibas Fähigkeiten Aufrecht trägt er ihn vor sich her und schreitet langsam und konzentriert voran, so als ob er beweisen möchte, wie gut er im Balancieren ist. Nach wenigen Metern senkt sich der Meterstab, vibriert in seinen Händen, und schließlich beendet der Mann mit dem Pepita-Hut diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Handlung mit einem zufriedenen Nicken und den Worten: „Genau hier ist der Schwerpunkt der Wasserader.“ Nanu? Ist auch das was er gerade macht eine Art Freizeitsport, womöglich der allerneueste Renner? Mit Fritz Eiba aus Hopferbach stellt sich der Mann vor, gestatten: Wünschelrutengänger. Das hier in Buchenberg sei quasi seine Hausstrecke, erklärt er, auf der er mehrmals im Monat unterwegs ist. Dass der Meterstab in seinen Händen plötzlich ein recht forsches Eigenleben zu entwickeln schien, liegt für Eiba nicht nur auf der Hand, sondern in diesem Fall ein paar Meter unter der Erde: Der 79-Jährige sagt, er sei mit seinem Meterstab auf eine Wasserader gestoßen. Was kein Wunder ist. Denn hier im Wald zwischen Buchenberg und dem Ortsteil Eschach wandelt man mitten auf dem Wasserschmeckerweg. Vor neun Jahren hat Fritz Eiba in Zusammenarbeit mit der Gemeinde diesen Lehrpfad angelegt und mit Infotafeln bestückt, die dem Wanderer und Touristen erklären: „Hier befinden sich unter der Erde Wasserkreuzungen, Verwerfungen und Gitterkreuze.“ Eiba beteuert, dass er all das mit seiner Wünschelrute erkennen könne. Oder mit einem Pendel. Alternativ funktioniere das Aufspüren auch mit einem Winkel aus Kuperdraht, versichert der Rentner. Eiba ist nicht der einzige, der von sich sagt, er könne Wasseradern oder Stromleitungen spüren. Allein im Freistaat gibt es Dutzende, wenn nicht Hunderte, selbst ernannte Wünschelrutengänger. Und auch die Nachfrage nach ihren Diensten ist groß: So lässt sich etwa mancher Bayer beim Hausbau ausführlich von Eibas Zunft beraten. Auch manche Firmen greifen auf die Dienste von Menschen wie Eiba zurück. Weil der Rentner ein Mensch ist, der sich gerne mit anderen unterhält, erzählt er irgendwann jene Geschichte, wie das alles begann mit seiner Liebe zur Kunst des Wünschelrutengehens. 35 Jahre ist es her, als er merkte, eine besondere Gabe zu besitzen. Im Betrieb, in dem Eiba arbeitete, vermutete man eine Starkstromleitung unter dem Fußboden einer Halle. Wo genau die sich befand, konnte aber wegen fehlender Baupläne nicht bestimmt werden. „Ein Kollege formte zwei Kupferdrähte zu einem Winkel“, erinnert sich Eiba, „und marschierte los. Plötzlich bewegten sich die Winkel aufeinander zu.“ Eiba versuchte daraufhin sein Glück, und auch bei ihm kam an der gleichen Stelle Bewegung in die Winkel aus Kupfer. Später stellte sich heraus, dass genau dort die Starkstromleitung verlief. Volltreffer. Einfach nur Glück, Hokuspokus oder Taschenspielertrick? Gerade in der Welt des Allgäus ist seit jeher viel Platz für Geheimnisvolles und Magisches. Hier bieten Gesundbeter ihre Dienste an, Wunderheiler, Kräuterhexen – oder Wünschelrutengänger. Wobei Fritz Eiba betont: „Die Suche nach einer Wasserader hat nichts mit Esoterik oder ähnlichem zu tun, sondern lediglich mit dem Spüren von Strahlung. Außerdem will ich niemanden bekehren.“ Das sagt er auch zu Beginn seiner Führungen auf dem Buchenberger Wasserschmeckerweg den Teilnehmern, nach dem Motto: „Wer Lust hat, die Wünschelrute selbst auszuprobieren, kann dies tun. Der eine spürt etwas, der andere nicht.“ Beim Autor dieser Geschichte tut sich an diesem Spätnachmittag nichts. Selbst im Zentrum der Kraft, an jener Stelle, wo sich laut Eiba zwei Wasseradern einige Meter unter dem Erdboden kreuzen, bleibt die Wünschelrute bewegungslos in der Ausgangsposition. Zu wenig Sensibilität? Zu geringe Vorstellungskraft? Keine Fantasie? Fritz Eiba lächelt: „Die einen haben eben ein Gespür dafür, die anderen nicht.“ Mit dem Feingefühl eines Menschen, bitteschön, habe das aber keinesfalls etwas zu tun. Was uns, ehrlich gesagt, durchaus beruhigt. Immer wieder bleiben Leute stehen und wollen wissen, was genau Fritz Eiba hier tut. Diese Erfahrung macht er oft: Die Neugier rund um die Kraft der Wünschelrute ist groß. Zu Hause bei Eiba in Hopferbach rufen regelmäßig Leute an, die den 79-jährigen Allgäuer um Hilfe bitten. „Bei denen soll ich in der Wohnung oder im Garten nach einer Wasserader suchen.“ Und auch die örtliche Wirtschaft vertraut auf seine Künste. Eine Bohrfirma schickt Eiba immer wieder los, ehe sie schweres Gerät ankarrt und mit den Bohrungen nach Wasser beginnt. „Meine Trefferquote ist bislang fast hundert Prozent“, sagt Fritz Eiba und lächelt wieder.

(Freddy Schissler)

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