Kommunales

Die exakten Routen für die dritte Startbahn will die Deutsche Flugsicherung Anfang nächsten Jahres vorlegen. (Foto: DAPD)

15.06.2012

Den Krach bitte zu den anderen

Mitglieder der Kommission zum Schutz gegen Fluglärm und Luftverschmutzung der Münchner Umlandkommunen streiten auch gern untereinander

Im Mai feierte der Flughafen Franz Josef Strauß seinen 20. Geburtstag. Sogar noch länger gibt es die Kommission zum Schutz gegen Fluglärm und Luftverschmutzung, der die Landkreise Freising, Erding, München, Dachau, Ebersberg und Pfaffenhofen sowie 20 Gemeinden aus dem Umland des Airports angehören. Die Bilanz der Arbeit des Gremiums fällt zwiespältig aus. „Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir einiges erreicht“, sagt der langjährige Vorsitzende Manfred Pointner. „Aber die Möglichkeiten sind begrenzt.“
Die Kommission wurde Anfang der 1970er Jahre eingesetzt, nachdem die Entscheidung für einen Flughafen im Erdinger Moos gefallen war. Fast 20 Jahre lang hatte sie allerdings nichts zu tun, weil ein Prozessmarathon mit 5724 Klagen und ein zwischenzeitlicher Baustopp die Realisierung des Großprojekts verzögerten. In Aktion trat sie erst, als die An- und Abflugrouten für den neuen Airport festgelegt werden mussten. Da drängten zahlreiche Kommunen in das Gremium, dessen Mitglieder vom bayerischen Wirtschaftsministerium berufen werden.


Alle drängen ins Gremium


Eigentlich sollten Fluglärmkommissionen nur 15 Mitglieder haben, in München sind es doppelt so viele. „Es gab Anträge en masse, weil viele erst spät gemerkt haben, dass sie betroffen sind“, erinnert sich Herbert Knur. Der inzwischen parteilose Bürgermeister von Berglern ist seit 2008 Vorsitzender der Kommission. Seine 2700-Seelen-Gemeinde wäre vom Bau einer dritten Startbahn stark betroffen, deshalb trat er aus Protest gegen die Ausbau-Pläne mit seinem gesamten Ortsverband aus der CSU aus.
Angenehm sei das Arbeitsklima in den Anfangsjahren der Kommission nicht gewesen, verrät Knur. „Man musste ständig mit den Kollegen streiten.“ Natürlich wollte niemand die Flugzeuge über seinem Ort haben. Rund ein Jahr dauerten die Debatten, auch Manfred Pointner, heute Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, hat „harte Kämpfe“ in Erinnerung, unter anderem zwischen seiner Gemeinde Hallbergmoos und dem Nachbarn aus Neufahrn.
Seither gab es immer wieder Vorstöße einzelner Kommunen, Flugrouten oder Drehpunkte zu verändern – meist ohne Erfolg. „Es ist kaum möglich, den einen zu entlasten, ohne den anderen zu belasten“, erklärt Herbert Knur. Er erwartet weitere Auseinandersetzungen, wenn die Deutsche Flugsicherung (DFS) Anfang 2013 die Routen für die geplante dritte Startbahn vorlegt. Und er rechnet auch damit, dass einige Städte und Gemeinden unangenehme Überraschungen erleben werden – ähnlich wie zuletzt in Berlin oder Frankfurt.
An den Beratungen wirken nicht nur die betroffenen Kommunen mit, auch der Flughafenbetreiber FMG, die Lufthansa, die Industrie- und Handelskammer und die Bundesvereinigung gegen Fluglärm haben Sitz und Stimme in der Kommission, die zweimal jährlich tagt. Das Luftverkehrsgesetz schreibt Lärmschutzkommissionen an allen Airports mit Linienverkehr vor – in Bayern gibt es sie neben München in Nürnberg, Augsburg und in Freilassing, letztere beschäftigt sich mit dem nahe gelegenen Flughafen Salzburg.
Echte Entscheidungskompetenzen gesteht das Gesetz den Gremien nicht zu, sie können die DFS und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung lediglich beraten, aber auch eigene Vorschläge machen. In München wurden auf Initiative der Kommission schon Waypoints versetzt oder Lärmmessstationen verlegt. „Unsere Vorschläge wurden nur dann umgesetzt, wenn keine harten wirtschaftlichen Interessen entgegenstanden“, erinnert sich Manfred Pointner, der in seiner Zeit als Freisinger Landrat den Vorsitz innehatte.
Sein Nachfolger Herbert Knur hat aber im Laufe der Jahre einen gewissen Sinneswandel beobachtet, zumindest bei der Deutschen Flugsicherung. „Die hat ihr Verhalten verändert und bemüht sich, die Interessen der Anwohner stärker einzubeziehen“, findet er. Für ihn ist das auch ein Ergebnis der Arbeit der Fluglärmkommission: „Die ist auf dem Papier ein zahnloser Tiger“, sagt Knur, „aber sie hat Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen.“ (Andreas Raith)

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