Kommunales

06.05.2011

Der Alpen-Tourismus nach dem Klimawandel

Wissenschaftler erarbeiten Zukunftsstrategien für die klassischen Wintersportorte

Kaum eine Region Europas ändert sich durch den Klimawandel so stark wie der Alpenraum. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Fremdenverkehr. Die Ferienorte und Tourismusverbände müssen reagieren. Forscher aus ganz Europa erkunden deshalb Lösungsstrategien.

Die Zeichen sind unübersehbar: Die Winter werden kürzer und schneeärmer, gleichzeitig kommt es häufiger zu Lawinenabgängen, im Sommer drohen Erdrutsche. Flora und Fauna verändern sich. Auf einer Tagung in München kamen jetzt Tourismusforscher aus dem deutschsprachigen Alpenraum zusammen und stellten ihre Ergebnisse aus dem EU-Projekt ClimAlpTour vor. Neue Fakten zu Nachfrage und Markt wurden dabei präsentiert. ClimAlpTour zielt auf Strategien ab, wie Tourismusregionen sich dem Klimawandel stellen können.
Insgesamt arbeiten im Projekt 17 Partner, davon elf Forschungsinstitute mit 22 Modellregionen aus dem gesamten Alpenraum zusammen: von hochalpinen Lagen wie Monte Rosa bis zu Talorten wie Kranjska Gora, von klassischen Wintersportorten wie Val d’Isère bis zu Ganzjahreszielen wie dem Hochpustertal. Das Team der Hochschule München erstellte dazu im Jahr 2010 Leistungsträger und Besucher zu Investitionsklima, Preiselastizität oder Arbeitsmarktstruktur.
Dabei unterschieden sich die Ergebnisse zwischen Sommer- und Winterdestinationen ebenso deutlich wie zwischen Tourismuspartnern und Besuchern. So gaben sich die Gäste zum Beispiel weniger preissensibel, als die Leistungsträger befürchteten. Immerhin gaben 47 Prozent der Besucher in Sommerorten an, dass sie trotz einer Verteuerung der Kosten aufgrund von Klimaschutzmaßnahmen dem Urlaubsort treu bleiben würden, die Gastgeber erwarteten das nur zu 10 Prozent.
Rund 50 Fachleute waren der Einladung der Fakultät für Tourismus an die Hochschule München gefolgt, darunter Wissenschaftler ebenso wie Vertreter aller wichtigen Teilbranchen des alpinen Tourismus: Bergbahnbetreiber, Destinationentwickler, Hoteliers, Veranstalter, Regionalpolitiker, Naturschützer und Verbraucher.
Die Forscher stellten Ergebnisse aus Workshops mit Praktikern vor. Die Erfahrungen aus verschiedensten alpinen Tourismusregionen, die sich in Höhe, Lage, bestehender Infrastruktur, ökonomischem Wohlstand, aber auch durch mehr oder weniger gute Zusammenarbeit vor Ort unterscheiden, wurden diskutiert. Eines der Ergebnisse lautete: Anbieter sollten versuchen, die Klimawirkung innerhalb dieser Angebote zu optimieren, anstatt Klimaschutz als Hauptaspekt zu vermarkten.
Stiefmütterliches Marketing
In Bayern kooperierten in diesem Zusammenhang das Alpenforschungsinstitut (AFI) mit der Gemeinde Grainau (Landkreis Berchtesgaden). Gemeinsam entwickelte man unter anderem einen alpinen Naturerlebnispark unterhalb der Zugspitze. Hier sollen Besucher ab Ende 2011 sinnlich erfahren, wie sich das Klima im Lauf der Zeit gewandelt hat.
Grainaus Bürgermeister Andreas Hildebrandt (CSU) sieht Bestrebungen, klimatische Auswirkungen auf den Tourismus in den Alpen zu kompensieren, trotzdem mit einer gewissen Skepsis. „Es gibt immer noch einige merkwürdige politische Rahmenbedingungen, vor allem in ökologischer Hinsicht. Dazu gehört unter anderem, dass inzwischen eine einwöchige Pauschalreise mit dem Flugzeug in die Türkei preiswerter ist als die Anreise mit dem Auto von Hamburg nach Grainau.“
Daran dürfte sich auf absehbare Zeit nicht viel ändern, wie eine Befragung der FH München unter deutschen Urlaubern ergab: „Ändern potenzielle Alpen-Gäste ihre Reiseentscheidungen aufgrund des Klimawandels?“, lautet die exakte Fragestellung.
Die Vorstudie ergab: Derzeit blenden Urlauber die Folgen des Klimawandels und nötige Anpassung weitgehend aus, setzen kaum auf Verzicht und selten auf nachhaltigen Tourismus, sondern eher auf „wie bisher“ oder sogar auf „erleben, solange es noch geht“. Für die Zukunft erwarten die Münchner Tourismusforscher eine stärkere, allerdings wohl eher kostengetriebene Anpassung, zum Beispiel durch die Wahl anderer, näherer Reiseziele, weniger Flugreisen und weniger energieintensive Reisen. Im Herbst werden die ersten Ergebnisse der repräsentativen Befragung vorliegen.
Einheimische Öko-Ignoranten allein sind aber für den noch ausbleibenden Bewusstseinswandel nicht verantwortlich zu machen. Denn der Tourismus als Wirtschaftsfaktor steht nach Ansicht des Kommunalpolitikers Hildebrandt bei der Staatsregierung nicht in dem hohen Ansehen, wie er es beispielsweise in Österreich tut. Hildebrandt rechnet vor: „Allein das Bundesland Tirol – es hat etwa 700.000 Einwohner – gibt jährlich staatlicherseits genau so viel für das Tourismusmarketing aus wie der gesamte Freistaat.“
„Alpine Destinationen laden wir ein, die Erfahrungen aus den Pilotregionen zu nutzen, mit ihrer eigenen Situation zu vergleichen, individuelle Strategien festzulegen und in der Region zu verankern“, erklärte Projektleiter und Gastgeber des Symposiums Professor Dr. Felix Kolbeck. Vertretern aus Politik, von Verbänden und aus der Verwaltung bat er, angesichts der Heterogenität des Alpenraums eine Vielzahl verschiedener Anpassungswege zuzulassen und zu fördern. Der Fokus sollte dabei eher auf Anpassung, als auf Vermeidung liegen. Die Tourismuspartner rief Kolbeck zur Zusammenarbeit auf und betonte: „Der Gast will keinen „Klimaurlaub“ machen, also die Klimaverträglichkeit als Leitmotiv seines Urlaubs haben, sondern in für ihn attraktiven Themen angesprochen werden, wie etwa Ernährung, Sport, Wellness. Daher sollten die Anbieter versuchen, die Klimawirkung innerhalb dieser Angebote zu optimieren anstatt Klimaschutz als Hauptaspekt zu vermarkten.“ (André Paul)

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