Kommunales

Mit einem durchschnittlichen Bestand von 2,4 Medien pro Einwohner nimmt die Bibliothek von Landshut einen Spitzenplatz im Freistaat ein. (Foto: Muggenthaler)

17.09.2010

Der digitale Nutzer will verwöhnt werden

Landshut landete bei einem bundesweiten Ranking des Deutschen Bibliotheksverbandes bayernweit auf dem ersten Platz

Seit 1999 unterwerfen sich bundesweit kommunale Bibliotheken einer Überprüfung durch den Deutschen Bibliotheksverband, welcher Service- und Leistungsstand der städtischen Lese- und Forschungseinrichtungen misst und vergleicht. Auf dem ersten Platz im Freistaat liegt die Niederbayern-Metropole Landshut.
Für die Leiter und die Mitarbeiter derartiger Einrichtungen ist dieses heuer zum elften Mal unternommene sogenannten Bibliotheksranking BIX weniger ein Wettbewerb untereinander denn ein guter Maßstab für den eigenen Leistungsstand. „Deshalb stellen wir uns gern auf den Prüfstand“, sagt Ludwig Bichlmaier, Leiter der Landshuter Stadtbibliothek, dessen Einrichtung von Anfang an teilgenommen hat und die in diesem Jahr erstmals bei den Städten von 50 000 bis 100 000 Einwohnern bayernweit den Spitzenrang und bundesweit Platz 12 einnimmt.
Das freut Bichlmaier, weil durch so eine statistisch unterfütterte Aussage Rückenwind für sein Tun und das seiner Mitarbeiter in der Kommunalpolitik entsteht. Denn in Städten laufen Stadtbibliotheken oft unter ferner liefen, finden sich meist erst dann auf der Tagesordnung der einschlägigen Kulturausschüsse, wenn die großen Brocken durchdiskutiert sind.
Dabei ist das Lesen ein hohes Kulturgut und „ein unverzichtbares Fundament in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft“, wie der damalige Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar konstatierte. „Diese Leseförderung gehört zu den zentralen Aufgabe einer Stadtbibliothek“, sagt Bichlmaier. Es reiche schon lange nicht mehr, Bücher in einen Raum zu stellen und zu sagen: Jetzt lest mal schön. Eine Bibliothek versteht sich immer auch als Bildungseinrichtung.
In Landshut gibt es deshalb ein gut ausgebautes Schulbibliothekssystem, die Bücherei betreut elf Zweigstellen in den örtlichen Schulen. Außerdem bemüht sie sich besonders um Kinder und Jugendliche, das reicht vom Einsatz ehrenamtlicher Vorlesepaten bis zu festen Ausleihterminen für ganze Schulklassen in besagten Zweigbibliotheken. „Für eine Bibliothek ist grundsätzlich wichtig“, meint Bichlmaier, „durch Marketing und eine offensive Außendarstellung Leser zu gewinnen und zu halten.“
Im vergangenen Jahr gab es 246 Veranstaltungen, von Märchenstunden bis zu sonntäglichen Lyrik-Nachmittagen. Mit 200 000 Besuchern und 668 000 Ausleihen pro Jahr ist die Stadtbibliothek mit ihrer Dependance in der Wolfgangsiedlung die meist genutzte Einrichtung der Stadt Landshut. Nutzer wie Reinhard Seidl, der gleich mit zwei Stofftaschen, prallgefüllt mit Büchern, vorbeikommt, um sie abzugeben und neue zu holen, schwärmt. Er sei „sehr zufrieden“ mit der Stadtbücherei, die Gebühren seien „anständig“, da gebe es „nichts zu bekritteln“.
Neben der Versorgung mit Lesestoff nennt der Bibliotheksleiter als weitere wesentliche Aufgabe die Betreuung primär jugendlicher Nutzer in der „immer unübersichtlicher werdenden Welt der Recherche im Netz“. Wer heute beispielsweise für eine Seminararbeit etwa den Begriff „Goethe“ googelt, ist schnell verloren. Ziel einer Bibliothek müsse es also sein, durch persönliche Beratung oder virtuell über den Bibliothekskatalog einen wirkungsvollen Filter zu haben, durch dessen Raster möglichst sämtliche irrelevanten Links und Buchhinweise fallen.
Bichlmaier hofft, dass die Bevölkerung nicht nur weiß, dass es in ihrer örtlichen Bibliothek Bücher gibt, sondern dass man dort auch die richtigen Informationen zur virtuellen Recherche bekommt. Da will man auch noch mehr Nutzer erreichen wie Silvia Onyejechukwa, die zwar „schon zufrieden“ ist mit ihrer örtlichen Stadtbücherei, aber glaubt, mehr Auswahl an der Münchner Staatsbibliothek zu haben. Stattdessen liegen schon heute die Landshuter bei der Internetrecherche weit vorn, die BIX-Bewertung bescheinigt ihnen eine überdurchschnittlich gute Versorgung mit Literatur und Information, aber „da wollen wir noch viel weiter“, sagt Bichlmaier. der sich in diesem Bestreben nach sinnvollen kommunalen Datenhäfen in Bayern mehr Unterstützung auch durch den Freistaat wünscht.
Grundsätzlich werden für eine Bibliothek wie die Landshuter virtuelle Angebote immer wichtiger. Man muss ja nicht einmal mehr in das Haus im Salzstadel in der Landshuter Innenstadt kommen, um Kunde zu sein. Für die virtuelle Ausleihe steht heute schon eine digitale Bibliothek von Hörspielen bis zu Zeitschriften und Büchern zur Verfügung. Um von Anfang an zu einem größeren Bestand zu kommen, haben sich die Landshuter, unterstützt durch Mittel des Kulturfonds Bayern, mit den Bibliotheken Weiden, Straubing und Deggendorf im Oktober 2008 zu einem digitalen Verbund Niederbayern/Oberpfalz zusammengeschlossen. Sie bieten individuelle Nutzerseiten, haben aber einen gemeinsamen Datenpool.
Bei aller Hoffnung auf die Zukunft und allen jetzt festgestellten Stärken der Landshuter Bibliothek – wie etwa dem sehr guten Medienbestand mit 2,4 Medien pro Einwohner – gibt es doch auch Schwächen. Denn bei den Entwicklungsausgaben und der Erneuerungsquote der Medien schaut es eher schlecht aus, da rangieren die Landshuter weit hinten. Stadtdirektor Andreas Bohmeyer sagt, derzeit betrage der Medienetat trotz schwieriger Haushaltslage 80 000 Euro im Jahr: „Es ist nicht so, dass diese Summe nicht ausreicht.“ Bohmeyer rechnet den insgesamt 1,75 Millionen Euro Kosten pro Jahr für die Stadtbücherei Einnahmen von rund 100 000 Euro an Gebühren gegen.
Derzeit gibt es auch ein wachsendes Raumproblem, gerade für den großen Bereich der virtuellen Nutzung – seit Jahren liegt gleichzeitig neben der Stadtbibliothek ein ungenutztes Grundstück brach. Laut Bohmeyer steht die Stadt bei diesem Problem allerdings vor einer möglichen Lösung: Denkbar sei, dass sie sich für ihre Bücherei auf 120 Quadratmeter im umzubauenden Nebengebäude einmiete, im Oktober wird das im örtlichen Kultursenat diskutiert: „Das wäre ein großer Fortschritt.“ Der Erfolg einer Bibliothek in einem derartigen Ranking lässt sich schließlich nur nutzen, wenn die weitere Entwicklung nicht abgewürgt wird. Denn die Nutzer einer Bibliothek werden anspruchsvoller. Da spielt die Entwicklung und pausenlose Modernisierung des Buchbestands eine entscheidende Rolle. Wer also etwa heute Der Chinese von Henning Mankell lesen will, wird sich kaum mit dessen älterem Titel Die falsche Fährte abspeisen lassen. (Christian Muggenthaler)

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