Kommunales

Politische Extremisten schrecken bei Auseinandersetzungen mit Polizisten auch vor Gewalt nicht zurück. (Foto: DAPD)

23.11.2012

"Der Druck auf uns lässt sich nur erahnen"

Polizeipräsident Robert Heimberger über gewalttätige Bürger, das geänderte Image der Polizei in der Öffentlichkeit und Chancen zur Deeskalation

BSZ Herr Heimberger, was geht in einem Polizisten vor, wenn er zu einem Einsatz gerufen wird, bei dem schon vorher klar ist, dass dort äußerst aggressive Personen anzutreffen sind, eventuell sogar bewaffnet?
Heimberger Natürlich spielt gerade bei polizeilichen Extremsituationen die eigene Handlungssicherheit eine wichtige Rolle. Wie bei jedem Menschen steigen Anspannung und Konzentration mit zunehmender Gefahr. Um den unvermeidlichen Stress zu reduzieren, sind vor allem Teamwork und eine gute Vorbereitung das A und O. Hierzu gehören Einsatztrainings, praxisnahe Übungen sowie psychologisches Know-how. Im Ernstfall unterstützt die Einsatzzentrale das Zusammenwirken der Kolleginnen und Kollegen vor Ort wirkungsvoll durch professionelle Einsatzsteuerung und der raschen Übermittlung von wichtigen Hintergrundinformationen.

BSZ In der Praxis werden trotzdem immer wieder Beamte verletzt.
Heimberger Ja, denn bleibt bei jedem Einsatz mit gefährlichen Personen ein gewisses Überraschungsmoment und Unbehagen. Als Polizisten können wir gefährlichen Menschen aber nicht einfach aus dem Weg gehen. Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft vor Gefahren durch Gewalttäter, enthemmte Personen oder aggressive Kranke zu schützen. In diesem Bewusstsein treffen wir unsere Maßnahmen. Gleichzeitig wollen wir wieder gesund nach Hause kommen.

BSZ Wie „locker“ sitzt denn der Revolver des Polizisten? Sind „alle“ Polizeibeamte schießwütige Menschen, so wie es in den Boulevardmedien oft dargestellt wird und wie es daraus resultierend in vielen Köpfen der Bürger verankert ist?
Heimberger Oberstes Ziel des polizeilichen Einschreitens ist eine professionelle Kontrolle der Einsatzsituation mit gewaltfreier Konflikthandhabung. Kein Polizist greift leichtfertig zur Pistole. Der Gebrauch der Dienstwaffe ist das letzte Mittel. In unserem Rechtsstaat gelten höchste rechtliche Anforderungen an den Schusswaffengebrauch. Zur Abwehr konkreter und unmittelbarer Gefahren für Leben und Gesundheit beschreibt das Bayerische Polizeiaufgabengesetz spezielle Einsatzbefugnisse für die Polizei. Aber es ist den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auch bewusst, dass sie oftmals die letzte und einzige Instanz sind, die Allgemeinheit vor hochgefährlichen Personen zu schützen. Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung die Polizei als schießwütig wahrnimmt. Dafür gibt es objektiv auch keinen Grund.

BSZ Womit beschäftigt sich ein Polizist, wenn er bei einem Einsatz schießen musste und es dadurch Tote oder Verletzte gab?
Heimberger Jeder verarbeitet eine solche Ausnahmesituation anders. Es kommt sehr auf die eigene Person sowie den konkreten Fall an. Das Spannungsfeld, in dem unsere Polizeibeamtinnen und -beamten – meist in Sekundenbruchteilen – vor einer Schussabgabe entscheiden müssen, ist enorm: Fragen nach den gesundheitlichen Folgen für das Gegenüber, rechtliche Voraussetzungen, das Ausmaß der Gefahr, Angst, ethisch-moralische Überlegungen und nicht zuletzt Gedanken über die Wirkung auf Medien, Öffentlichkeit, aber auch die eigene Familie. Der immense Druck lässt sich nur erahnen. Niemand von uns richtet die Waffe „gerne“ gegen Mitmenschen. Und genau so wenig steckt man ein solches Erlebnis locker weg.

BSZ Welche psychologische Betreuung gibt es für die betroffenen Polizisten?
Heimberger Wichtig ist, dass man nach einem Schusswaffeneinsatz nicht allein gelassen wird. Als Behörde nehmen wir uns sofort mit einem professionellen, engmaschigen Betreuungskonzept der oder dem Betreffenden an und gewähren die gewünschte Unterstützung. Die zielgerichtete und mitarbeiterorientierte Betreuung trägt nicht nur zur persönlichen Verarbeitung bei, sondern erleichtert auch die notwendige Aufklärung durch die Staatsanwaltschaft und die wichtige Information der Öffentlichkeit. Über die „Akutbetreuung“ hinaus gibt es im Bereich der Bayerischen Polizei verschiedene Unterstützungsangebote: zum Beispiel durch den Zentralen Psychologischen Dienst, die Polizeiseelsorge, den Polizeilichen Sozialen Dienst und besonders geschulte Vorgesetzte.

BSZ Angeblich werden die Menschen immer aggressiver. Dadurch werden auch Einsätze für die Polizei gefährlicher. Ist das so?
Heimberger So pauschal lässt sich das nicht sagen, aber zweifelsfrei ist Gewalt gegen Polizeibeamte ein akutes Problem. Aus diesem Grund werden solche Fälle seit 2010 gezielt ausgewertet. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Letztes Jahr wurden in Bayern fast 7000 Straftaten gegen unsere Beamtinnen und Beamten begangen – von der einfachen Beleidigung über tätlichen Widerstand bis hin zum Mord an einem Augsburger Polizisten. Die Gesamtzahl ist zu hoch und jede Tat eine zu viel.

BSZ Was könnte eine Ursache sein?
Heimberger Besondere Sorge bereiten dabei die festgestellten strukturellen Probleme: zum Beispiel exzessiver Alkoholkonsum, verändertes Ausgehverhalten, Gewalt durch Gruppen, schleichender Respektverlust und höhere Grundaggressivität – bis hin zu Angriffen ohne Anlass. Ich will nicht dramatisieren, aber unserem dicken Fell geht es an die Substanz. Unsere Einsatzkräfte brauchen häufiger als früher einen Schutzengel. Wir wünschen uns hier einen stärkeren Rückhalt in der Gesellschaft und fordern, diejenigen besser zu schützen, die für die Sicherheit aller sorgen sollen.

BSZ Welche Rolle spielen denn die Medien? Sorgt die immer stärker boulevardisierende Berichterstattung – zum Beispiel über vermeintliche Fehlleistungen der Polizei – in manchen Blättern für ein allgemein aggressiveres Umgehen miteinander – zwischen Polizeibeamten und Bürgern?
Heimberger Ein wichtiger Auftrag der Medien ist der unabhängige Blick auf gesellschaftliche Vorgänge. Natürlich muss sich auch die Polizei berechtigter Kritik stellen, wenn es in seltenen Fällen zu Fehlverhalten kommt. Ich gebe aber zu bedenken, dass eine im Einzelfall unsachliche und tendenziöse Berichterstattung erhebliche Risiken birgt. Dadurch kann lang aufgebautes Vertrauen zwischen Polizei und Bevölkerung zerstört, die Akzeptanz polizeilicher Maßnahmen gemindert und eskalierende Aggression gefördert werden. Es kann nicht im Interesse achtbarer Medien liegen, korrekt handelnde Polizisten zu verunsichern und Straftäter zu ermutigen. Seriöser Journalismus umfasst neben der Selbstverpflichtung zu publizistischer Sorgfalt auch die Mitverantwortung für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in unserer Heimat.
Interview: Ralph Schweinfurth

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