Kommunales

Der neue Fahrkartenautomat. (Foto: Alt)

17.12.2010

Der Fahrkartenautomat ruft auch die Polizei

Augsburger Stadtwerke entwickeln neue Geräte, um die Sicherheit an den Haltestestellen zu erhöhen

Eine Straßenbahnfahrt bei Nacht birgt vor allem für Frauen und Ältere Risiken: Taschendiebe sind unterwegs, oft auch Gewaltverbrecher. Doch im Ernstfall ist dann das Handy nicht zu finden oder man weiß die richtige Nummer nicht. Augsburgs Stadtwerke reagieren jetzt darauf: mit einer Notrufvorrichtung in den neuen Fahrkartenautomaten.
Auch im Augsburger Stadtrat hatte es damals einige hartnäckige Fragen an die Stadtwerke zur Sicherheit auf den Straßenbahnlinien gegeben, nachdem der Geschäftsmann Dominik Brunner in München-Solln beim Versuch, Kinder vor zwei aggressiven Jugendlichen zu schützen, getötet worden war.
Bis dahin gab es aber nur vier Notrufsäulen an den Endhaltestellen. Da gerade neue Fahrkartenautomaten für die neue Linie 6 angeschafft und die übrigen wegen einer neuen Sicherheitsvorrichtung für Kartenzahlung nachgerüstet werden mussten, kam eine Arbeitsgruppe um Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) und den Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Walter auf eine ungewöhnliche Idee: Warum nicht die Fahrkartenautomaten mit einem Notrufsystem ausrüsten, um die Sicherheit der Fahrgäste zu erhöhen? Die Technik, die Mehrkosten von 280 000 Euro bedeutete, ist nach Aussage der Verantwortlichen bundesweit einmalig.
Denn auch an Augsburger Haltestellen habe es Vorfälle gegeben, sagte Walter der Staatszeitung. Zuletzt war im Oktober dieses Jahres ein junger Mann im Stadtteil Lechhausen in der Tram von zwei Unbekannten verprügelt worden, deren Streit er zuvor hatte schlichten wollen. „Dazu kam die Aufforderung der Staatsregierung an die Verkehrsunternehmen, für Abhilfe zu sorgen.“ Die Idee, die nötige technische Erneuerung mit einem eigens für Augsburg entwickelten Notrufteil zu kombinieren, sei so umgesetzt worden, dass jetzt fast 200 Automaten im gesamten Stadtgebiet so ausgerüstet würden.

100 reine Spaßanrufe

 

Seit 12. Dezember sind die ersten 22 Automaten zur Eröffnung der Linie 6 zwischen Hauptbahnhof und Friedberg-West in Betrieb gegangen. Sie sind mit einem Notrufknopf, Mikrofon und Videokamera ausgestattet. Wer den Notruf auslöst, ist wie bei der Telefonnummer 110 direkt mit der Einsatzzentrale der Polizei verbunden. Technischer Hintergrund ist laut Walter die vom Freistaat „massiv geförderte Betriebsleittechnik“, die nun alle Haltestellen mit der Leitstelle von Betrieb und Polizei verbindet.
Robert Maschke, Leiter der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium Schwaben-Nord in Augsburg, vergleicht die Einrichtung mit einem Bildtelefon. Ihm ist es wichtig, dem Anrufer direkt ins Angesicht blicken zu können. Denn nach seiner Erfahrung gibt es viele Bürger, die zwar nach einem Unfall oder Verbrechen bereit sind, Polizei und Rettungskräfte zu alarmieren, aber ihren Namen nicht nennen möchten, weil sie den Ärger vermeiden wollen, eventuell später vor Gericht als Zeuge aussagen zu müssen. „Für uns ist aber der Erste Mitteiler sehr wichtig, damit wir tätig werden können“, betont Maschke.
Der Notruf vom Fahrkartenautomaten wird automatisch gespeichert. Dazu notiert der Beamte einige Daten zum gemeldeten Ereignis. Das Bild vom Gesicht des Anrufers wird drei Monate lang gespeichert. Das steht nach Aussage von Maschke im Einklang mit den Datenschutzbestimmungen. Zudem hat die Polizei ein Übersichtsbild einer Verkehrsüberwachungskamera vom Haltestellenbereich zur Verfügung. Bei dem werden aber keine Einzelheiten wie Autokennzeichen zu erkennen sein und auch nicht gespeichert – wiederum aus Datenschutzgründen. Die Polizei kann damit zugleich erkennen, ob der Notruf womöglich nicht ernst gemeint ist. Denn Maschke hat auch schon mal erlebt, dass ein fröhlicher Stammtisch einmal die 110 wählte – nur um zu sehen, was daraufhin passiert. Bis zu 100 reine Spaßanrufe gäbe es alljährlich allein im nördlichen Schwaben, so der Polizist.


Direkter Draht zum Notarzt


„Daten, die der Identifizierung des Anrufers dienen, werden gespeichert, sonst nichts“, fasst Maschke zusammen. Die Polizei will die Bürger keineswegs entmutigen, auch in unklaren Fällen den Notruf am Fahrkartenautomaten zu nutzen, etwa wenn ein Fahrgast sich von einem Unbekannten verfolgt fühlt. Das wird nicht als Missbrauch gewertet, selbst wenn sich der Unbekannte als völlig harmlos erweisen sollte. „In solchen Fällen schicken wir einen Streifenwagen“, versichert Maschke. Außerdem sollte man den Notruf nach seiner Aussage außer bei Straftaten auch bei Verkehrsunfällen und akuten medizinischen Erkrankungen (etwa einem Herzinfarkt) nutzen. Die Einsatzzentrale der Polizei ist direkt mit der Integrierten Leitstelle der Feuerwehr, der Führungsgruppe Katastrophenschutz der Stadt und der Notarztbereitschaft vernetzt.
Obwohl die neuen Notruf-Fahrkartenautomaten eine Augsburger Erfindung sind, wurden sie von einer Firma in Mönchengladbach produziert. Stadtwerke-Chef Walter nennt das neue Notrufsystem schon zu Beginn überschwänglich „eine echte Innovation und einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung des subjektiven Sicherheitsgefühls der Fahrgäste“. Polizei-Einsatzleiter Maschke dagegen will das System erst bewerten, „wenn es läuft“. Aber auch er kann sich vorstellen, dass es das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöht: „Der Fall Brunner hat Betroffenheit erzeugt, weil es sich um eine Straftat im öffentlichen Raum handelte. Das rief Angst hervor, es könne jeden treffen.“ (Andreas Alt)

 

 

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