Kommunales

Vor allem Familien mit Kindern profitieren vom erweiterten Angebot der Kommunen im Netz. (Foto: Getty)

13.04.2012

Die digitale Mitmach-Kommune

Immer mehr Städte und Gemeinden informieren ihre Bürger online oder animieren sie zur Diskussion im Internet

Wenn sie von Shitstorms und Clouds spricht, geht es bei Karin Engelhardt nicht ums Wetter. Sie ist verantwortlich für das Onlinemarketing der Stadt Coburg und versucht, den Bürgern der Stadt einen Platz im Internet, kurz Cloud, zu geben, in dem sie Ideen und Daten sammeln und austauschen können. Das Internet eröffnet den Kommunen gänzlich neue Möglichkeiten. Hier können sie mit Bürgern diskutieren und die Diskussionsergebnisse für jeden einsichtlich dokumentieren. Städte nutzen den neuen Bürgerdialog inzwischen für die Stadtplanung, für die Meldung von Straßenschäden oder zum Austausch zwischen Politik und Bürgern.
Schlicht die Bürger im Netz entscheiden lassen – so einfach ist es dann aber auch wieder nicht, weiß Online-Managerin Engelhardt: „Nur eine Diskussionsplattform im Netz funktioniert kaum. Denn kaum einer will von sich aus einfach kommentieren und mitentscheiden.“ Deshalb verbinde man in Coburg das Internet als einsehbare Austauschplattform mit Projekten, Diskussionsrunden und Ansprechpartnern in der Stadt.


Mehrere Workshops


So initiierte Engelhardt eine Internetseite, auf der die Bürger das digitale Stadtgedächtnis Coburgs sammeln. „Es geht um Geschichten und die Geschichte von Coburg“, sagt Engelhardt. Zusätzlich zur Internetplattform, auf der jeder seine Geschichte erzählen kann, gibt es Workshops, in denen Bürger, vom Jugendlichen bis zum Rentner, gemeinsam Inhalte für die Plattform erarbeiten. Dies ist nur eine von sieben interaktiven Seiten Coburgs, auf denen die Bürger selbst aktiv werden können.
Aktiver geht die Stadt München auf die Bürger zu. Auf der Plattform mitdenken-muenchen.de will sie gemeinsam mit dem Bürgern über die Stadtentwicklung sprechen. Auch hier setzt die Stadt auf eine moderierte Diskussion in der Stadt mit Workshops und eine gemeinsame Ergebnisfindung im Netz. Seit 2009 entwickeln Experten und Mitarbeiter der Stadt München neue Konzepte für die Stadtplanung. Nun sollen die Bürger nun selbst über die Stadtplanung diskutieren und entscheiden.
Sophia Rieck arbeitet für die Marketingagentur Zebralog, die den Münchner Bürgerdialog in der Stadt und im Internet konzipiert hat, moderiert und begleitet. „Wir wollen Leute informieren und die Entscheidungsprozesse für sie öffnen“, sagt Rieck. München will mit den Bürgern in den Dialog treten, denn die Bürger würden nach Bauprojekten wie Stuttgart 21 mehr Mitbestimmung einfordern.
Damit auf den Internetseiten aber keine Hetze von Interessensgruppen betrieben wird, müsse die Seite laut Rieck von den Betreibern oder einer Agentur betreut und moderiert werden. Geschieht das nicht, können so genannte Shitstorms die Internetseiten verwüsten. Ein Shitstorm ist ein gezielter Angriff von Nutzern mit beschimpfenden Kommentaren, Videos oder Ähnlichem auf eine bestimmte Seite. Auch Karin Engelhardt von der Stadt Coburg rät zur Vorsicht bei der Konzeption von Internetseiten für die Bürgerbeteiligung: „Sie müssen erst einmal Blogs, Diskussionsforen und Facebook verstehen und sich vergleichbare Projekte ansehen, bevor Sie auf den Plattformen aktiv werden,“ sagt Engelhardt.
Die Nachfrage von Bund, Ländern und Kommunen für Internetseiten und Projekte zur Bürgerbeteiligung sei groß, versichert Sophia Rieck von der Agentur Zebra: So betreute ihre Agentur Projekte zum Stadtdialog, zur Lärmschutzplanung, der Haushaltsplanung oder zu Gesetzeskonsultationen. In Nordreinwestfahlen durften Studenten beispielsweise über die Plattform besser-studieren.nrw.de über die Studienbedingungen diskutieren und Verbesserungen vorschlagen. Über 20.000 Studenten beteiligten sich an der Aktion.


Planungsmodelle


Peter Zeile von der Technischen Universität Kaiserslautern geht bei der Bürgerbeteiligung im Netz noch einen Schritt weiter: Er entwickelt computergestützte Planungsmodelle, derzeit auch für die Stadt Saarbrücken. Hier soll die Autobahn in der Stadtmitte in den nächsten Jahren in einen Tunnel verlegt werden. Zeile erstellt dafür eine besondere Anwendung für Mobiltelefone: Wenn der Bürger das Programm in der Stadtmitte öffnet und seine Handykamera in Richtung Autobahn hält, erscheint auf dem Display nicht das aktuelle Stadtbild, sondern eine Simulation des Stadtbilds nach dem Umbau der Innenstadt. „So kann sich der Bürger am einfachsten ein Bild von den Bauvorhaben machen, das neue Stadtbild bewerten und darüber diskutieren“, sagt Zelle.
Auch weitere Programme fürs Mobiltelefon könnten die Bürgerbeteiligung bei der Stadtplanung fördern: „Wir haben Programme, auf denen der Bürger Plätze in Städten direkt nach verschiedenen Kriterien, wie Sauberkeit oder Architektur, bewerten kann“, sagt Zeile. Auch können Bürger freiwillig ihre Bewegungsprofile in einer Stadt, die das Handy über ein GPS aufzeichnet, der Stadt zur Auswertung zur Verfügung stellen. „Wir haben mit den Daten über das soziale Leben und die Bedürfnisse von Bürgern dann eine für eine neue Dimension der Stadtplanung“, sagt Peter Zeile. (Felix Scheidl)

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