Kommunales

Wenn es im Tunnel brennt, müssen sich die Feuerwehrleute auf funktionierende Funkverbindungen verlassen können. (Foto: dpa)

27.02.2015

Die Fallstricke der neuen Technik

Umstellung von Analog- auf Digitalfunk bereitet mehr Schwierigkeiten als erwartet

Bei der Umstellung des Funkbetriebs für „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben BOS“ von Analog- auf Digital-Technik gibt es gerade in Gebäuden viele Probleme. Hat daran anfangs niemand gedacht?

„Digitalfunk hilft helfen – im Einsatz für die Menschen in Bayern“: Getreu dem Motto der im Bayerischen Innenministerium eigens eingerichteten „Projektgruppe DigiNet“ strahlen von deren Internetseite Bürger und Vertreter von Feuerwehr, Polizei, THW und Rettungsdiensten um die Wette. „Noch bessere, schnellere und verlässlichere Hilfeleistung in Notlagen“ verspricht das Ministerium.
Die Vorteile des Digifunks für die Blaulicht-Kräfte lägen auf der Hand: bessere Sprachqualität ohne Störgeräusche; Abhörsicherheit; Notruffunktion mit Or-tungsmöglichkeit für die Einsatzkräfte; Kommunikationsgruppen sorgen für reibungslose Kommunikation in Großschadenslagen; durch GPS-Ortung und Datenübertragung lassen sich Einsätze besser steuern. Kurz: „Moderne, zukunftsorientierte Technik.“ So zumindest sieht die heile Welt auf der Webseite der staatlichen Projektgruppe DigiNet aus.

Digitalfunk muss länderübergreifend funktionieren

Weil das Ganze ja länderüber-greifend funktionieren muss, gibt es sogar eine eigene „Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben“, Kürzel BDBOS. Die plane und koordiniere bundesweit den Netzaufbau für den Digitalfunk, heißt es aus Bayerns Innenministerium.
Doch während es wohl bei der Einführung des BOS-Funks auf der Fläche von Stadt und Land zügig vorangeht, hakt die Umstellung in Gebäuden, Tunneln, beim ÖPNV – den so genannten Objekten – noch gewaltig. So muss man jedenfalls den Maschinenbauingenieur Wolfgang Kunze-Howe verstehen, bei der Berliner Feuerwehr Berater für die Umstellung von Analog- auf Digitalfunk.
Tatsächlich hat die BDBOS Ende 2014 einen 54-seitigen „Leitfaden zur Planung und Realisierung von Objektversorgungen (L-OV)“ veröffentlicht. Doch darin steht nicht die eine Lösung für den Aufbau von Digifunksystemen, sondern eine ganze Reihe von Varianten. Als Kunze-Howe dieser Tage auf dem Feuertrutz-Kongress in Nürnberg über „Digitaler BOS – Konsequenzen für den Gebäudefunk“ sprach, erzeugte er sichtbares Kopfkratzen bei seinen Zuhörern. Nach den vorhandenen technischen Regeln gefragt, brach es aus ihm heraus: Ja, „es gibt den Leitfaden des BDBOS, aber eben nicht den einen Weg. Durch die Vielfalt der Möglichkeiten wird es nicht einfacher. Der Föderalismus (in den 16 Bundesländern, Anmerk. d. Red.) ist ebenfalls ein Riesenbremsklotz. Und unterschätzen sie nicht die Macht der regionalen Feuerwehrfürsten“, benannte der Berliner offen ein weiteres, rein menschliches Problem: In einzelnen Landkreisen stünden Kreisbrandräte der Umstellung sehr kritisch gegenüber, weiß er.
Dass der BOS-Digitalfunk schnell und flächendeckend in alle Objekte einzieht, dagegen spricht auch das deutsche Bau-recht: „Der Bestandsschutz ist ein mächtiges Schwert: Der Analogfunk muss also weiter mit. Denn an den Bestandsschutz will die Politik ja nicht ran. Es ist alles freiwillig“, wenn in Tunneln oder bei der U-Bahn digitalisiert werde.
Zumal bei nicht staatlichen Einrichtungen hierzulande die Gerätekosten bei den Objektbesitzern hängen bleiben: „Ja, bei uns wird umgerüstet. Aber leider bekommen Werksfeuerwehren dafür keine Förderung“, erklärt Alfred Moller von der Werkfeuerwehr ZF Schweinfurt und unterfränkischer Bezirksvorsitzender im Werkfeuerwehrverband Bayern e. V.
In den Tunneln unter Nürnberg zum Beispiel wird seit der Einführung der fahrerlosen U-Bahn digital gefunkt, heißt es vom Betreiber VAG. Doch ob der BOS-Funk ebenfalls schon digital läuft, wisse man nicht: „Aber wir haben den Behörden angeboten, dass sie unsere Anlagen mitbenutzen können. Wir sind im Gespräch“, erklärt eine VAG-Sprecherin auf Nachfrage. Denn während in den Gebäuden „die Passivtechnik weiter nutzbar“ sei, müssten „Hardware und die Antenne auf dem Dach erneuert werden. Die Kosten sind sehr individuell“, drückt sich Wolfgang Kunze-Howe um konkrete Zahlen.
Zumindest finanziell sieht es gut aus für die Umrüstung der Autobahntunnel im Freistaat. Denn die gehören dem Bund, und der stellt das Geld für die neue Digital-Ausrüstung bereit. Doch den Autobahndirektionen mache hie und da die komplizierte Technik Schwierigkeiten, heißt es hinter vorgehaltener Hand.
Kein Wunder also, dass auch die staatliche Projektgruppe DigiNet der Frage ausweicht, welche technische Digitalfunk-Lösung sie für umzurüstende, landeseigene Objekten bevorzuge. Ihr „Rahmenkonzept Objektversorgung beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen digitale Objektfunkanlagen in Bayern geplant, errichtet und betrieben werden können. Darin wird unter anderem empfohlen, Anlagen in der Betriebsart TMO (Trunk Mode Operation: netzunterstütztes Funken, Anmerk. d. Red.) zu betreiben und es werden zum Beispiel Vorgaben gemacht, wie hoch die Mindestfeldstärke in den zu versorgenden Bereichen sein muss“, heißt es von einem Sprecher der Projektgruppe.
Und auf die Frage, wann aus Sicht des Innenministeriums die Umstellung landeseigener Objekte auf Digitalfunk abgeschlossen sein wird, antwortet der Sprecher vielsagend: „Die Umrüstung der staatlichen Objekte startet frühestens mit dem erweiterten Probebetrieb im jeweiligen Netzabschnitt.“ Auch müsse man „die Vorgaben und Planungen der örtlich zuständigen Brandschutz-dienststellen berücksichtigen. Somit kann gegenwärtig kein expliziter Zeitpunkt genannt werden, wann die Umrüstung aller landeseigenen Gebäude in Bayern abgeschlossen sein wird.“
Zur Begründung ergänzt DigiNet: „Da das Digitalfunknetz jederzeit zuverlässig und störungsfrei funktionieren muss, gibt es strenge Auflagen zur Netzsicherheit.“ Dabei setzt man doch extra „mit TETRA auf eine weltweit bewährte Technik. Wir bauen eines der modernsten Digitalfunknetze im Sicherheitsbereich“.
(Heinz Wraneschitz)

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Kommentare (1)

  1. Jupp am 16.03.2015
    Die Götterdämmerung des analogen BOS-Funk hat bereits begonnen. Ein Betriebsende durch regulatorischen Entzug von Frequenzen in den nächsten Jahren durch die Bundesnetzagentur (vgl. Frequenznutzungsplan seit 2009) ist mehr als wahrscheinlich.
    Neben einzelnen Problemen, wie beispielsweise analoger Bestandsschutz für Objektfunkanlagen, stellt die "persönliche" Komponente im Dschungel des Förderalismus das größte Migrationsrisiko dar. Sowohl auf der Ebene des Bundes, der hauptsächlich infrastrukturfinazierenden Länder, aber auch inerhalb von kommunalen Strukturen, allerdings wegen nicht mehr objektiv nachvollziehbaren "Einwänden" oder Zurückhaltungen (außer der Endgeräte- und Einbaufinanzierungsfrage).
    TETRA-BOS stellt eine Bündelfunktechnologie dar, welche über zentral administrierte Systemplattformen operativ verwaltet und konfiguriert wird. Vertreter aus 16 Bundesländern plus Bundesbehörden glauben alle für sich selbst, das Polizei-, Rettungsdienst-, Feuerwehr- und Katastrophenschutzeinsätze bei ihnen anders ablaufen (müssen) als im direkt benachbarten Bundesland. Egomanische Irrungen und Wirrungen werden bei nur öberflächlichem Sachverstand und noch weniger Toleranz gegenüber dem direkten Kollegen hinter -länderspezifisch- kaum noch einsatztaktisch erklärbaren Sonderanforderungen versteckt.
    Zwangsläufig durch nur rudimentäre Endgerätebedienungsschulungen entstehende Handhabungsdefizite werden sofort der Technik angelastet. Anstelle eine verständlichen Unterweisung (TETRA-BOS arbeitet im technischen Hintergrund etwas ander) zu eigenverantwortlichen Handhabungsentscheidungen in kritischen Einsatzszenarien wird immer wieder der Vergleich mit dem kommerziellen Mobilfunk bemüht (mehr als 20.000 Antennenstandorte pro Netzbetreiber mit mehreren Frequenzspektren, anstelle nur 4.500 TBS mit bundesweit insgesamt nur 5 Mhz), welche ganz andere Investitionsvolumen aufgebracht haben.
    TETRA-BOS ist ein Führungshilfsmittel für präventive Einsatzvorbereitungen und flexible Einsatz(durch)führung. Man will es manchmal nicht glauben, wie Feuerwehrfürsten in über 400 bundesweiten Kreisen und noch viel mehr Gemeinden diese Führungsverantwortung "interpretieren". Technik unterstützt ein strukturiertes Vorgehen; leider aber auch individuelle Denkweisen.
    Länderübergreifende Basisabsprachen sind kaum bekannt. Übergegionale Krankentransporte müssen auf das Handy zurück greifen, wenn sie Unfallort melden wollen die in einem anderen Rettungsdienstbezirk liegen. Übergreifende Anrufgruppen sind kaum bekannt, das mussten z.B. die Rettungshubschrauber mehr als einmal feststellen.
    Seit sich der Bund faktisch aus der zivilen Katastrophenschutznormierung (StAN, Führungsstandards) zurück gezogen und die Hochschule der Polizei in Münster gewisse IuK-Vorüberlegungen eingestellt hat, macht jeder BOS-Repräsentant, in Stand und Land, bei der Polizei und bei der Feuerwehr, was er persönlich (technisch, taktisch, organisatorisch) für richtig und angemessen hält. Ober er jeweils dafür Zeit hat und über minimale Zusammenhänge informiert ist, spielt keine Rolle. Planstelle und zugewiesene oder erkämpfte Zuständigkeit müssen reichen. Warum wohl setzt erst die Einbeziehung der Bundeswehr oder Bundespolizei mit ihren Führungsstandards bei längerfristig überregionalen Einsatzszenarien markante Eckpunkte den teilweise der föderalistisch und kommunal kleinkarierte BOS-Haufen selbst nicht hinkriegt.
    Wer schon die analoge Funktechnik nur als Randerscheinung bei der Einsatzunterstützung akzeptierte, wird digital gegen die Wand fahren. Erst recht, wenn in Krisiensituationen nur noch dieses BOS-Kommunikationsmittel bei Ausfall des Mobilfunks und des IP-Telefonnetz (nach 2018) zur Verfügung steht. Die TETRA-BOS-Technik braucht sich jedenfalls nicht hinter den analogen Möglichkeiten zu verstecken. eine 100%-Flächendeckung hat es nie gegeben. Wesentlich ist allerdings eine sachorientierte vorbereitung, die über den reinen BOS-Tagesbetrieb hinausreicht.

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