Kommunales

Marco Seidl, Mitarbeiter der Stadtentwässerung Augsburg, versenkt eine Kamera zur Kontrolle in dem vorher gereinigten Abwasserkanal, um Risse und ähnliches zu erkennen. (Foto: Alt)

21.01.2011

Die Städte haben den Kanal voll

Bayerns Abwassernetz ist höchst sanierungsbedürftig: Neben Überalterung sind daran auch gedankenlose Einwohner schuld

Das Abwassernetz in den bayerischen Städten umfasst über 90 000 Kilometer – und es muss dringend saniert werden. Geschieht nichts, könnten schon bald zahlreiche Kanäle einbrechen. Das Landesamt für Umwelt (LfU) hat jetzt einen Leitfaden erstellt, der Kommunen die notwendigen Hinweise gibt.
Das LfU gibt nach den Worten seines Präsidenten Albert Göttle die Länge der kaputten Kanäle mit gut 12 500 Kilometer an. Insbesondere kleinere Kommunen, die nicht über eine Tiefbauabteilung und Fachingenieure verfügen, brauchen deshalb Hilfe bei deren Sanierung. Der Leitfaden des Landesamtes bietet grundlegende aktuelle Informationen zur Untersuchung der Kanalisation sowie zur Bauplanung, Ausführung und Finanzierung. Werde sie gut angepackt, sei die Sanierung preisgünstig zu bewältigen, sagte Göttle.
Obwohl in manchen Gemeinden ein Kanalkataster fehlt und der genaue Zustand der Abwasserleitungen unbekannt ist, ist laut Göttle bisher kein Fall bekannt, in dem Kanalschäden zur Grundwasserverunreinigung geführt hätten. Es gebe aber bereits Nachholbedarf: Nur 500 Kilometer Kanalstrecke würden jährlich in Ordnung gebracht. Das Grundwasser habe nur geringe Selbstreinigungskraft, Schäden seien damit sehr kostenträchtig. Wenn erst einmal ein Kanal einbreche, sei es aber zu spät, mahnte der LfU-Präsident.


Tampons und tote Ratten


Kanäle können heute relativ bequem durch einen kleinen Kamerawagen inspiziert werden, wie das beispielsweise die Augsburger Stadtentwässerung, ein städtischer Eigenbetrieb mit 200 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 45 Millionen Euro, praktiziert.
Unternehmenschef Peter Haller demonstrierte vor Ort die Vorgehensweise: Der untersuchte Kanalabschnitt muss zunächst sorgfältig gereinigt werden. Dann liefert die Kamera Videobilder, die ins Kamerafahrzeug übertragen und dort verarbeitet werden. 180 der insgesamt 640 Kilometer des Augsburger Kanals werden laut Haller so jährlich abgefahren.
Probleme bereiten vor allem Gegenstände, welche die Einwohner oft gedankenlos per Toilettenspülung entsorgen: Man glaubt es kaum, aber sogar exotische Haustiere wie Schlangen oder Ratten sind darunter; vor allem jedoch Alltagsmüll wie Tampons, Kondome oder Wattestäbchen. „Das hat definitiv nichts im Abwasserkanal verloren“, schimpft Haller.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten bayerische Städte die sagenhafte Summe von rund 30 Milliarden Euro in ihr Kanalnetz investiert, berichtete Reiner Knäusl, Geschäftsführer des Bayerischen Städtetags. Die jetzt erforderliche Qualifizierung der Kanäle sei „von Städten und Gemeinden allein finanziell nicht zu schultern“. Das Problem: Sanierungskosten sind seitens des Landes ausdrücklich nicht zuwendungsfähig. LfU-Chef Göttle nannte hier das Gebührenniveau bei Wasser und Abwasser in Bayern „vergleichsweise niedrig“ – was wohl den Boden für eine Erhöhung bereiten soll. Im Leitfaden wird auch ganz konkret empfohlen, vom Bürger mehr zu kassieren. Allerdings seien die Bürger laut Göttle bei diesem Thema „sensibel“.
Beim Bayerischen Gemeindetag sind nach Aussage der stellvertretenden Referatsleiterin Juliane Thimet die Sanierung von Kläranlagen und der Bau von Regenrückhalte- und Überlaufbecken „schon seit zehn Jahren Beratungsschwerpunkte“. Die Modernisierung der Ortsnetze sei aber eine neue Herausforderung. Die Materie sei „technisch und rechtlich kompliziert – schon rein begrifflich“. So unterschieden die Ingenieure zwischen Sanierung, Reparatur, Renovierung und Erneuerung. Bei der Finanzierung des laufenden Unterhalts durch Gebühren und Beiträge werde aber juristisch nur zwischen Verbesserung und Erneuerung differenziert. Es müssten also „neue Begriffe gefunden werden“, fordert man bei Gemeindetag.
In nächster Zeit soll es vorrangig um die Generalsanierung von Netzen in Innerortslagen gehen. Nötig seien eine Bestandsaufnahme und ein Sanierungskonzept – das kann sich allerdings Jahre hinziehen –, damit „kein Geld verschwendet“ werde. Vor allem dabei gebe der Leitfaden Hilfestellung.
Juliane Thimet sprach aber auch anstehende Probleme an, die in der kleinen Broschüre nicht behandelt werden konnten: der Umgang mit Fremdwasser, private Entwässerungsanlagen, Entwässerungssatzungen, der Umgang mit privaten Sachverständigen, die gesplittete Abwassergebühr, DIN-Vorschriften und die Abrechnung einer Generalsanierung, die trotz mancher Änderungen verständlich bleiben müsse. In manchen Regionen stehe wegen des demografischen Wandels auch ein Rückbau von Abwasseranlagen an.
(Andreas Alt)

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