Kommunales

Die Renditen mancher Energiegenossenschaften können sich sehen lassen. (Foto: Bilderbox)

15.03.2013

"Ein beispielloser Verteilungskampf"

Die Energiewende steht im Mittelpunkt der 15. Münchner Tage für Bodenordnung und Landmanagement

Josef Demar ist zweifelsohne eher ein Mann der Tat als einer für gefällige Theorien. Als der stämmige CSU-Bürgermeister von Großbardorf mit seinem Referat an der Reihe ist, kämpft er zunächst mit der Power-Point-Präsentation, und auch manche Formulierung im breitesten Fränkisch sorgt im Saal der Hanns-Seidel-Stiftung – gut gefüllt zur Jubiläumsveranstaltung der 15. Münchner Tage der Bodenordnung und Landentwicklung – für Erheiterung. Etwa, wenn der Rathauschef darlegen will, dass in seinem 900-Seelen-Dorf im Landkreis Rhön-Grabfeld eine lange Tradition des Strebens nach Versorgungsautarkie besteht und schon vor 90 Jahren ein eigenes Windrad den Ort mit Strom speiste: „Die Energiewende hat sich bei uns fortgepflanzt“, kommentiert der 58-Jährige, der seinen Heimatort seit immerhin 17 Jahren regiert und jede Wiederwahl ohne Gegenkandidaten schaffte.


Kein einheitliches Raster


Immerhin: Von Großbardorf kann der Rest der Republik noch etwas lernen. 2012 errang die Kommune als einer von drei Orten bundesweit die Auszeichnung „Bioenergiedorf des Jahres“. Im Gemeindegebiet erzeugen vier Bürgersolaranlagen so viel elektrischen Strom, dass damit 650 Haushalte jährlich mit Strom versorgt werden könnten. Der Strom der Großbardorfer Energiegenossenschaft wird ins öffentliche Netz eingespeist. Mit Einlagen ab 2000 Euro konnten sich die Großbardorfer an den Solaranlagen beteiligen. Über eine Biogasanlage werden zudem über hundert Haushalte im Dorf mit Wärme versorgt. Rund sechs Millionen Euro investierten die Einwohner bislang in die eigene Strom- und Wärmeerzeugung.
Wie gesagt, mit opulenten Grafiken und ausufernden Statistiken hat es Josef Demar nicht so – aber er weiß, wie man Menschen in ihrer Sprache vom Nutzen der Energiewende überzeugen kann: „Da hat einer geklagt, das Sparbuch bringt nicht viel Rendite. Dem habe ich geraten, jedem seiner fünf Enkel für jeweils 2000 Euro Anteile an der Genossenschaft zu kaufen. Und wenn er mal stirbt, freuen sie sich immer, wenn die Sonne scheint und Rendite bringt, und denken an den Opa.“ Auch wichtig: Nicht zu groß darf alles geraten, man solle, so Demar, keine „Riesenflächen“ mit Solaranlagen zubauen, rät der Bürgermeister, nur in einem Ausmaß, das man noch überschauen kann.
Die Mischung macht es, sagte sich wohl Veranstaltungsorganisator Holger Magel, als er seine Referentenschar zusammenstellte. Helmut Brunner (CSU), der bayerische Landwirtschaftsminister, sprach etwa über die „Energiewende als Chance für Kommunen im ländlichen Raum“, Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Technischen Universität Bayreuth erläuterte „Erfolgsfaktoren und Hemmnisse für Klimaschutzkohnzepte“. Wilfried Roos, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Saerbeck in Nordrhein-Westfalen, demonstrierte am Beispiel seiner „Klimakommune“, dass auch die Bayern nicht schlecht beraten sind, gelegentlich über den weiß-blauen Tellerrand hinauszuschauen. Unter anderem wurden alle Dächer des Dorfes auf ihre Eignung für Photovoltaikanlagen geprüft.
Trotzdem gibt es bei der kommunalen Energiewende keine einheitlichen Raster, die man einer Stadt überstülpen könnte. Was im einen Ort goldrichtig ist, kann im anderen grundfalsch sein. Das demonstrierte Markus Brautsch, Professor am Institut für Energietechnik der Hochschule Amberg-Weiden. Pro Jahr erstellen er und seine Mitarbeiter gut 120 kommunale Energiekonzepte, hinzu kommen etwa 50 weitere für Industriebetriebe.


"Endlose Diskussionen"


Das Energie- und Klimakonzept am bayerischen Untermain zu erläutern war Anliegen von Gerald Heimann, dem Geschäftsführer des Zentrums für Technologie, Existenzgründung und Kooperation in der Region. 64 Kommunen, darunter zwei Landkreise, haben sich gemeinsam mit zahlreichen Firmen im äußersten Nordwesten des Freistaats zusammengeschlossen, vertreten rund 370 000 Menschen. Der starke Anstieg der Energiekosten in den vergangenen Jahren war dort, am Rande der Wirtschaftsregion Rhein-Main, besonders relevant, weil die mittelständisch geprägte Zulieferindustrie einen hohen Verbrauch aufweist.
Heimann hielt es auch für notwendig, mal den Finger in die Wunde des Förderwirrwarrs zu legen. „Da muss ein großer Aufwand für geringe Summen betrieben werden“, klagte er. Außerdem liefen auf kommunalpolitischer Ebene oft endlose Diskussionen, das Thema Energiewende werde gern von Selbstdarstellern, Polarisierern und Polemikern okkupiert.
Fazit der zweitägigen Veranstaltung: „Es geht bei der Energiewende inzwischen um einen beispiellosen Verteilungskampf“, ist Holger Magel überzeugt. Dabei wird sich aus seiner Beobachtung auch in den nächsten Jahren ein Paradoxon immer wiederholen: „Nämlich, dass Bürger einerseits für erneuerbare Energien sind, aber wenn es konkret wird, im unmittelbaren lokalen Lebensumfeld, zum Gegner mutieren.“ (André Paul)

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