Kommunales

14.05.2010

Ein Dorf im Festspielfieber

Bei den Passionsspielen in Oberammergau geht es nicht nur um Tradition, sondern vor allem um Geld

Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn“ skandiert es sensationslüstern von allen Seiten. Der bärtige, langhaarige junge Mann in Jeans und Sweatshirt schleppt sich ab mit seinem Kreuz, umringt von einer Horde Menschen, die es offenbar nicht gut mit ihm meinen. Der Mann bricht fast zusammen, das Holz schleift über den Steinboden. Man bietet ihm Wasser an, das er ablehnt. Ein weiteres Zeichen seiner Renitenz, die Peitschen knallen. „Kreuzigt ihn“, schallt es wieder. Und dann: „Stopp, stopp, stopp“. Einer der wenigen Burschen ohne lange Matte und Bart fuchtelt mit den Armen, in einer Hand eine Zigarette, die sofort ersetzt wird, wenn sie wegen drohender Brandblasen an den Fingern weggeschnippt wurde. Entspannt sieht anders aus. Der Geschundene ganz vorne legt dankbar das Holzkreuz auf den Boden und richtet sich auf, alles wuselt durcheinander. Spielleiter setzt auf Qualität statt Vetternwirtschaft Probe bei den Passionsspielen im oberbayerischen Oberammergau, die Premiere am morgigen Samstag rückt näher und die Nervosität steigt. Ein ganzes Dorf befindet sich im Festspielfieber, etwa die Hälfte aller Bewohner der 5000-Seelen-Gemeinde sind am Start, sogar verheiratete Frauen dürfen seit 1990 mitmachen – der Fortschritt ist nicht aufzuhalten im Holzschnitzerparadies am Fuße der Zugspitze. Spielleiter Christian Stückl inszeniert das Christenspektakel nun schon zum dritten Mal, und schon zum dritten Mal macht er alles anders. Immer wieder fordert der gebürtige Oberammergauer von seiner Gemeinde „Metanoite“ – „Denket um“, wie weiland der Heiland in seiner Bergpredigt. Und wie er zieht sich Stückl damit regelmäßig den Zorn des Establishments zu. Kreuzigungen sind ja heutzutage nicht mehr üblich, dafür stand der Spielleiter schon kurz vor dem Rausschmiss. So will sich Stückl zum Beispiel nicht vom Gemeinderat vorschreiben lassen, mit wem er die Hauptrollen zu besetzen habe. Der Theatermann und Intendant des Münchener Volkstheaters, weiß um die internationale Strahlkraft der Interimsspiele und will Qualität statt Spezlwirtschaft. Und der 49-Jährige, der 1990 als jüngster Leiter die Passionsspiele übernahm, versteht es, sich durchzusetzen. Die Mannschaft ist heuer deutlich verjüngt, die beiden aktuellen Jesus-Darsteller, Frederik Mayet und Andreas Richter, sind um die 30. Sie wurden nach Aussehen und Talent ausgesucht – und auch danach, ob sie überhaupt die Zeit haben, monatelang fast täglich zu den Proben zu erscheinen.

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