Kommunales

18.06.2010

Ein Panzer fürs Wohnzimmer

Der Niederbayer Alexander Kuncze ist Deutschlands einziger Restaurator für Militärtechnik

Liebe Damen, stellen Sie sich vor, Ihr Gatte, Versicherungskaufmann von Beruf, kommt nach Hause und berichtet von seinem neuesten Lustkauf. „Es ist ein Panzer“, berichtet der Mann und freut sich wie ein kleiner Bub. Die Begeisterung der Ehefrau von Alexander Kuncze aus München hielt sich dann auch in Grenzen, als ihr Mann vor zwei Jahrzehnten mit dem Militärschrott ankam, den er über eine Zeitungsannonce gefunden hatte. „Ich wollte das Teil eigentlich nur reparieren und dann damit rumfahren“, erzählt Alexander Kuncze. Weder er noch seine Familie ahnten damals, dass dieser Kauf ihr Leben verändern würde. Aus dem Angestellten mit sicherem Einkommen wurde ein inzwischen international renommierter Restaurator für Militärtechnik, der einzige seiner Art in Deutschland. 1,2 Millionen Euro für Hitlers Geheimwaffe Von außen deutet nichts darauf hin, dass die schlichte Halle im Industriegebiet von Geisenhausen bei Landshut äußerst seltenes und wertvolles Gut birgt: drei Flakgeschütze, zwei Flugzeuge, wertvolle Ersatzteile – Raritäten aus dem Zweiten Weltkrieg. Vor der Türe steht ein Panzer, aber gut verpackt und kaum als solcher zu erkennen. Auch ein Firmenschild sucht man vergebens. „Ich will hier kein Aufsehen“, so Kuncze. Besucher aus der militanten oder rechten Szene sind schlecht fürs Geschäft. Der 59-Jährige war selbst nie beim Militär und er interessiert sich auch nicht für Ideologien. Was den gebürtigen Münchner aber schon seit Kindesbeinen nicht mehr loslässt, ist die faszinierende Welt der Fahrzeug- und Waffentechnik. „Ein riesiger Haufen Schrott“ – das war es, was Alexander Kuncze 1980 für 10 000 Deutsche Mark erwarb und dann zehn Jahre lang in endlosen Stunden an Feierabenden und Wochenenden restaurierte. „Learning by doing“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn sein gesamtes Wissen über Militärtechnik beschränkte sich auf Beschreibungen aus Büchern und Archiven. Er tüftelte und schraubte, schweißte und hämmerte, bis der Panzer wieder aussah wie damals und fuhr. „Alle haben mich für verrückt erklärt“, feixt er heute. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. 1990 hängte der gebürtige Münchener seinen Versicherungsjob an den Nagel. Er zog mit seiner Familie nach Geisenhausen, baute zunächst ein Auktionshaus für Ersatzteile von historischen Militärflug- und -fahrzeugen auf, um sich seit 2000 ausschließlich der Restauration zu widmen. Heute wenden sich reiche Privatsammler und Technikmuseen aus der ganzen Welt an ihn, wenn sie eine demolierte Flak, einen zerschossenen Panzer oder ein Kampfflugzeug, meist aus dem Zweiten Weltkrieg, wieder auf Vordermann gebracht haben wollen. Mindestens die Hälfte der ursprünglichen Substanz sollte erhalten sein, damit das restaurierte Gerät später noch als Original gilt. Der Rest muss nachgebaut werden. Das kostet, je nach Aufwand, zwischen 20 000 und 1,5 Millionen Euro. Ein einträgliches Geschäft. „Das Wertvollste, was ich besitze, ist das hier“, erzählt Kuncze und wedelt mit einem zerfledderten Adressbuch. „Ich kann so ziemlich alles besorgen.“ Und wenn es ein Teil nicht mehr auf dem Rüstungsmaterialmarkt gibt, dann wird improvisiert – nicht selten nur auf Grundlage von Fragmenten, alten Fotos oder Zeichnungen. Wie im Fall dieses gebogenen Holzsitzes. Weil das Original verrottet war, ließ er die spartanische Sitzgelegenheit in einer Schreinerei nachbauen. Für Laien ziemlich unspektakulär, aber Kuncze streichelt darüber, als seien es die Rundungen einer schönen Frau. „Schichtverleimtes Holz“ schwärmt er. Viel spannender als das Ersatzteil ist aber die Geschichte des Geräts, in das es hineingehört: eine „Fieseler Fi-103 Reichenberg IV“. Von diesem einsitzigen Stahlflugzeug wurden nur 150 Stück gebaut und es sollte einem grausigen Zweck dienen: Diktator Adolf Hitler plante in den letzen Kriegsmonaten eine Art Selbstmordkommando, bei dem der Pilot den mit Sprengstoff beladenen Flieger in ein Ziel steuern und sich damit selbst in die Luft jagen sollte. Nur der Kapitulation ist es zu verdanken, dass diese Waffe nie zum Einsatz kam. Heute ist die „V 1 Reichenberg“ eine Rarität, von der es weltweit nur noch sechs Stück gibt. Und drei davon werden von Alexander Kuncze wieder auf Vordermann gebracht. Eine ist schon fertig, sie gehört einem schwerreichen Waffennarr aus den Vereinigten Staaten. Die zweite kommt von einem englischen Museum und wird nach Fertigstellung zwei Jahre lang im Berliner Technik-Museum zu bestaunen sein. Und die dritte gehört ihm selbst und soll verkauft werden. Der Wert: 1,2 Millionen Euro.

(Gabi Peters)

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