Kommunales

„Genießen Sie hier ganz strahlenfrei die herrliche Natur“ – Mit diesem Slogan wollen die Kreuzthaler Touristen anlocken. Foto: Jörg Schollenbruch

08.01.2010

Freiwillig im Funkloch

Das Kreuzthal im Allgäu hat sich zur handyfreien Zone erklärt

Es gibt sicher nicht mehr viele Landstriche in Bayern, in denen das Handy anzeigt: kein Empfang. Einer davon ist das Kreuzthal im Oberallgäu. In dem im Naturraum der Adelegg gelegenen Dorf hat man sich bewusst gegen jeglichen Anschluss an das Mobiltelefon-Netz entschlossen. Hier sind sie froh, handyfrei und damit, wie viele dort betonen, ohne Strahlenbelastung zu leben. Der Werbeslogan des zur Gemeinde Buchenberg gehörenden Kreuzthal lautet inzwischen deshalb: „Kommen Sie zu uns und genießen Sie hier ganz strahlenfrei die herrliche Natur.“
Im westlich von Kempten gelegenen Buchenberg folgt man mitten im Ort dem Weg, der zum Eschacher Weiher führt. Dort hat man einen wunderbaren Blick über die Landschaft – und ab sofort keinen Handy-Empfang mehr. Dann geht es rund sieben Kilometer leicht bergab, hinunter ins Dorf. Breite Allianz gegen geplanten Handymast Es ist wie ein Tor zu einer etwas anderen Welt, das man passiert, wenn man sein Auto auf der engen Straße lenkt. Rechts und links ragen Bäume in die Höhe, sie wirken wie riesige Wachsoldaten, die genau beobachten, wer hier rein und raus geht. Oder besser gesagt: wer hier rein und raus fährt. Das Allgäu ist für viele Touristen deshalb ein begehrtes Reiseziel, weil sie dort weniger Straßenlärm erwarten, weniger Abgase, weniger Umweltverschmutzung. Hier im Kreuzthal zwischen Kempten und Isny präsentiert sich diese Region in ihrer ursprünglichsten Art. Rustikal und rau, natürlich und unverbraucht. Wir wandern an diesem Tag auch auf den Spuren der einstigen Glasmacher. Ein harter Beruf, wie man in Schmidsfelden, einem Nachbarort des Kreuzthals, erfahren kann. Ein Beruf zudem, der beispielhaft steht für das Schicksal traditioneller Handwerksbetriebe in der Zeit der Industrialisierung. Mitte des 19. Jahrhunderts noch lief der Betrieb der Glashütte in Schmidsfelden auf Hochtouren, ab 1890 ging es stetig bergab. 1898 schließlich kam es durch die Konkurrenz der rheinischen und sächsischen Glashütten zum Niedergang. An die einstige Blütezeit erinnert heute noch ein Glasmacherdorf, ein jährlich dort stattfindendes Fest, bei dem man den Glasmachern über die Schulter schauen darf, ein Museum oder ein 20 Kilometer langer Glasmacherweg. So etwas wie der Stolz dieser Region. Jedenfalls gerät Buchenbergs Bürgermeister Toni Barth (CSU) ins Schwärmen, wenn er auf den vor zwei Jahren eröffneten Weg angesprochen wird: „Eine äußerst gelungene Einrichtung, die bislang viele Touristen in unsere Gegend gelockt hat.“ Wenn es um Traditionen und den Erhalt von Tier- und Pflanzenwelt geht, kennen sie rund um die Adelegg ohnehin keinen Spaß. Wer hier naturbedrohend eingreifen will, wird torpediert. Kam doch vor geraumer Zeit tatsächlich ein Mobilfunkbetreiber auf die Idee, mitten in die Adelegg, nahe des Glasmacherwegs, auf einem Berg einen Handymasten einzubetonieren. Viele Kreuzthaler schnaubten vor Wut und Oliver Post, Vorsitzender der „Initiative Kreuzthal-Eisenbach“, schob seine Mitglieder sogleich in Stellung, um laut zum Protest aufzurufen. Die Kreuzthaler haben sich durchgesetzt und zusammen mit dem für sie zuständigen Gemeinderat von Buchenberg einen Weg gefunden, den Bau eines Handy-masten zu verhindern. „Das war wichtig“, poltert Oliver Post, „um diese einmalige Landschaft hier in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten“. Er ist kein gebürtiger Kreuzthaler und weit herumgekommen in Deutschland und in Bayern. Sein persönliches Resümee: „Nirgends habe ich mich so wohl gefühlt wie hier.“ Er schwärmt von einer völligen Ruhe in diesem Tal, von einem Sternenhimmel, wie er ihn woanders noch nicht gesehen hat, von klarer Luft und einer ganz besonders engen Dorfgemeinschaft.

Freddy Schissler

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