Kommunales

Fürth ist die einzige mittelfränkische Großstadt mit kontinuierlichem Einwohneranstieg. (Foto: BSZ)

28.06.2013

Für kontrolliertes Wachstum

Die Stadt Fürth diskutiert mit ihren Bürgern Risiken und Herausforderungen der Prosperität

Fürth wächst und wächst und wächst – aber wohl bald über sich hinaus! Denn neben Augsburg ist die Kleeblatt-Stadt die einzige Großstadt Bayerns, deren Einwohnerzahl steigt: Seit dem Zensus (vom Mai 2011) wuchs Fürth bis zum März diesen Jahres auf 118 544 Einwohner an, wohingegen die Nachbarstädte Nürnberg und Erlangen schrumpften. Die Stadt sieht dies mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn das Wachstum bringt einerseits höhere Zuwendungen aus dem Finanzausgleich, andererseits aber auch immense Probleme mit sich.
Und die stellte die Stadt Fürth jetzt bei einer überfüllten öffentlichen Podiumsdiskussion unter dem Motto „Grenzen des Wachstums?“ der Bürgerschaft vor. Diese Grenzen sind, so Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD), in absehbarer Zeit erreicht; denn die Hochrechnungen der Demographen prognostizieren für Fürth an die 125 000 Einwohner für das Jahr 2030. Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bunds Naturschutzes (BUND), wies mit seiner eingangs zu Recht gestellten Frage auf die Ambivalenz des Wachstums hin: „Was soll wachsen? Und was muss schrumpfen?“. Soll die Flächenvernichtung durch Zersiedelung, Ausfransen der Stadt, immer neue Gewerbeparks und Ansiedlung neuer Industrien wachsen und die Ausdünnung der Innen- und Altstadt immer mehr schrumpfen? Und appellierte an die kommunale Verantwortung der Stadt, die sich nicht von der „Ökonomisierung“ durch Investoren ihre Planungshoheit und damit das Heft aus der Hand nehmen lassen dürfe.
OB Jung setzte dem die Verantwortung der Kommune für Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, soziale Wohnverhältnisse und Modernität entgegen, räumte freilich ein, dass „Fürth nicht zur Luxusstadt“ werden dürfe, in der in den besseren Quartieren „Schlösser im Park“ entstünden und in den „ärmeren“ Vierteln „das Prekariat und die Zuwanderer aus Osteuropa“ angesiedelt würden, also eine Art Ghettoisierung eskaierte.
Für eine „Kultur der sozialen Nähe“ plädierte Ulla Dürr vom Vorstand der Diakonie, gleichsam stellvertretend für die Sozialverbände der Stadt, forderte eine kommunale Politik des Miteinander. Die stößt freilich an ihre finanziellen Grenzen: Die Altstadt Fürths wird zwar durch Sanierung und Modernisierung in ihrer Substanz bewahrt und verbessert. Aber durch höhere Mieten für junge Familien und vor allem für ältere Menschen wird sie zunehmend unerschwinglich.
Umgekehrt wies Dirk von Vopelius, Präsident der Industrie- und Handelskammer des Bezirks Mittelfranken, darauf hin, dass Fürth auch die Chance nicht verpassen dürfe, die wirtschaftliche Zukunft der Stadt durch die Förderung des Gewerbes zu sichern. Was OB Jung mit seiner Aussage bestätigte, dass die Investoren in Fürth „Schlange stünden“. Das stelle die Kommune jedoch vor das Problem, „zwischen Urbanität und maximaler Ökonomisierung die Balance zu halten“.
Am Schluss blieb die vom Publikum – je nach Interessenlage– unterschiedlich unterstützte Forderung, dass es nicht um „Wohnen oder Wirtschaft“, sondern um „Wohnen und Arbeiten“ geht. Für die Kommunalpolitiker bleibt daher die Herausforderung einer ständigen Gratwanderung, in der man es niemals allen recht, sehr leicht aber irreversible Fehler machen kann. Diese in der Vergangenheit manchmal gemacht zu haben, räumte das Fürther Stadtoberhaupt freimütig ein. Er hielt seiner Stadt aber auch zugute, dass zumindest der Dialog mit den Bürgern aber auch der Dialog zwischen den unterschiedlichen Interessenvertretern bislang jedenfalls immer zustande gekommen sei. Was die Vertreter verschiedener Bürgerinitiativen insofern bestätigten, als sie einräumten, in Fürth immer angehört worden zu seien – und sich mit ihren Begehren nicht selten auch durchgesetzt hätten. (Friedrich J. Bröder)

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