Kommunales

Tag der offenen Tür bei der Energiezentrale des ersten interkommunalen Geothermieprojekts in Aschheim bei München.(Foto: Fröhlich)

25.11.2011

Gemeinden in Energiegräberstimmung

Wie Kommunen im Freistaat bei der Energiewende kooperieren

Entweder sind Starnberger besonders innovativ oder hatten einfach nur Angst vor fallenden Villenpreisen am Ufer ihres Sees. Auf jeden Fall bewies der Landkreis Weitsicht bei der Frage, wie das Alpenpanorama nicht durch Windräder beeinträchtigt wird und das Fünfseenland dennoch bis 2035 energetisch autark sein kann. Dazu erstellten vierzehn Kommunen Teilflächennutzungspläne, die rechtlich als gemeinsame landkreisweite Planung für Windanlagen gelten. So muss nicht jede Gemeinde einen Standort finden, und die Mindestabstände können großzügig eingehalten werden. Doch schon im Nachbarkreis gibt es bezüglich der Standorte wieder Probleme. Dabei soll bis 2022 über 50 Prozent der Energie aus erneuerbaren Rohstoffen gewonnen werden.


Bürgeranlagen führen zu einer höheren Akzeptanz


„Die Energiewende ist die größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung“, mahnte der Energiebeauftragte und Regierungspräsident von Oberbayern Christoph Hillenbrand bei der dritten Informationsveranstaltung zur interkommunalen Zusammenarbeit. Deswegen sei ein Schulterschluss zwischen Freistaat, Kommunen und Bürgern zur Deckung des Gesamtbedarfs nötig. Der Wind in der bayerischen Staatsregierung hat sich also gedreht: Im alten Energiekonzept setzte sie bei der Versorgung noch auf Zentralisierung. Das neue Ziel: Ein energetischer Dreisprung. Energien sollen eingespart, effizienter gemacht und durch regenerative ersetzt werden.
Dazu will die Regierung bis 2016 beispielsweise die Windenergie von derzeit 0,6 auf 5 Milliarden Kilowattstunden und die Photovoltaik bis 2021 von 3900 auf 14 000 Megawatt ausbauen. Um dies zu erreichen, müssen alte Anlagen optimiert und 1500 neue Windräder gebaut werden. Aus diesem Grund sollen Kommunen wie im Landkreis Starnberg in Regionalplänen Windkraft und Solarenergie raumverträglich steuern. „Dabei sind auch Schutzgebiete nicht mehr generell ausgeschlossen“, erklärt Staatsministerin Marion Lautenbacher vom Umweltministerium. Außerdem schlägt sie vor, Bürgeranlagen stärker zu fördern, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.
Bei der Wasserkraft hält die Landesregierung in den nächsten zehn Jahren Steigerungsraten um 15 Prozent auf 14,5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr für realistisch. Derzeit produzieren zwar fünf Prozent der Anlagen über 90 Prozent des Stroms. „Aber auch die kleinen Anlagen leisten einen wichtigen Beitrag zum regionalen Energiemix“, versichert Regierungsdirektor Klaus Arzet vom Ministerium für Umwelt. Da er kein Potenzial für Neubauten sieht, müssten alte Wasserkraftwerke modernisiert und vorhandene Querbauwerke erweitert werden. Um die Ökologie zu verbessern, sollten Gemeinden neue Kraftwerke der Universität München einsetzen. Darüber hinaus ist Arzet auf der Suche nach geeigneten Pilotstandorten für die umweltverträglicheren Pumpspeicherkraftwerke.
Wenn Bürger, Kommunen oder Unternehmen sich über einträgliche Standorte informieren wollen, hilft ihnen der neue Energieatlas des Umweltministeriums. Dieser enthält Fachinformationen mit Leitfäden, Statistiken, Ansprechpartnern und Praxisbeispielen. Dort kann sich nicht nur jeder per Klick ein Standortgutachten erstellen lassen. In Zukunft soll der Katalog sogar noch um ein Abwärmekataster erweitert werden, bei dem sich Abwärmequellen in Firmen anzeigen lassen. Schon jetzt können allerdings Interessierte im Kartenteil nachsehen, wo und von wem in Bayern Energie aus Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse genutzt wird.
Staatsminister Robert Götz vom Wirtschaftsministerium hält zwar Bioenergie für „ethisch fraglich“, sieht jedoch Vorteile wegen der kontinuierlichen Energierzeugung. Sie soll deshalb bis 2021 mit 50 Milliarden Kilowattstunden zum Primärenergieverbrauch beitragen. Weil dazu 15 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen umgewandelt werden muss, sollen vor allem Privatwälder in die Nutzung mit einbezogen werden. Um hier die Akzeptanz zu erhöhen, sei ein gesellschaftlicher Dialog nötig.
Diese Aufklärungsarbeit übernimmt die neu eingerichtete Energieagentur. „Energie Innovativ“ wolle keine Planwirtschaft betreiben, sondern sei lediglich Koordinations- und Informationsstelle für Kommunen, betont Götz. Sie seien schließlich Träger der Energiehoheit, Verantwortlich für die Planung und erste Anlaufstelle für Bürger oder Unternehmen. Die Agentur stellt ihnen bald so genannte Energie-Coaches zur Verfügung und informiert zudem über Förderprogramme vom Freistaat, Bund oder der Europäischen Union.


„Verwaltungsvorschriften sind von vorgestern“


Wolfgang Seiler von der Bürgerstiftung Energiewende Oberland begrüßt die neue Einrichtung: „Bisher muss man für Fördermittel noch von einem Ministerium zum anderen pilgern.“ Dennoch kritisiert er die Finanzpolitik der Staatsregierung und das mangelnde Personal. „Ein Dreisprung reicht nicht aus“, schimpft er. „Es ist ein Viersprung nötig, denn die Verwaltungsvorschriften sind von vorgestern und können die Probleme nicht lösen.“ Er fordert eine Neuordnung der politischen Rahmenbedingungen und für eine bessere Vernetzung ein regionales Energiekompetenzzentrum.
Nachholbedarf seitens der Regierung besteht auch noch in puncto Tiefengeothermie: Mittelfristig soll sie nur rund ein Prozent des Wärme- und Strombedarfs decken. Wie es schneller gehen kann, zeigen die Gemeinden Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim. Sie haben mit der AKF Geothermie GmbH das erste interkommunale Geothermieprojekt Deutschlands auf die Beine gestellt.
Obwohl die Zusammenarbeit und das Aufbringen von 45 Millionen Euro Eigenkapital nicht immer einfach gewesen sei, habe nach nur vier Jahren erste Wärme geliefert werden können. „Wir wollten von Putins oder Ölscheichs unabhängig sein und haben uns deswegen bewusst keine Energieversorger mit ins Boot geholt“, begründet Geschäftsführer Thomas Fröhlich das Projekt. Aus diesem Grund habe es auch keine Bürgerproteste gegeben. Zudem werde die heimische Wirtschaft gefördert und der stetigen Energiepreissteigerung entgegengewirkt. Fröhlich ist sich sicher: „Gemeinden müssen sich zusammentun, damit der Münchner Speckgürtel nicht zum Schweizer Käse wird.“ (David Lohmann)

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