Kommunales

Im Freistaat ist die Wasserrettung seit 2011 im Bayerischen Rettungsdienstgesetz fest verankert. (Foto: DPA)

30.05.2014

Gerüstet für die nächste Hochwasser-Katastrophe

Die Bayerische Wasserwacht ging bei der Flut 2013 bis an die Grenzen ihrer Einsatz- und Leistungsfähigkeit – und hat danach ihre Struktur weiter verbessert.

Fischerdorf bei Deggendorf, vor ziemlich genau einem Jahr: Kurz vor Mitternacht steig das Wasser plötzlich so rasend schnell, dass es für die Retter der Wasserwacht selbst lebensgefährlich wird. Technisch hat das Team den Katastrophenfall dann gut gemeistert, aber inzwischen wurde bei der Einsatzplanung nachgebessert.
 „Unglaublich. Selbst wir wären fast abgesoffen“, erinnert sich Thomas Schöttner, ein erfahrener Bootsführer in der Wasserwacht von Pilsensee im Landkreis Starnberg und seit über 30 Jahren in der Wasserwacht tätig. „Dazu kamen Regen, Dunkelheit, Kälte, wenig Schlaf und seit drei Tagen und Nächten waren wir pausenlos im Einsatz.“ Seine fünfköpfige Truppe kam zuerst nach Rosenheim, später wurde sie in Fischerdorf und Natternberg angefordert. Überall in Bayern stemmten sich die Wasserwacht-Schnelleinsatzgruppen im Sommer 2013 gegen die Wassermassen der Jahrhundertflut: Auf Rettungsbooten holten sie Menschen aus ihren Häusern, Taucher kontrollierten bedrohte Dämme und Hubschrauber setzten Luft- Wasserretter auf Dächern ab.
Die Wasserwachten mussten bei Regen und Dunkelheit die Eingeschlossenen von Dächern und Balkonen holen. Binnen zwei Stunden hatte die Flut hunderte Existenzen vernichtet. „Viele Menschen wollten aus Sorge um ihr Hab und Gut das Haus nicht verlassen. Erst als ihnen das Wasser bis zum Dach stand, sind sie in unsere Boote gestiegen.“ Die starke Strömung in den überschwemmten Straßen erschwerte die Rettung zusätzlich. Gegen zwei Uhr nachts erreichten immer mehr Notrufe die Helfer. „Oft wussten wir nicht mal, wie viele Personen in den Häusern waren. Aber wir haben alle heil rausgebracht, insgesamt über zwanzig Personen.“
Mehr als 200 Schnelleinsatzgruppen betreibt die Wasserwacht in ganz Bayern; allein 58 dieser Einheiten gibt es in Oberbayern. Auch Christian Aicher (35), Vorsitzender der Wasserwacht Obing, stand im Juni 2013 mit seinen Leuten bis zur letzten Minute auf dem bedrohten Salzach-Damm in Tittmoning. Erst nachdem alle Feuerwehrleute und Helfer in Sicherheit waren, gab er den Befehl zum Rückzug – kurz vor der vollständigen Überflutung. Die spontane Hilfsbereitschaft der Anwohner war für ihn ergreifend: „Wir wurden mit warmen Getränken und Essen verpflegt , in jedem Korb lag ein Zettel mit Dankesgrüßen.“
In Oberbayern sind von Eichstätt bis Berchtesgaden, von Landsberg bis Altötting Wasserwacht-Fahrzeuge ganzjährig rund um die Uhr einsatzbereit. Zur Ausrüstung zählen unter anderem Tauchgeräte, spezielle Schutzanzüge und Material zur medizinischen Erstversorgung. Auf Trailern immer dabei: wendige Schnellboote für jedes Gewässer. Martin Gebhard, Vorsitzender der Wasserwacht Oberbayern: „Wir haben nach jahrzehntelanger Aufbauarbeit in jedem Landkreis mindestens einen Standort für unsere mobilen Kräfte.“ Nach einer Alarmierung durch die Integrierte Leitstelle sind die Einsatzkräfte spätestens nach acht bis zehn Minuten unterwegs. Und das bayernweit etwa tausend Mal im Jahr.

2013 ertranken im Freistaat 73 Menschen - fast immer Nichtschwimmer


Die Einsatzberichte vermerken dann vor allem Rettungen aus dem Wasser und die Suche nach Vermissten, selten Leichenbergungen. Einsatzorte sind Weiher, Seen, Flüsse, im Gebirge auch Wildwasser; 2013 ertranken in Bayern 73 Menschen. Grund: „Immer weniger Menschen können schwimmen“, beschreibt Manuela Wunderl, die Problematik. „Schwimmunterricht wird an den Schulen seit Jahren reduziert. Und viele Gemeinden schließen aus Kostengründen ihre Hallen- und Freibäder.“ Neben ihrem Lehramtstudium verbringt die 21-Jährige als Schwimmausbilderin viel Zeit mit der Wasserwacht. Auch sie gehört am Pilsensee zur Schnelleinsatzgruppe. „Ein Alarm kann jederzeit kommen. Dann heißt es sofort rein in den Neoprenanzug und ab ins Ungewisse.“ Für den Hochwassereinsatz hatte sie nach dem Anruf der Einsatzleitung genau eine halbe Stunde Zeit, um zu packen.
Laut Hochwassernachrichtendienst des Landesamts für Umwelt ist die Lage an Bayerns Flüssen derzeit entspannt. Grundsätzlich seien aber den ganzen Sommer über starke Regenfälle mit Hochwasser-Gefahr möglich, schränkt der Leiter des Dienstes, Alfons Vogelbacher, ein: „Innerhalb von zwei Wochen kann sich einiges ändern.“
Die Wasserwacht will aus dem Hochwasser lernen. Bewährt hat sich die Ausrüstung und die Ausbildung der Helfer, vor allem die Schulungen in Gewässern mit starker Strömung. Nachbessern muss man allerdings bei der Einsatzplanung. Denn: Einige Schnelleinsatzgruppen hätten im eigenen Landkreis zur Hochwasserhilfe gefehlt, da sie bereits zu Überschwemmungen außerhalb der Region unterwegs waren. Im Lagezentrum in München wurde eine so genannte Alarmspitze Oberbayern, bestehend aus vier Einsatzleitern, eingerichtet. Die übernehmen im Katastrophenfall sofort die überregionale Koordination. (Matthias Endlicher)

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Kommentare (1)

  1. Herbert am 02.06.2014
    Ein sehr informativer und brillant verfasster Artikel. Bitte bald mehr von diesem Autor.

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