Kommunales

Wenn es eine Klasse darauf anlegt, kann der Unterricht für manchen unerfahrenen Lehrer zum Albtraum werden. (Foto: BSZ)

28.01.2011

Hilfe beim Praxis-Schock

Münchner Wissenschaftler entwickeln neues Didaktik-Verfahren für gestresste Nachwuchslehrer

Eigentlich war es ja ganz einfach, als es der Professor im Seminar erklärt hat. Doch als die 24-jährige Elisabeth K. erstmals vor den Kindern einer Hauptschule in einem sozialen Problemstadtteil stand, wollte das ganze mühsam erworbene Wissen über Didaktik nichts fruchten. Die Buben und Mädchen machten die junge Frau richtig fertig.

Wie guter Unterricht funktioniert, darüber erfahren Lehramtsstudenten heute eine ganze Menge. Dennoch folgt oft der „PraxisSchock“, wenn sie zum ersten Mal vor den Schülern stehen. Der Grund: Ihnen fehlt die Kompetenz, um das Geschehen im Klassenzimmer richtig einzuschätzen. Bildungsforscher der Technischen Universität München (TUM) haben nun ein Testverfahren mit Videos und standardisierten Fragen entwickelt. Damit können künftige Lehrer schon vor ihrem ersten Einsatz prüfen, ob sie auch komplexe Unterrichtssituationen professionell beurteilen. Der „Observer“ könnte schon bald zu einem festen Bestandteil des Lehramtsstudiums werden – nicht nur in Bayern, sondern sogar auch in den USA.
Biologie, 6. Klasse: Ständig redet ein Schüler dazwischen oder tuschelt vernehmlich mit seinem Nachbarn. Am Ende der Stunde stellt die junge Lehrerin fest, dass auch die anderen Kinder nur wenig vom Thema verstanden haben. Kein Wunder, denkt sich die Pädagogin: Der Störenfried hat alle anderen abgelenkt. Doch eine erfahrene Kollegin, die den Unterricht beobachtet hat, kommt zu einem ganz anderen Schluss: Die Lehrerin hat die Schüler kaum zum Mitdenken angeregt und selten konkrete Beispiele genannt. Der Großteil der Schüler – nicht zuletzt der besonders unkonzentrierte Junge – war so wenig aufmerksam, weil er schlicht gelangweilt war.
„Anfänger im Lehrerberuf nehmen den Unterricht oft selektiver wahr und neigen dazu, Situationen undifferenzierter zu beschreiben“, sagt Geraldine Blomberg, Psychologin und Bildungsforscherin an der TU München. „Statt das große Ganze zu bewerten, also etwa die Interaktion im Klassenzimmer oder grundsätzliche Missverständnisse bei der Vermittlung, stürzen sie sich oft auf das Verhalten einzelner Schüler.“ Mangelnde Übung, zu pauschale Denkmuster und die Prägung aus der eigenen Schulzeit verleiten sie dann zu Fehleinschätzungen. Davor schützt auch das didaktische und pädagogische Wissen aus dem Studium nicht. „Das eine ist das gelernte theoretische Wissen. Das andere ist, dieses Wissen in der konkreten Situation anwenden zu können, um das Unterrichtsgeschehen professionell zu beurteilen“, erklärt Blomberg.


Schauen, wo es kracht


Bislang hatten Dozenten wenig Möglichkeiten, die Wahrnehmungskompetenz der Studenten schon vor dem ersten Einsatz in der Schule zu erfassen, um diese dann stärker zu trainieren. Ein Team am Friedl-Schöller-Stiftungslehrstuhl für Unterrichts- und Hochschulforschung hat nun zu diesem Zweck ein standardisiertes Verfahren, einen Test namens „Observer“, entwickelt. Die Studenten sehen sechs Videos mit authentischen, komplexen Situationen aus dem Unterricht. Nach jedem Film müssen sie anhand eines Fragenkatalogs die Szenen im Multiple-Choice-Verfahren („trifft zu“, „trifft eher nicht zu“) beurteilen. Mit einem Tutor können sie dann Fehleinschätzungen besprechen und gezielt an ihren Schwächen arbeiten.
Die Fragen prüfen drei unterschiedlich anspruchsvolle Kompetenzen: Die Studenten sollen die Situation beschreiben, ihre Wirkung auf die Schüler erklären und die Folgen für das weitere Lernen prognostizieren können. Eines der Videos zeigt beispielsweise, wie ein Physiklehrer die Optik in den Unterricht einführt. Dann fragt der „Observer“ die Studenten unter anderem, ob der Lehrer das Thema in einen übergeordneten Zusammenhang einordnet, ob die Schüler die Bedeutung für die eigene Person erkennen und ob sie sich auf den kommenden Stoff einlassen konnten.
„Den Einsatz von Videos mit standardisierten Fragen zu kombinieren, ist ein bislang einmaliges Verfahren im Lehramtsstudium“, betont Projektleiterin Professor Tina Seidel. Der Vorteil der Standardisierung: Die Dozenten können die Entwicklung der Studenten verfolgen. So konnten die Bildungsforscher zeigen, dass Lehramtskandidaten, die zunächst nur die Grundkompetenz der Situationsbeschreibung beherrschten, nach einem entsprechenden Seminar auch die Wirkung des Unterrichts richtig einschätzten. „Der ,Observer’ kann also zu einem wichtigen Instrument der Evaluation im Lehramtsstudium werden“, sagt Seidel.
Künftig könnte es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade für verschiedene Phasen des Studiums geben, oder spezialisierte Varianten für eine bestimmte Fachrichtung.
Derzeit testen elf deutsche Hochschulen mit unterschiedlichen Studienstrukturen die Entwicklung der TUM-Wissenschaftler. Auch US-Studenten schärfen bereits mit dem „Observer“ ihren Blick auf den Unterricht: Die angesehene Stanford University und die Northwestern University of Chicago erproben englische Versionen. (idw)

 

Info: Die Münchner School of Education


Die Technische Universität München hat 2009 die TUM School of Education als Fakultät für Lehrerbildung und Bildungsforschung gegründet. Sie ist fächerübergreifend für das Studium aller Lehramtskandidaten der TUM verantwortlich. Die Studenten werden bereits ab dem ersten Semester mit Praktika an die Unterrichtspraxis herangeführt. Die Forschungserkenntnisse der Bildungswissenschaftler und Fachdidaktiker fließen unmittelbar in das Lehramtsstudium und über Weiterbildungen in den Schulunterricht ein. Über ein Kooperationsnetz mit Schulen weckt die TUM School of Education mit zahlreichen Projekten bei Jugendlichen das Interesse für mathematisch-naturwissenschaftliche Studienfächer.

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