Kommunales

Der Freistaat liegt beim jährlichen Zuwachs an Verkaufsfläche in Shopping Malls bundesweit auf Platz 2. (Foto: DPA)

02.11.2012

Immer mehr Shopping Malls in Bayern

Verwaiste Innenstädte, dramatischer Umsatzeinbußen bei kleinen Händlern: Solche Erfahrungen schrecken Kommunen nicht ab

Der Einzelhandel in den bayerischen Innenstädten hat bisher keine guten Erfahrungen gemacht mit der Eröffnung von Shopping Malls. Meist gingen die Umsätze der kleinen Läden anschließend deutlich zurück. Das hindert viele Städte aber nicht daran, immer neue Rieseneinkaufszentren zu genehmigen. Nun formiert sich Widerstand.

Von der Armbanduhr bis zur Badehose alles unter einem Dach zu haben – wie angenehm für Konsumenten. Dass Einkaufscenter für Kunden Vorteile bringen, sieht auch Jens Drescher, Vorsitzender des Schweinfurter Einzelhandelsverbands, so. Nur eines tun Shopping Malls nach seiner Auffassung nicht: Städtische Zentren stärken. „Der einzige Sinn von Einkaufszentren ist es, sich selbst zu stärken“, sagt der Kürschner, dem das 2009 eröffnete ECE-Center „Stadtgalerie“ in Schweinfurt ein Dorn im Auge ist.
Rolltreppen befördern Kunden in Einkaufszentren bequem von einer Etage in die andere, bei Regen braucht es keinen Schirm, Parkplätze gibt es genug. „Konsumenten sind dadurch leicht zu verführen“, so Drescher. Über die „Strukturverwerfungen“ durch Shopping Malls werde nicht nachgedacht. Obwohl sie zum Beispiel in Schweinfurt deutlich sichtbar sind. Viele Geschäftsleute gaben auf, Läden sind verwaist. Selbst die Markthalle, einst kulinarischer Treffpunkt mit Bäckerei, Metzgerei und Café, stand über zwei Jahre leer. Vor wenigen Tagen wurde hier nun ein Woolworth eröffnet. Peek & Cloppenburg, einst versprochen, kam hingegen trotz Mall nicht in die Stadt.


165 000 Quadratmeter zusätzlich pro Jahr

Europaweit gesehen, sind die Briten besonders zurückhaltend mit der Erweiterung von Shopping-Center-Flächen. In der Türkei hingegen boomt derzeit der Bau von Malls. 400 000 Quadratmeter neuer Flächen sind für heuer geplant. Deutschland liegt mit 165 000 Quadratmetern neuer Shopping-Center-Flächen in Europa heuer auf Platz 2. „Shopping-Center erhöhen die Bedeutung einer Stadt als Einkaufsdestination im Wettbewerbsgefüge“, ist Professor Bernd Falk überzeugt. Den Analysen seines centerfreundlichen „Instituts für Gewerbezentren“ zufolge, gibt es in Deutschland rund 650 Shopping-Center. Die meisten stehen in Nordrhein-Westfalen, danach folgt Bayern.
In Weiden brachte die Bürgerliste im Sommer einen Antrag zur Stadtratssitzung ein, in dem kritisch nachgefragt wurde, warum die Kommune in der Oberpfalz noch immer kein Einkaufszentrum hat. „Unseres Erachtens würde ein Zentrum die Stadtentwicklung fördern“, sagt Fraktionssprecher Christian Deglmann. Die Mitglieder der von ihm vertretenen Liste sind verärgert darüber, dass sich der Investor Sonae Sierra nach fast zweijähriger Diskussion um das Projekt zurückzog. „Die Stadtführung treibt die Sache nicht energisch genug voran“, empört sich Deglmann, der glaubt, dass die Konkurrenz durch das geplante Center zu einem besseren Angebot in Weiden führen würde.
Dass innerstädtische Händler durch Shopping Malls teilweise starke Einbußen erleiden, hat der unterfränkische Einzelhandelsverband am Beispiel Schweinfurt nachgewiesen. Demnach nahm der Umsatz in der City abzüglich des 22 500 Quadratmeter großen ECE-Centers zwischen 2005 und 2011 um 30 Millionen Euro ab. Das sind fast 14 Prozent. „Für die Gesamtstadt haben Zentralität und Umsatz zwar zugenommen“, räumt Volker Wedde, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes in Unterfranken, ein. „Die Flächenausweitung ging jedoch zu Lasten des Innenstadthandels.“ Vielfalt und Atmosphäre seien darum in Schweinfurt gefährdet.
In richtiger Lage und richtig dimensioniert, kann ein Einkaufszentrum geeignet sein, Kommunen zu stärken. Dies zeigt das heute 50 000 Quadratmeter große Donaueinkaufszentrum in Regensburg, das 1967 als eines der ersten Shopping-Center in Bayern eröffnet wurde. „Einkaufszentrum und Altstadt ergänzen sich gut“, bestätigt Weddes oberpfälzischer Kollege Josef Kellermann. Probleme gebe es allerdings durch die vor zehn Jahren angesiedelten, 22 700 Quadratmeter großen Arcaden: „Die Altstadt hat durch die Ansiedlung der Arcaden einige Millionen Euro an Umsätzen verloren.“ Ihre Bedeutung als Standort für den Einzelhandel sei deutlich gesunken.
Aus Sicht der Stadtverwaltung war die Ansiedlung der Arcaden wichtig, erläutert Regensburgs Pressesprecherin Dagmar Obermeier-Kundel: „Damit wurde das Ziel aus dem Einzelhandelsrahmenkonzept verfolgt, die Verkaufsfläche der Innenstadt zu erweitern und die Altstadt zu ergänzen.“ Das Einkaufszentrum biete vor allem größeren Geschäften Platz, die infolge der kleinteiligen Baustruktur und des Denkmalschutzes in der Altstadt nicht realisierbar gewesen wären. In der Zwischenzeit würden die Arcaden von den Kunden zunehmend als Ergänzung zur Altstadt wahrgenommen: „Zu bestimmten Zeiten suchen mehr als die Hälfte der Besucher beide Standorte auf.“
Die Gemeinschaft der Einzelhändler versucht laut Volker Wedde überall in Bayern, gegen Einkaufszentren vorzugehen: „Doch wir können nicht entscheiden, nur beraten.“ Und auf negative Entwicklungen hinweisen. Sabine Köppel, Bezirksgeschäftsführerin des oberfränkischen Einzelhandelsverbands, plädiert dafür, dabei die zeitliche Schiene mit zu berücksichtigen. So hatte das vor 15 Jahren in Bayreuth eröffnete Rotmaincenter zwar zunächst auch negative Auswirkungen: „Ganze Seitenstraßen der Innenstadt wurden unattraktiv.“ Nach langem Umstrukturierungsprozess sei das Einkaufszentrum heute jedoch ein lebendiger Bestandteil der Innenstadt. Viele Ladenbesitzer in der Stadt sehen das aber etwas anders. (Pat Christ)

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Kommentare (2)

  1. Claire am 05.11.2012
    Was macht die schönen bayrischen Städte attraktiv? Die Bauten, na klar. Das Flair mit der Aussengastronomie von kleinem Cafe bis Riesenbiergarten, sicher. Das Kaufangebot besonderer und individueller Geschäfte, unbedingt. Doch genau das geht durch die immer weiter um sich greifende Unsitte der Einkaufzentren oder Neudeutsch Shopping Malls verloren. Wenn durch diese Malls die Kaufkraft zentral abgeschöpft wird, haben kleinere Geschäfte in den gewachsenen wunderschönen Altstädten keine Chance mehr. Was mal Besonders war, geht verloren. In die Malls gehen die großen Ketten und bieten Einheitsbrei... und in die Innenstädte? In Augsburg an exponierter Stelle ein Billigladen neben dem anderen, in Ingolstadt ein Ein Euro Laden am Paradeplatz. Besondere Läden, für die es sich lohnt in die Stadtmitte zu fahren und die somit auch die Städte lebendig und lebenswert machen, können sich neben solchen Mitbewerbern nicht halten. Wenn die Stadtmitte einer Stadt wie (Boomtown) Ingolstadt zur "C Klasse" im Ranking degradiert wird, dann sagt das viel über die Auswirkung der "hochgelobten" Malls aus. In Ingolstadt sind das einerseits das sogenannte Village und andererseits der Westpark. Auch hier darf oder muss die Frage gestattet sein: Quo bono?
    Den liebenswerten, berühmten und historischen Innenstädten sicherlich nicht, denn die verwaisen zunehmend.
  2. dieter am 05.11.2012
    Einkaufszentren werden immer als positiv verkauft. Ganz gleich, wo Sie gebaut werden sollen, die Gutachter ( soweit im Rathaus gewünscht ) kommen immer zu dem Schluß, daß so ein Einkaufszentrum die Innenstadt belebt und /oder die Zentralität hebt. Begründungen sind da viele möglich. Tatsächlich sind die meisten dieser Einkaufszentren für die betreffenden Städte völlig überdimensioniert und fügen den oftmals historisch gewachsenen Innenstädten auf Dauer erheblichen Schaden zu. Eine langfristige Folge ist, daß notwendige Renovierungen und Erneuerungem in die Bausubstanz unterbleiben und die Innerortskerne an Attraktivität verlieren.

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