Kommunales

Zerstrittene Familien, keine Kinder: Viele Menschen sterben allein, mit dem demografischenWandel werden es immer mehr. (Foto: dpa)

22.12.2014

Immer mehr Städter sterben einsam

Wachsende Zahl an Bürgern ohne Angehörige stellt Kommunen im Todesfall vor logistische Herausforderung

Wenn ganz am Ende niemand da ist, wird Sylvia Mednansky tätig. In fremden Wohnungen begutachtet sie persönliche Erinnerungsstücke und stöbert in den Dokumenten anderer Leute. Sie kümmert sich um das, was Menschen hinterlassen, die ohne Angehörige und oft auch ohne sonstige Nahestehende sterben. Die 55-Jährige ist Nachlasspflegerin in München. Ihr Eindruck ist: "Immer mehr Menschen sterben wirklich einsam."
Das legen auch Zahlen der Stadt München nahe.Wenn sich niemand um die Beerdigung kümmert, wird der Verstorbene"von Amts wegen bestattet" - und ist damit ein Fall für die örtlichen Behörden. 1219 Todesfällelandeten so im Jahr 2013 beiSigrid Diether, die beim Referat für Gesundheit und Umwelt für dieStädtischenFriedhöfe zuständig ist. Die Zahl hat im Laufe der vergangenen Jahre zugenommen, seit runddrei Jahren ist sie etwagleichbleibend hoch. "Wir rechnenmiteiner weiteren Zunahme", sagt eine Sprecherin.
Über die Gründe könne mannur spekulieren, erklärtDiether. Die Bevölkerung werde immer älter, die Menschen lebten weiter entfernt voneinander, viele hätten keine Kinder. In Bayern gab es im Jahr 2013 nach Angaben des Landesamtes für Statistik40 Prozent mehr Alleinstehendeals noch vor 20 Jahren - etwa 40 Prozent davon sind älter als 60 Jahre. Besonders oft leben sie in Großstädten."Die Familie als Institution stirbt aus. Oft sind keine Kinder da und niemand sonst, der den Alten nahe steht", sagt eine Sprecherin des Münchner Gesundheitreferats.
Sylvia Mednanskys Erfahrung zeigt: Nicht nur ältere Menschen müssen den letzten Weg alleine gehen. "Wir verwalten auch die Nachlässe von 40-Jährigen. Viele davon sind alkoholabhängig, psychisch krank oder verwahrlost", sagt die Nachlasspflegerin. "Besondersdie Fälle, in denen gar kein Besitz mehr da ist, nehmen zu." Den Hauptgrund sieht auch Mednansky in den Familienstrukturen: "Heute kümmert man sich weniger umeinander als früher, vor allem in der Stadt."
Nachlasspfleger werden von Nachlassgerichten beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, im Interesse möglicher Erben zu handeln. Sie durchforsten Archive, Akten und die Register der Standesämter nach meist weit entfernten Verwandten der Verstorbenen. Oft wenden sich Vermieter an sie, dann müssen die Nachlasspfleger sich um die Räumung der Wohnung des Toten kümmern.
Auch die Kommunalbeamten machen sich auf die Suche nach Hinterbliebenen, etwa mit Anzeigen in Tageszeitungen. Meist werden sie bei Angehörigenfündig, die mit dem Totenzerstritten waren oder ein mögliches Erbe ausschlagen wollen. Nahe Verwandte sind auch dann verpflichtet, für die Beerdigung aufzukommen. In746 Fällenwaretwa die Münchner Behördeim Jahr 2013 erfolgreich - dierestlichen 473 Verstorbenenwurden von Amts wegen bestattet.
Eine solcheBeerdigung sei zwar einfach gehalten,aber es handele sich keineswegs um eine Armutsbestattung, betont die Abteilung. Oft kann die Beisetzung vom Geld des Verstorbenenbezahlt werden, andernfalls kommt die Stadt dafür auf.Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro.

"Man darf nicht empfindlich sein"


Dass ihr Kunde gestorben ist, merken Banken und Sparkassen oft erst daran,dass per Post versendete Kontoauszüge zurückkommen. Sie sperren danndas Konto. Fristengebe es keine, sagt Sabine Gegg vom Sparkassenverband Bayern."Doch wir sind natürlich auch dahinter, dass bald ein Erbe gefunden wird", sagt sie. Darum frage man öfter beim Nachlasspfleger nach.
Mednansky und ihr Kollege Bertram Rudolf wissen, dass die Suche Jahre dauern kann. "Letzte Woche haben wir einen Fall aus dem Jahr 1992 abgeschlossen", sagt Rudolf. In 20 Jahren habe sie nur in zwei Fällen keinen Erben gefunden habe, sagt Mednansky. Dann geht der Besitz - vom Fotoalbum bis zum herrschaftlichen Anwesen - an das jeweilige Bundesland. In 1123 Fällen ist der Freistaat so 2013 nach Angaben des Landesamtes für Finanzen zum Erben geworden, etwa 4,5 Millionen Euro hat das Land damit eingenommen - die Ausgaben nicht verrechnet.
Inden vergangenen Jahren ist die Zahl dieser Staatserbschaften starkgestiegen, einen Zusammenhang zur demografischen Entwicklung sieht das Amt jedoch nicht. Denn meistens gibt es zwar Angehörige. Die schlagen das Erbe aber aus Angst vor Schulden aus.
"Man darf nicht allzu empfindlich sein, aber natürlich gehen uns unsere Fälle nahe. Ich sehe oft, wie jemandkeine Chance hatte im Leben. Bis zuletzt", sagt Nachlasspfleger Rudolf."Wirsehen Dinge, die die Menscheneigentlich verstecken wollten."Da war etwa der Mann, der die Toilettenspülung mit Regenwasser betrieb, erzählt er. Nicht aus Umweltschutz, sondern weil die Wasserrechnung zu hoch war.  
Oder die Frau, die alle Heizkörper in ihrer Wohnung abmontierte, um zu sparen.Große Erbfälle und wertvolle Funde sind selten, dafür sind Verwahrlosung,Armut und zugemüllte Wohnungeneher die Regel. "Schlimm ist es, wenn die Leiche erst nach Tagen entdeckt wird",sagt Mednansky."Der Geruch zieht bis in die letzte Ecke des Schrankes und man muss fast alles wegwerfen."
Doch ihr Beruf, sind sich die Nachlasspfleger einig, sei spannend wie der eines Detektivs. "Wir sehen das echte Leben", sagt Mednansky. Was ihr am besten gefällt? Wenn sie einen Erben findet, der sich wirklichfreut und von demverstorbenen Verwandten gar nichts wusste. Es ist ihr Beitrag dazu, zerbrochene Familien zusammenzubringen. (Eliza Britzelmeier, dpa)

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