Kommunales

Oberbürgermeisterin von Leupoldsgrün: Annika Popp, gerade mal 28 Jahre jung. (Foto: dpa)

29.07.2015

Jung, weiblich, Bürgermeisterin

Die 28-jährige Fränkin Annika Popp hat Exoten-Status: Sie ist Rathauschefin in Bayern. Die Zahl ihrer Kolleginnen ist überschaubar

Zum Beispiel die Sache mit der Arztpraxis. Über den Landarztmangel wird vielerorts geklagt, vor allem in Oberfranken gelten viele ländliche Kommunen als unattraktiv für Mediziner. Auch die 1240-Einwohner-Gemeinde Leupoldsgrün im Landkreis Hof hatte 15 Jahre lang keinen eigenen Hausarzt. Bis der Ort im Vorjahr eine neue Bürgermeisterin bekam - Annika Popp. Und sie schaffte es, einen Allgemeinmediziner zu organisieren, der in Leupoldsgrün eine Filialpraxis eröffnete. "Vielleicht ist das der Vorteil: Als junger Mensch geht man unbedarfter ran, probiert es einfach mal", sagt die 28-Jährige.

Dass jemand in jungen Jahren eine Kommunalwahl gewinnt, ist selten genug. Dass es sich aber auch noch um eine Frau handelt, beschert Annika Popp einen gewissen Exotenstatus. Denn in nur etwa acht Prozent der bayerischen Rathäuser gibt es eine Chefin. Zum Vergleich: Im Bundeskabinett sind immerhin 5 von 15 Ministerposten an Frauen vergeben, im Bundestag sind mehr als ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Doch die Kommunalpolitik scheint noch immer eine Männerdomäne zu sein.

In nur acht Prozent der Rathäuser gibt es eine Chefin

Warum eigentlich? Frauen sähen sicher zunächst einmal die riesige Arbeitsbelastung, die so ein Job mit sich bringe, sagt die Bürgermeisterin im oberbayerischen Krailling, Christine Borstig (CSU): "Sie fragen sich natürlich dann oft, wie sie das - auch mit einer Familie - schaffen sollen."

Für Annika Popp ist das kein Problem. Sie ist quasi aufgewachsen mit vielen Ehrenämtern. "Die Großeltern, die Eltern - alle waren aktiv in den Vereinen des Ortes." Die Freizeit gehört dem Gesangverein, der Kirchengemeinde oder der Volkstanzgruppe. Sie habe früh gemerkt, dass es Freude bereite, sich zu engagieren, sagt sie. Sie trat der Jungen Union bei, schaffte es mit gerade einmal 20 Jahren in den Gemeinderat.

Einen "Masterplan" in Sachen Politik verfolge sie aber nicht, versichert sie: "Es hat sich nach und nach entwickelt." Bis eben zur Bürgermeisterkandidatur. Der Amtsinhaber von der SPD hatte aufgehört, die CSUsah eine Chance mit der jungen, bestens im Ort vernetzten Annika Popp, die inzwischen ein Lehramtsstudium absolviert hatte. Die junge CSU-Frau plante den Wahlkampf professionell, besuchte Seminare, scharte ein motiviertes Team um sich: "Und es hat perfekt geklappt." Da der Bürgermeisterposten keine hauptamtliche Stelle ist, arbeitet Popp noch bei der Volkshochschule (VHS) des Landkreises Hof bei einem Demografie-Projekt mit.

Im Landkreis Hof gibt es außer Popp keine Bürgermeisterin

Was gut zum Job im Rathaus passt - denn wie viele Gemeinden im Norden Oberfrankens hat auch Leupoldsgrün mit dem Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Schlechtreden will Popp ihre Kommune und die Region deshalb nicht - im Gegenteil, rasch zählt sie die Vorteile der Gegend auf: erschwingliches Bauland, Kita-Plätze und schöne Natur. "Zum Laufen oder Mountainbiken muss man nur vor die Haustür." Auch die Jobchancen seien gut, es gebe in der Region zahlreiche Unternehmen. Und: "Wir sind in zweieinhalb Stunden in Berlin, München oder Frankfurt. Das ist einwandfrei."

Kürzlich ist Popp in Berlin mit dem Helene-Weber-Preis ausgezeichnet worden, der das Engagement von Frauen in der Kommunalpolitik würdigt. Die Aufmerksamkeit will sie nutzen, um für ihre Heimat zu werben: "Wir haben hier eine hohe Lebensqualität. Ich bin von unserer Region überzeugt."

Tatsächlich ist Leupoldsgrün kein verschlafenes Nest, in dem nur noch die leben, die nicht schnell genug nach München oder Berlin gezogen sind. Der Friseursalon ist so gut besucht, dass man zwei Wochen auf einen Termin warten muss. Eine geschlossene Gaststätte öffnet wieder. Aus der Kita dringt fröhlicher Kinderlärm.

Popp will auch anderen jungen Frauen Mut machen, in die Politik einzusteigen

Annika Popp weiß, dass es nur sehr wenige Rathauschefinnen in Bayern gibt, im Landkreis Hof ist sie die einzige. Sie sieht sich deshalb durchaus als Vorbild für andere Frauen: "Ich bin keine Feministin. Aber ich will jungen Frauen schon Mut machen, in die Politik einzusteigen." Genau diesen Netzwerkgedanken will auch ihre oberbayerische Kollegin Borstig weiter stärken. "Wir amtierenden Frauen haben da schon Vorbildcharakter. Wir zeigen: Es geht."

Annika Popp hat keine Sorge, dass ihr Privatleben zu kurz kommt. Mit ihrem Mann Holger war sie schon verheiratet, als sie in den Wahlkampf gezogen ist. Als ihr Wahlsieg feststand, habe das sogar Anlass zu Witzen im Hause Popp gegeben: "Wir haben gescherzt, ob er jetzt drei Schritte hinter mir gehen muss - so wie ein Prinzgemahl."

Er sei ebenfalls in etlichen Vereinen engagiert, erzählt Popp. Dass abends Termine anstehen, sei selbstverständlich und kein Problem. Auch Kinder sind bald geplant, wie die 28-Jährige verrät. Bürgermeisteramt und Familie seien zu vereinbaren, glaubt sie: "Man ist vielleicht sogar flexibler als in anderen Jobs." Abgesehen von fixen Terminen könne man sich die Arbeitszeit gut selbst einteilen.

Wenn jemand mit 28 Jahren schon erfolgreich Kommunalpolitik macht, bleiben natürlich Fragen nach der politischen Zukunft nicht aus. Popp lächelt - und singt ein Loblied auf die Kommunalpolitik: "Hier kann ich meine Vorstellungen und Ziele gut verwirklichen. Man sieht die Reaktion der Menschen direkt. Auf einer höheren Ebene ist es schwierig, sich selbst treu zu bleiben." Aber sie sagt auch: "Wer weiß, was in 20 oder 30 Jahren ist?" (Kathrin Zeilmann, dpa)

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