Kommunales

Volle Wartezimmer gehören in vielen bayerischen Landarztpraxen längst zur Realität. (Foto: DPA)

25.05.2012

Junge Ärzte scheuen Belastung

Unbequeme Wahrheiten des Chefs der Landesärztekammer zum Medizinermangel im ländlichen Raum

Man möchte nicht ernsthaft krank werden im Jahr 2020 als Bewohner Nord- oder Ostbayerns. Denn der Mangel an Hausärzten, seit Jahren immer wieder thematisiert, scheint wohl noch schlimmer zu werden als bisher vermutet. Das zumindest ist der Tenor des kürzlichen Vortrags von Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, beim Treffen der bayerischen Landräte in Sonthofen. Über 1400 Praxen von Allgemeinmedizinern zwischen Fladungen und Oberstdorf werden unbesetzt bleiben.
Nicht viel besser schaut es bei den niedergelassenen Fachärzten aus. Vor allem in den Bereichen Hals-Nasen-Ohren, Augen, Chirurgie und Frauenheilkunde werden sich die Menschen in vielen ländliche Regionen auf lange Wartezeiten in übervollen Praxen einstellen müssen – wenn sie denn überhaupt noch einen Termin bekommen. Und nicht nur die Ärzte, auch die Arzthelferinnen werden knapp.
Soweit, so bekannt. Neu in der Darstellung von Max Kaplan war freilich der Umstand, dass nicht mehr allein der angeblich nicht handelnden Kommunalpolitik der Schwarze Peter zugeschoben wird. Denn tatsächlich agieren die Gemeinden und Landkreise schon seit Jahren sehr intensiv im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Viele Bürgermeister schnüren attraktive Lockangebote, die günstige Mieten und Hilfen bei der Finanzierung des technischen Equipments umfassen. Wer sich als Medizinstudent zu einem Einsatz in der tiefsten Provinz entschließt, bekommt Unterstützung bei Studiengebühren und höhere Stipendien.


Zu viel Bürokratie


Doch vielen Halbgöttern in Weiß ist das wohl immer noch zu wenig. „Unsere heutigen jungen Ärzte wollen weniger arbeiten und tun es auch nicht“, erläutert Kaplan, selbst seit 30 Jahren in der Branche tätig. Während etwa in den 1980er Jahren ein Hausarzt noch auf 1900 Arbeitsstunden jährlich kam, seien es heute gerade mal 1300. „Die Jungen wollen das Leben genießen“, referiert der weißhaarige Veteran. Klagen über Arbeitsbelastung relativieren schnell. Wer sich heute als niedergelassener Mediziner richtig reinhängt, ist meist älteren Semesters. Fakt sei: Es gibt effektiv mehr Ärzte als früher, aber das Pensum, das früher von zwei Kollegen bewältigt wurde, das schaffen heute erst drei.
Und vor allem beim männlichen Nachwuchs spielen wohl auch die Gattinnen nicht mehr mit wie früher. In der guten alten Zeit hielt eine Arzt-Ehefrau ihrem Mann den Rücken frei. Heute möchte sie meist selbst Karriere machen. Der Mann soll sich mit um Haushalt und Kinder kümmern. Das wird dann vielen Jung-Medizinern rasch zu stressig. „Die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist eine der am häufigsten genannten Ursachen, warum Endzwanziger die Eröffnung einer Landarztpraxis scheuen. Vielen Damen ist dann auch noch das Leben zwischen Kuhweide und Heustadl zu wenig glamorös, der Herr Gemahl wird angehalten, sich doch bitte urban zu orientieren.
Aber auch die Gesundheitspolitik, so Max Kaplan, habe vielen jungen Ärzten die Freude am Beruf vergällt. Die Bürokratie – vor allem die ausufernden Dokumentationspflichten – nimmt seit Jahren zu. Von selbsternannten Verbraucherschützern aufgehetzte Patienten überziehen die Ärzte mit Regressforderungen. Für den Patienten bleibt immer weniger Zeit. Wenn dann noch die medial geschönten Bilder über Medizinerexistenzen in Skandinavien – 40-Stunden-Woche, normales Angestelltenverhältnis statt wirtschaftlicher Selbstständigkeit, keine Budgetierung – wirken, lässt der Frust wohl nicht lange auf sich warten.
Für die Zukunft empfiehlt der Verbandschef vor allem eine Intensivierung der Weiterbildungsverbünde – 22 gibt es in Bayern, 31 weitere sind in Planung, einen Ausbau des kooperativen Belegarztsystems, eine Neustrukturierung des Bereitschaftsdienstes sowie mehr Praxisnetze. (André Paul)

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